Herbert Renz-Polster

Herbert Renz-Polster "Meine Kolumne"

10. Mai 2018

Kinder lernen fürs Leben – die Grundkompetenzen

kinder lernen fürs leben - meinefamilie.at

In meinem vorigen Beitrag ging es darum zu ergründen, wie viel Förderung für Kinder denn wirklich notwendig ist. Für grundlegende Entwicklungsaufgaben kommt es nämlich nicht auf das “Programm”, also die “Fördermaßnahme” an, mit dem man versucht, Kindern Dinge beizubringen. Es kommt vielmehr darauf an, dass das Kind mit seinen ganz eigenen, intuitiven Lernkompetenzen die Chance bekommt sich zu entfalten. Mit diesem Beitrag möchte ich direkt an das Thema anknüpfen und auf den ersten von zwei wichtigen Teilbereichen des kindlichen Lernens näher eingehen – die Grundkompetenzen, die jedes Kind der Welt erlernen muss.

Zwei Domänen des Lernens

“Intuitive Lernkompetenzen” – heißt das, dass alles im Kind schon drin ist, dass Eltern ihre Kinder gar nicht „fördern“ können? Bevor wir uns hier festlegen, betrachten wir kurz das kindliche Lernen aus der Vogelperspektive.

Bei ihrer Entwicklung haben Kinder zwei Lernaufgaben: sie müssen einerseits das lernen, was alle Menschen für ihr Leben brauchen, egal ob sie in Honolulu oder in Hamburg aufwachsen. Andererseits müssen sie aber auch Kompetenzen entwickeln, die ihnen in ihrem speziellen Fall, also hier und jetzt und als einzigartige Person bei der Lebensgestaltung helfen.

Diese Dinge müssen alle Kinder der Erde lernen

Schauen wir zuerst auf das, was alle Kinder lernen müssen, egal wo sie leben und egal was sie später einmal besonders gut können müssen – auf das Grundrepertoire des menschlichen Lebens sozusagen. Alle Kinder rund um den Globus müssen :

  • lernen mit sich und ihren Emotionen klar zu kommen
  • lernen zu kommunizieren
  • lernen mit den anderen klarzukommen
  • sich körperlich entwickeln, sitzen, krabbeln, laufen lernen
  • und und und…

Der Erwerb dieser kulturübergreifenden Grundkompetenzen ist integraler Teil des normalen Entwicklungswegs, er „passiert“ einfach – und zwar ohne dass das Kind dazu speziell motiviert oder unterrichtet werden müssten. Das „Normalprogramm“ des Lebens ist für den Erwerb dieser Kompetenzen ausreichend.

Tatsächlich sind die Kinder von Natur aus darauf angelegt, aus ihrer alltäglichen Umwelt all die Erfahrungen zu extrahieren, die sie für den Aufbau dieser Fundamentalkompetenzen brauchen – sie saugen sich tagtäglich damit voll wie ein Schwamm – und zwar aus sich heraus, ohne spezielle Förderung. Es braucht dazu nur eines: eine normale, „artgerechte“ Umwelt.

Diese ins normale Leben eingebaute Förderung bedeutet, dass Kinder von Anfang an mit dem ausgestattet sind, was es braucht, um sich unter normalen Bedingungen zu kompetenten Erwachsenen zu entwickeln. Dieses sparsame Prinzip macht aus Sicht der Evolution erheblichen Sinn: wo wäre die Menschheit heute, wenn die für die „Fitness“ der Menschen wichtigen Kompetenzen von ausgefeilten Fördermaßnahmen, einem luxuriösen Engagement anderer Menschen oder besonders günstigen Lebensumständen abhängig wären?

Artgerechte Entwicklungserfahrungen

Kinder brauchen auf ihrem Entwicklungsweg bestimmte Erfahrungen, die ihnen den intuitiven Aufbau ihrer Grundkompetenzen ermöglichen – weil sie nur so ungehindert lernen können. Worin besteht dieses eigenförderliche Umfeld?

Erstens: sichere Bindung

Nur wo Säuglinge und kleine Kinder in einem emotional sichernden Stil versorgt werden, entwickeln sie ihr Urvertrauen. Und darauf baut wiederum ihr Erforschungsmut auf: sicher gebundene Kinder dringen tiefer in ihre Umwelt ein und versorgen sich damit eigenständig mit immer neuem Lernstoff (Prinzip der Selbstwirksamkeit).

