Herbert Renz-Polster

Herbert Renz-Polster "Meine Kolumne"

2. Mai 2018

Welche Förderung nutzt den Kindern wirklich?


Förderung ist kein falsches Konzept, wird aber oft falsch verstanden. Wenn es um die Vorbereitung der Kinder auf die Zukunft geht, so landen wir oft reflexartig bei den immer gleichen Ängsten: wir könnten nicht früh genug damit beginnen. Und wir könnten nicht intensiv genug vorgehen. Dieser Beitrag setzt diesen Ängsten das kindliche Entwicklungsprogramm entgegen.

Das Potential gezielter Förderung

Welches Potential in der gezielten Förderung von Kindern steckt, zeigen die Erfahrungen mit sozial benachteiligten Kindern: wenn sie in den richtigen Kindergarten und die richtige Schule gehen, können sie aufholen – dank der dort erfahrenen Förderung. Auch ein Kind mit besonderen Talenten blüht durch Förderung oft wunderbar auf – denken wir nur an musikalisch begabte Kinder, die ihre Freude am Musizieren eben nur nutzen können, wenn sie auch ein Instrument, Unterricht und Ermutigung haben, eben: Förderung! Damit ist eines klar: Förderung ist kein falsches Konzept. Und trotzdem haben viele Fachleute Bauchweh, wenn es mal wieder um das Thema „Förderung“ geht. Und das zu Recht.

Förderkonzept: Panik

Bei vielen Eltern und auch so manchem Erzieher herrscht beim Blick auf die kindliche Entwicklung eine Art Panik-Konzept vor. Die Entwicklung des Kindes laufe nur dann optimal, wenn sie möglichst früh und möglichst umfassend stimuliertwerde. Die Kinder könnten ihre Potenziale nur dann entfalten, wenn die Eltern für den richtigen Dünger, das richtige Umfeld, die richtige Motivation sorgen. Gute Elternschaft zeichne sich also dadurch aus, dass die Kleinen möglichst rasch an die Lerninhalte herangeführt werden, die ein erfolgreiches Leben im Zeitalter der Globalisierung nun einmal begründen: Sprachkompetenz (Fremdsprachen inklusive), naturwissenschaftliches Verständnis und ein solides Wissen über die Welt. Bildung eben.

Förderung ist kein falsches Konzept. Und trotzdem haben viele Fachleute Bauchweh, wenn es mal wieder um das Thema „Förderung“ geht. Und das zu Recht.

Mit diesem Konzept hat sich auch die Rolle der Eltern gewandelt. Sie fühlen sich nicht nur für den Lebensunterhalt, die Sicherheit und die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich, sondern sehen sich auch als Coach, Lehrer und Trainer. Bei einer solch zentralen Rolle bei der Gestaltung des Lebensweges der Kinder, sind Ängste vorprogrammiert: Was, wenn ich bei meinem Job als Förderer einmal einen Durchhänger habe? Was, wenn ich nach der falschen Methode vorgehe?

Das Panik-Konzept ist verständlich, weil:

…der Druck in Sachen Bildung hat zugenommen. Wer in einer Wirtschaft punkten will, die sich im globalisierten Wettbewerb vor allem durch die Verwertung von Hochtechnologie und Wissen behauptet, muss durch ein Nadelöhr immer komplexerer Spezialisierungen – ein solider Fundus an Bildung ist da bestimmt kein Luxus. Gleichzeitig werden die prekären Ränder der Gesellschaft immer größer – so mancher Arbeitsplatz sichert kaum mehr das Existenzminimum. Wen wundert da, wenn die Eltern für ihre Kinder die Flucht nach vorn als Devise ausgeben?

