Jan-Uwe Rogge

Jan-Uwe Rogge "Meine Kolumne"

15. Juni 2017

Kinder glauben an die Kraft der Phantasie

Kinder glauben an die Kraft der Phantasie - meinefamilie.at

Das Eingehen auf die Phantasien der Kinder – das hatte es immer schon in sich. Phantasien waren mit Ideologieverdacht belegt, weil sich die Kinder in ihnen verlaufen, gar verirren konnten. So kommt es nicht von ungefähr, dass autoritäre oder angepasste Charaktere immer zur Askese, zur Verdammung von Genuss, Vergnügen und Sinnlichkeit neigen. Die von Georg Picht geforderte, aber nicht wirklich umgesetzte Bildungsreform als Konsequenz aus der „Bildungskatastrophe“ mündete alsbald in einer technokratischen Bildungsreform. Es ging vor allem um Wissen, um Inhalte, um Curricula, um überprüfbare Lehrpläne, darum, wie man schnell und effizient Kinder klüger machen, als zu tauglichen Arbeitskräften erziehen konnte. Zwar wurde häufig vom Kind als einer Persönlichkeit gesprochen, die es ernst zu nehmen und zu fördern gilt. Was das in konkreten Zusammenhängen aber bedeuten kann, darüber finden sich nur wenige Hinweise. Wie Wissensvermittlung schon lebenszeitlich früh in das Zentrum pädagogischer Bemühungen trat, kann man an den Diskussionen über die Vorschule in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts feststellen.

Jedes Kind entwickelt sich anders

Einerseits wertete man den Kindergarten pädagogisch auf, verlangte und entwarf Konzeptionen, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erfuhren eine qualifizierte Aus- und Fortbildung, um angemessen auf die Kinder eingehen zu können. Andererseits trug das aber zu einer Verschulung bei. Anders ausgedrückt: Die Kindergärten sollten auf die Schule vorbereiten, damit der Übergang nicht so abrupt verläuft, Kinder besser qualifiziert dem Unterricht folgen konnten. Mit einem Male war Schulreife das bestimmende Ziel, wobei man übersah, dass Schulreife nicht Reife des Kindes für die Schule darstellt – dazu sind die Entwicklungsverläufe von Kind zu Kind zu verschieden.

Die Unterschiede von Kind zu Kind können bis zu zwei Jahre betragen – konkret: Man darf Kinder nicht über einen Kamm scheren, eingedenk der Formulierung von Pestalozzi: „Vergleiche nie ein Kind mit einem anderen, es sei denn mit sich selbst.“

Jedes Kind entwickelt sich anders, das eine schneller, das andere langsamer. Dies hat Auswirkungen auf die Betrachtung des Kindes, auf die Definition von Schulreife: Sie ist also mitnichten Reife des Kindes für die Schule, vielmehr Reife der Schule, des Bildungssystems für das Kind. Und dabei darf das Kind nicht auf kognitive Kompetenzen beschränkt werden, denn damit reduziert man das Kind, nimmt seine körperlichen, seine sozialen, nicht zuletzt seine emotional-seelischen Fähigkeiten nicht ernst. Eine Sichtweise von oben, die Perspektive des Erwachsenen, der alles weiß, vor allem besser weiß, dominiert und übersieht, was Kindheit auch ausmacht.

Von Kindern Offenheit lernen

Kinder zeigen den Erwachsenen, was möglich ist, selbst wenn alles noch so unwahrscheinlich scheint. Kinder glauben an die Kraft der Phantasie, an die Chancen, die die Magie ihnen bietet: Man kann im Bett liegen, an die weiße Decke starren, die mit einem Male zu einem blauen Himmel wird, ein erträumtes Raumschiff besteigen, um den Mars zu erkunden. Da geht nichts schief, weil man ja letztlich in seinem Bett, in einem geborgenen Hafen, liegt. Die Einzigen, die erschrecken, sind Vater und Mutter, die in die verträumten Augen der Kinder sehen und rufen: „Spinnst du mal wieder rum!“

Kinder halten das „Noch-Nicht“, das, was möglich sein wird, nicht sofort, aber bald – ganz im Sinne des Philosophen Ernst Bloch – wach. „Noch-Nicht“ – das ist Utopie, aber Utopien, die vielleicht in die Wirklichkeit drängen. Kinder halten Erwachsenen den Spiegel vor. Was man von Kindern lernen kann, so der Pädagoge Michael Pfister, ist ihre Offenheit. Und er schreibt weiter:

Die größte Bedrohung für Kindheit bestehe darin, „dass die Bewegung ins Leben hinein allzu früh kanalisiert und an verbindliche, standardisierte Ziele gebunden wird. Wer das Lernen dem Gebot der ‚Nützlichkeit‘ unterstellt und Frühenglisch nicht um des Spaßes am Lernen willen auf den Stundenplan schreibt, sondern um (dem Kind) eine ‚bessere‘ Zukunft zu garantieren, der schüttet genau jene Offenheit zu, die Kindheit ausmacht.“


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    Ich bin Erziehungsberater, Autor und Kolumnist und schreibe über Erziehung, Kinder, Eltern und Familien. Mein Motto: Erziehung kann Spaß machen!


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