Jan-Uwe Rogge

Jan-Uwe Rogge "Meine Kolumne"

18. Mai 2017

Vom Mut zur Unvollkommenheit

Vom Mut zur Unvollkommenheit - meinefamilie.at

Die Suche, ja die Sucht nach Vollkommenheit kann man auch als Zwang zum Perfektionismus bezeichnen. Solcher Zwang unterdrückt Kreativität, lässt keinen Raum für Überraschungen, entfernt Lebensfreude aus dem Erziehungs- und Familienalltag. Das Dogma “Es muss alles so laufen, wie ich es möchte” gewinnt die Oberhand, durchdringt die Eltern-Kind-Beziehungen.

Jeder Ausbruch (der Kinder) aus dem (noch so gut gemeinten) vorgezeichneten Pfad wird als Störung, als Ungehörigkeit empfunden und mündet in einen Machtkampf, an dessen Ende Hilflosigkeit und Ohnmacht stehen. Der Wunsch nach einer perfekten Erziehungshaltung erzeugt dann Vorhaltungen und Vorwürfe, die die Beziehungen von Mutter, Vater und Kindern negativ berühren. Und er produziert einen Druck bei den Eltern, den sie an die Kinder weitergeben.

Es gibt keine perfekten Eltern

Doch Kinder lassen sich das nur selten gefallen: Sie rebellieren, begehren auf, unterlaufen elterliche Erziehungsbemühungen immer aufs Neue.

Kinder wollen geerdete Eltern, die zu sich und ihrem erzieherischen Handeln stehen, die keine wohlmeinenden pädagogischen Programme sofort parat haben, die auf alles und jedes Problem schnell eine Antwort wissen, bei denen es keine Überraschungen gibt und schon gar nicht geben darf.

Kinder spüren, dass es keine perfekten Eltern gibt. Wer den perfekten Weg gehen will, der endet in einer Sackgasse oder in einem Hamsterrad. Man ermüdet, trägt schwer an der Last des Immerwiedergleichen, der immer selben Fragen, die einen verzweifeln lassen: Woran erkenne ich, dass jemand in seinem erzieherischen Handeln perfekt ist? Und woher weiß ich, wie sich perfekte Eltern verhalten?

Erziehung an Stärken ausrichten

Der Gegenpol zum Perfektionismus stellt ja nicht bedenkenlose Wurstigkeit dar, vielmehr eine humane Einstellung aufzubauen, die sich in der Formel äußert: “Ich tue das mir Mögliche. Und das ist genug!” Damit richtet man sein erzieherisches Handeln an seinen eigenen Kompetenzen, an seinen Stärken aus.

Sich in seiner Unvollkommenheit zu akzeptieren, baut Selbstbewusstsein und ein Selbstwertgefühl auf: Man weiß, was man kann, spürt seine Stärken und kann damit seine Schwächen und Unzulänglichkeiten akzeptieren, man geht menschenfreundlich mit sich und damit auch mit den Kindern um.



EIN ARTIKEL VON
  • Jan-Uwe Rogge

    Ich bin Erziehungsberater, Autor und Kolumnist und schreibe über Erziehung und Familien. Seit über 30 Jahren beschäftige ich mich mit Erziehungsthemen und dokumentiere Ideen und Tipps zu in meinen Büchern und Vorträgen. Mein Motto: Erziehung kann Spaß machen!


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