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Die Sorge der Eltern ist auch aus einem zweiten Grund verständlich. Seit vielen Jahren ist bekannt, dass kleine Kinder gerade auf dem Gebiet der Sprachentwicklung wahre Wunder vollbringen. Sie können problemlos und akzentfrei eine Zweitsprache erlernen – was jeder bestätigen kann, der mit einem kleinen Kind in einen anderen Sprachraum umzieht. Diese Fähigkeit verlieren Kinder etwa im Alter von 6-10 Jahren – das Lernen von Sprachen wird jetzt immer mühseliger, weil die Kinder nun nicht mehr ihr intuitiv-synthetisches Lernprogramm nutzen können, sondern nach und nach auf das kognitiv-analytische Programm des Erwachsenengehirns ausweichen müssen – sie lernen jetzt Wort für Wort, Fall für Fall, alles im Schweiße ihres Angesichts. Das spricht für eine Art „sensibler Periode“, in der das kleine Gehirn besonders aufnahmefähig für neue Sprachen ist. Seit dieser Beobachtung haben Eltern gehörige Angst vor Lernfenstern, die sich vor der Nase ihrer Kinder unwiederbringlich schließen. Sie vertrauen auf das Prinzip der Frühförderung. Und fragen besorgt in Kindergärten, ob die Kinder dort denn auch Englisch lernen können.

Das Panik-Konzept ist falsch, weil:

…trotzdem alles für Gelassenheit spricht – und vor allem: für einen neuen Förderbegriff. Nehmen wir gleich die Sprachentwicklung. Hier zeigt sich, dass der intuitive Sprach-Lern-Motor nicht ganz so einfach in Schwung zu bringen ist. Kleine Kinder werden in Fremdsprachen nämlich nur unter ganz speziellen Bedingungen vollständig sprachkompetent. Dann nämlich, wenn die Sprache:

  1. sehr häufig und regelmäßig und
  2. von einer emotional zugewandten Bezugsperson
  3. im normalen Lebenskontext (für Kinder ist das vor allem das Spiel) und
  4. in muttersprachlicher Sicherheit gesprochen wird.

Kein Wunder, dass das Fremdsprachen-Lernen vor allem dann funktioniert, wenn Kinder die Fremdsprache über einen fremdsprachigen Elternteil oder fremdsprachige Spielgefährten lernen. Die Hoffnung, mit ein paar Brocken Englisch im morgendlichen Stuhlkreis im Kindergarten die Kinder auf diesen Weg zu bringen, ist leider unbegründet. Kinder können ihr Lernpotenzial nur nutzen, wenn sie in die Sprache sozial und emotional eintauchen können.

Ein Beispiel aus dem Leben:

Das Beispiel des Sprachenlernens verweist auf ein interessantes Prinzip des kindlichen Lernens: dass für grundlegende Entwicklungsaufgaben nämlich nicht das „Programm“ zählt, sondern dass das Kind hier mit seiner eigenen intuitiven Lernkompetenz am Zug ist. Dass ein Kind unter den skizzierten Bedingungen sprechen lernt (ob eine Mutterspache oder eine Fremdsprache), ist nicht Resultat großer erzieherischer Anstrengung, es ist unvermeidlich. Weder müssen hier die Eltern besondere didaktische Tricks anwenden (etwa häufige Wiederholungen oder besondere Erklärungen) noch müssen sie sich überhaupt in dieser Sache als führend verstehen – das Kind will das aus sich heraus und es hat alle Mittel an Bord. Das erklärt, warum auch Kinder in den Kulturen der Erde, die wenig Wert auf spezielle sprachliche Stimulierung ihrer Babys und Kleinkinder legen (und das sind die meisten Kulturen dieser Erde) komplett und vollständig sprechen lernen (Fremdsprachen inklusive), wenn eine solche Konstellation vorliegt.

Dr. Herbert Renz-Polster, Autor des Buches „Menschenkinder: Artgerechte Erziehung –  was unser Nachwuchs wirklich braucht“. Mehr dazu: www.kinder-verstehen.de

Menschenkinder: Artgerechte Erziehung - was unser Nachwuchs wirklich braucht

Dr. Herbert Renz-Polster
Kartoniert, Großformatiges Paperback. Klappenbroschur, 256 Seiten, mit. Fotos
2. Aufl. 2016

ISBN: 978-3-466-31068-5

€ 18,50

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EIN ARTIKEL VON
  • Herbert Renz-Polster

    Dr. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er gilt als eine der profiliertesten Stimmen in Fragen der kindlichen Entwicklung. Er ist Vater von vier Kindern.


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