29. Juni 2020

Lebensschutz hat viele Gesichter

Lebensschutz hat viele Gesichter

Endlich herrscht wieder Leben um mich herum, lärmende Schülerinnen und Schüler, auch wenn es nur die Hälfte davon sind,  Großfamilienessen, fröhliches Quietschen spielender Kinder am Hof unten …

So stell ich mir Lebendigkeit vor und nicht so, dass sechs Fenster auf einem Bildschirm aufleuchten und verzerrte Stimmen aus dem Lautsprecher versuchen eine Unterhaltung zu führen, die letztlich aus Einzelmonologen besteht. Als Mitarbeiterin der Aktion Leben bedauere ich es heuer natürlich sehr, dass der „Tag des Lebens“ und die „Woche für das Leben“ nicht in gewohnter Weise stattfinden konnten.

Kein Kindergottesdienst im Dom, kein Infostand im Europark … keine Überraschungspackerln zu verteilen. Für unsere Beratungsstelle ist dieser Tag besonders wichtig, um auf unsere Arbeit und die konkrete Hilfe für Schwangere und Familien in Krisen hinzuweisen. Das konnten wir heuer so nicht, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben,  wir werden unsere Aktion nachholen.

Der Tag des Lebens

Das eigentliche Anliegen des Tag des Lebens jedoch, der Schutz des menschlichen Lebens von seinem klitzekleinen Beginn im Mutterleib bis ins hohe Alter, ja bis in einen würdevollen Tod, wurde heuer mehr denn je zum Thema unserer Gesellschaft, ohne dass es ausdrücklich benannt wurde. Aber wozu haben wir denn wochenlange Einschränkungen mitgemacht, brav unsere Masken zurechtgerückt,  Babyelefanten abgemessen und gebannt jeden Abend auf die vom Ministerium präsentierten Zahlen geblickt: Ganz Österreich hatte nur ein Ziel: Leben zu schützen.  Und wir waren super gut darin. Österreich war ein Musterschüler in Sachen  Prävention, und wir haben eine relativ geringe Anzahl an Seuchenopfern  zu beklagen.

Wir Österreicherinnen und Österreicher haben bewiesen, dass wir zusammenhalten, wenn es darum geht, Schwächere zu schützen.

Und ich glaube, wir hätten das auch zusammengebracht, wenn man uns etwas weniger Panik gemacht hätte und nicht ganz so viel Polizeipräsenz gezeigt hätte, denn fast jeder hätte jemanden gekannt, den oder die er in Sicherheit wissen wollte. Gerade Kinder und Jugendliche waren vorbildliche Abstandhalter und Maskenträger, weil sie wussten, dass auch ihre Großeltern zu schützen waren. Der Generationenvertrag hat funktioniert.

Über die Erleichterung beim Anblick der fallenden Infektionszahlen hinweg, haben wir jedoch eine neue Sorge vor Augen. Wir haben viele vor einer schweren Erkrankung geschützt und Leben gerettet,  gleichzeitig haben wir noch mehr in eine schwere Lebenssituation gestürzt und zahllose Arbeitsplätze verloren. Während die Risikogruppe von Covid 19 eher älter war, ist die Risikogruppe, für die es jetzt einzutreten gilt, eher jung.  Familienerhalter/innen  sind von der Situation mehr betroffen als Pensionist/inn/en, Schulkinder mehr als Senioren.  Und auch der Lebensbeginn ist von einer Sorge mehr bedroht:

Wie gründet man eine Familie, wenn  einem nur  die Notstandshilfe bleibt und damit die Wohnung unbezahlbar wird?

Wie kann man, wenn man mehrere Kinder hat, den Zwängen des Arbeitsmarktes folgen und schnell mal  in ein anders Bundesland ziehen, weil man dort einen Job bekommt? Muss man jetzt alle Arbeitsbedingungen akzeptieren, zum Beispiel Sonntagsarbeit auf Kosten der Familie, nur weil man das Glück hat, überhaupt einen Job zu haben?

Was uns Covid 19 gezeigt hat bisher …

Covid 19 hat uns gezeigt, wie schnell man uns mobilisieren kann, aufeinander Rücksicht  zu nehmen.  Jetzt sind wir gefordert  zu beweisen, dass wir auch ohne Panik und Zwang solidarisch sind.  Das beginnt dort, wo wir auf die teure Klassenreise im kommenden Jahr verzichten, weil  sich nicht alle Eltern das leisten können oder dort, wo wir einer schwangeren Frau oder jungen Mutter Mut zusprechen, dass in Österreich jedes Kind angemessen versorgt werden kann … vielleicht ergänzen wir diese Worte auch gleich mit einem  Drogerie-Waren-Gutschein.

Ja, das Leben  wird nicht nur von Krankheiten bedroht, ja, es gibt nicht nur gesundheitliche Risikogruppen, ja,  Lebensschutz hat wirklich viele Gesichter … und wenn wir Leben schützen, Leben retten wollen, müssen wir das ganzheitlich tun, das heißt, wir müssen auch soziale und psychische Krisen ernst nehmen und nicht nur Fieber und Husten.

In diesem Sinne ist der Tag des Lebens 2020 für mich keineswegs ausgefallen und keineswegs vorübergegangen, er ist heute und morgen und übermorgen und im Herbst. Statt einer Woche für das Leben werden es Monate werden. Monaten, in denen wir daran arbeiten sollten, dass nicht die „Systemerhalter“ im eigentlichsten Sinn, unsere Familien mit Kindern, die Rechnung für den wirtschaftlichen Wiederaufschwung zahlen werden.

 



EIN ARTIKEL VON
  • Kerstin Kordovsky

    Ich bin verheiratet mit einem Religions- und Geschichtelehrer und Mutter von 4 Kindern und habe ein Enkelkind. Familie ist für mich das Netz, auf das ich mich verlasse, die Menschen, die ich liebe, der Ort, an dem man auch eine Krise überwinden kann. Seit 27 Jahren stecke ich meine Energieüberschüsse in die Öffentlichkeitsarbeit der Aktion Leben Salzburg.


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