Herbert Renz-Polster

Herbert Renz-Polster "Meine Kolumne"

5. Juni 2018

Kinder fördern – Je früher desto besser?

förderkonzepte kinder - meinefamilie.at

Die Ausbildung der menschlichen Grundkompetenzen scheint von speziellen frühen Trainingsprogrammen nicht zu profitieren. Auch die meisten Spezialbegabungen bilden sich nicht umso vollständiger oder perfekter aus, je früher sie aufgestachelt und geübt werden. Was bringen nun aber all diese Förderkonzepte? Nachteile für Eltern und Kind?

Albert Einstein ist im Kindergarten nicht mit dem Rechenschieber dagesessen. Und die meisten Schriftsteller haben mit dem Dichten und Schreiben erst nach der mittleren Kindheit begonnen. Bei anderen Begabungen dagegen ist frühes Üben unerlässlich, wenn wirklich Weltklasse-Niveau erreicht werden soll – das gilt etwa für Ballett, Gymnastik oder auch bestimmte feinmotorische Kompetenzen wie Geigen-Spielen.

Förderung neu gedacht

Fassen wir zusammen. Die Entwicklungsaufgaben der Kinder fallen in zwei Kategorien:

  1. der Erwerb der grundlegender Lebenskompetenzen sowie
  2. die Spezialisierung auf kulturspezifische bzw. individuelle Fertigkeiten.

In der ersten Kategorie liegt das Prinzip der Förderung darin, dass das Kind die normalen, evolutionär vorgesehenen, „artgerechten“ Entwicklungserfahrungen machen kann. In der zweiten Kategorie spielen darüber hinaus spezielle Lernangebote eine Rolle, die das Kind aber nur nutzen kann, wenn es ein gutes Persönlichkeitsfundament hat und wenn es selbst mit Begeisterung am Ruder sitzt. Kinder, die ohne leuchtende Augen üben, landen mit verlässlicher Regelmäßigkeit in der Sackgasse: viel Spaß mit der höheren Mathematik, wenn man mit sich selber nicht klar kommt…

Woran das populäre Förderkonzept scheitert

Die Unterscheidung der beiden Entwicklungsgleise mag akademisch klingen – und ist doch für einen kindgerechten Ansatz in der Förderung entscheidend. Denn nicht wenige Eltern meinen, sie müssten nicht nur die spezielle Neigungen und Talente ihrer Kinder unterstützen – sie richten ihr Engagement vielmehr auf die ganz normale Entwicklung ihres Kindes. Auf das Kommunizieren-Lernen etwa (da üben sie dann etwa Zeichensprache mit ihren Babys ein), das Geschickt-Werden (dafür gibt es etwa Baby-Schwimmen) oder die Entwicklung des Denkvermögens (da sollen etwa Chemie-Experimente im Kindergarten helfen).

Kleine Kinder lernen nicht durch didaktische Großangriffe, sie lernen im wechselseitigen Austausch und in emotionaler Verschränkung mit ihren Bindungspersonen

Die vielen Sonderschichten, die sie für die Kleinen einlegen, sind aber überflüssig – ja, nicht selten führen sie dazu, dass dadurch die ganz normale, von Intuition und Feinfühligkeit getragene Beziehung zwischen Eltern und Kind an den Rand gedrängt wird und durch eine pädagogisch-intentionale Beziehung mit einem mehr oder weniger steilen didaktischen Gefälle ersetzt wird.

Nachteile für das Kind

Damit verliert das Kind aber seine wichtigste frühkindliche Entwicklungsressource überhaupt: die authentische, seinem eigenen Drang nach Selbstwirksamkeit Raum gebende Beziehung zu seinen Bindungspersonen. Die Befunde der Entwicklungspsychologie sind hier eindeutig: Kleine Kinder lernen nicht durch didaktische Großangriffe, sie lernen im wechselseitigen Austausch und in emotionaler Verschränkung mit ihren Bindungspersonen – ob das Eltern, Geschwister oder die Erzieherin in der Krippe sind. Gelungene Beziehungen sind die nun einmal die Eintrittskarte zum Lernen. Gestresste Kinder lernen nicht.

Überfrachtete Elternrolle

Eltern sehen sich immer mehr in der Rolle von Trainern, Entwicklungsförderern und Animateuren – und graben sich durch diese Neubeschreibung des „Arbeitsplatzes Eltern“ selbst das Wasser ab. Denn diese neuen Rollen machen aus der Familie einen Dampfdrucktopf aus Anforderungen. Und sie bedrohen die wichtigste Ressource, die Menschen im Leben – und im Leben mit Kindern sowieso – haben, nämlich, echte, authentische Beziehungen.

Kurz: Die Pädagogisierung des Familiengefüges ist eine ungebührliche Belastung für Kinder und Eltern – nicht nur weil sie extrem zeitintensiv ist, sondern auch weil sie eine Intentionalität, Manipulation und ein Gefälle in die Beziehung zum Kind bringt, die keinem gut tut.

Menschenkinder: Artgerechte Erziehung - was unser Nachwuchs wirklich braucht

Dr. Herbert Renz-Polster
Kartoniert, Großformatiges Paperback. Klappenbroschur, 256 Seiten, mit. Fotos
2. Aufl. 2016

ISBN: 978-3-466-31068-5

€ 18,50

Welche Förderung nutzt den Kindern wirklich? - meinefamilie.at

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EIN ARTIKEL VON
  • Herbert Renz-Polster

    Dr. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er gilt als eine der profiliertesten Stimmen in Fragen der kindlichen Entwicklung. Er ist Vater von vier Kindern.


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