Kinder spielen fördern - meinefamilie.atZweitens: andere Kinder

Homo sapiens ist kein Einzelgänger, sondern ein Gruppenwesen. Die Fähigkeiten für diesen sozialen Lebensstil erwirbt er nicht nur von den Erwachsenen – sondern als Kind von anderen Kindern. Empathie, Fairness und die Fähigkeit in einer Gruppe klar zu kommen entstehen ganz stark im sozialen Quirl der Kindergruppe – vor allem im Spiel mit Kindern auf unterschiedlichem Entwicklungsstand!

Drittens: Unterstützung durch den „Stamm“

Menschen sind evolutionär gesehen auf ein gemeinschaftliches Aufziehen ihres Nachwuchses angelegt – Kinder gedeihen dort am besten, wo Helfer mit anpacken. Die Eltern sind wichtig, aber sie können es nur schaffen, wenn ihnen andere vertraute Menschen den Rücken stärken.

Viertens: Freiheit

Um in ihr kulturelles Umfeld hineinzuwachsen und um ihre individuellen Potenziale ausschöpfen zu können, brauchen Kinder eine ganz besondere Möglichkeit: nämlich nach einem eigenen Plan zu lernen. Sie müssen sich deshalb eine eigene, passende Umwelt schaffen können! Das gelingt am Besten im selbst bestimmten, freien Spiel. Hier schaffen Kinder sich ihre Wunsch-Welten, hier werden sie kreativ, hier versorgen sie sich mit einem auf sie selbst abgestimmten Input.

Fünftens: eine Welt im Gleichgewicht

Im Laufe der Kindheit entwickeln Kinder ein inneres Bild von der Welt, in der sie leben – sie erzählen sich selbst eine „Geschichte“. Sind die Menschen, die darin vorkommen meine Freunde? Mitspieler? Oder Gegenspieler? Muss ich mich tagtäglich beweisen? Kann ich mich auch auf andere verlassen? Kinder brauchen Frieden, Stabilität und Hoffnung. Und sie brauchen neben dem „Ich“ ein schützendes „Wir“. Ein solches Gleichgewicht verleiht Flügel!

Das erlernen der Grundkompetenzen im Leben ist nur der erste Teil des kindlichen Lernprozesses.

Neben dem „Grundrepertoire“ müssen Kinder aber auch spezielle Kompetenzen und Wissensinhalte erwerben, die ihnen helfen, die Herausforderungen ihres besonderen, von Kultur zu Kultur, von Generation zu Generation, von sozialer Schicht zu sozialer Schicht unterschiedlichen Lebens zu meistern. Dieses zweite Gleis des Lernens macht die Kinder fit für die unverwechselbare Umwelt, in der sie jeweils leben. Das eine Kind muss lernen, wie es am besten ein Gürteltier erlegt. Das andere, wie es den Kopierschutz auf einer DVD knackt. Das eine Kind muss sich auf der Straße durchschlagen, das andere auf einer Eliteschule. Jedes Kind bringt auf seinen Weg zudem noch eine eigene, unverwechselbare Persönlichkeit mit – eigene Begabungen, eigene Interessen, einen eigenen Charakter, eigene Ressourcen, eigene Hemmnisse, die alle sein Lernen mit beeinflussen.

Lesen Sie mehr über dieses zweite Kompetenzgebiet, in meinem nächsten Beitrag.

Dr. Herbert Renz-Polster, Autor des Buches „Kinder verstehen. Born to be wild – wie die Evolution unsere Kinder prägt“. Mehr dazu: www.kinder-verstehen.de

Kinder verstehen. Born to be wild – wie die Evolution unsere Kinder prägt

Dr. Herbert Renz-Polster
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 512 Seiten
9. Aufl. 2016
Durchgehend vierfarbig, mit zahlreichen Fotos.

ISBN: 978-3-466-30824-8

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EIN ARTIKEL VON
  • Herbert Renz-Polster

    Dr. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er gilt als eine der profiliertesten Stimmen in Fragen der kindlichen Entwicklung. Er ist Vater von vier Kindern.


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