Herbert Renz-Polster

Herbert Renz-Polster "Meine Kolumne"

26. Mai 2018

Förderung für Kinder – ein Zuviel tut nicht gut

Förderung für Kinder - ein Zuviel tut nicht gut - meinefamilie.at

In meinen vorigen Beiträgen habe ich versucht den Unterschied zwischen “Grundkompetenzen” und weiteren, vom Umfeld in denen sich das Kind bewegt abhängigen, nötigen Kompetenzen zu erklären. Das Grundrepertoire an Kompetenzen müssen alle Kinder auf der Welt erlernen – gehen und sprechen lernen, mit Anderen kommunizieren, mit sich selbst klarkommen und ebenso mit Anderen. Eltern sehen sich immer mehr in der Rolle der Trainer, Entwicklungsförderer und Animateuren – damit setzen sie sich immer weiter unter Druck. Man möchte natürlich nur das Beste für den Nachwuchs, trotzdem, das Förderkonzept ist in den letzen Jahren zunehmend “ausgeartet”. Es wirkt, als hätten die Eltern regelrecht Angst davor, dass ihr Kind “zu kurz kommt” weil man selbst zu spät begonnen hat, es zu fördern.

Problematik – Beispiel “Sauberkeitserziehung”

Wie problematisch es sein kann, wenn Eltern den Erwerb von Grundkompetenzen (laufen, sprechen, lernen mit sich und Anderen auskommen…) als Trainingsprogramm missverstehen, zeigt die Geschichte der „Sauberkeitserziehung“, die so manche Beziehung zwischen Eltern und Kind schwer belastet, nicht selten auch ruiniert hat. Heute wissen wir, dass sich die Sauberkeit bei Kindern weder durch Trainingsprogramme noch durch eine mirakulöse „Reifung“ einstellt, durch die das Kind urplötzlich in den Vollbesitz seiner Blasenkräfte gelangt (eine bis vor wenigen Jahren gängige Erklärung, die als Gegenpol zu der Trainingshypothese einigen Charme hatte). Vielmehr stellt sich die Sauberkeit auf demselben Weg ein, wie ein Kind schließlich laufen lernt oder mit anderen Kindern umgehen lernt: der  Entwicklungs“erfolg“ stellt sich dann ein, wenn ein Kind im Rahmen und im Schutz seiner Beziehungen eigeninitiativ lernen, beobachten und handeln  kann.

Menschen leben davon, dass sie ihre Individualität ausbilden können, dass sie ihre eigenen Begabungen und Potenziale entdecken und verwirklichen können. Das können sie nur, wenn sie sich als Persönlichkeiten finden.

Raubbau an der Persönlichkeit

Ein nicht kindgerechtes Förderkonzept bringt aber auch eine zweite Gefahr mit sich, nämlich, dass die einseitige Förderung bestimmter, besonders „verwertbarer“ Kompetenzen zu einem regelrechten Raubbau an der Persönlichkeit insgesamt führt. Denn wo so viel Dünger auf bestimmte, vor allem kognitive Fähigkeiten verwendet wird, kommt das Fundament der Entwicklungen, also der Aufbau der grundlegenden Lebenskompetenzen, leicht zu kurz. So wichtig formale Bildung ist – wenn

Kinder fördern - ein Zuviel tut nicht gut - meinefamilie.at

sie nicht durch die grundlegenden menschlichen Kompetenzen unterfüttert ist, wird sie leicht zum Strohfeuer. Und auf lange Sicht auch zur Belastung für die anderen Menschen – das zeigt gerade die Tragik unserer derzeitigen, kognitiv extrem hochgerüsteten, in fundamentalen Dingen aber teilweise regelrecht verwahrlosten Eliten.

Beispiel – motorische Entwicklung

Wie sehr das Förderkonzept aus dem Ruder gelaufen ist, zeigt das Beispiel der motorischen Entwicklung. Wie im Text beschrieben, brauchen Kinder keine besonderen Zutaten, um diese Domain der Entwicklung erfolgreich zu durchlaufen – sie brauchen lediglich einen arttypisch vorgesehenen Erfahrungsraum.

Dieses Prinzip wird in der heutigen Erziehungspraxis immer öfter auf den Kopf gestellt. Die Kinder werden mit spezieller Förderung versorgt, vom Babyturnen bis zu ausgefallenen Gehhilfen. Gleichzeitig wird das angestammte, arttypische Erfahrungsfeld durch eine „Kultur des Ablegens“ stark beschnitten. Aus evolutionärer Sicht sieht der motorische Erfahrungsraum eines Babys aber eigentlich vor, dass sie  viel getragen werden und dass sie viel Zeit in der unmittelbaren „Beziehungssphäre“ mit ihren Bindungspersonen verbringen – was automatisch auch mit einem deutlich aktiveren Explorationsverhalten einhergeht, das in sich eine motorische Stimulation darstellt.

Dies gilt insbesondere für die zu frühe Förderung. Die oft als „frühe Bildung“ verkauften Programme belegen einen immer größeren Teil der frühkindlichen Entwicklung. Da geraten andere, mit Sicherheit wichtige kindliche Erfahrungen leicht ins Hintertreffen – das kreative Spielen in der Kindergruppe etwa, das eigenwirksame Entdecken, das bewegte, wilde Kinderleben. Das aber brauchen Kinder, um die wohl wichtigsten Ressourcen für ihre Zukunft aufzubauen: dass Kinder lernen mit sich selbst und ihren Emotionen klar zu kommen, dass sie sozial kompetent werden, dass sie Einfühlungskraft und innere Stärke entwickeln – die fundamentalen Lebenskompetenzen, die heute genauso wichtig sind und genauso schützend wirken wie zu allen Zeiten.

Woran soll ein Kind denn scheitern, das leuchtende Augen hat, Mut unterm Herzen, innere Stärke und die Fähigkeit für sich und andere einzutreten?

Gerade aus wissenschaftlicher Sicht erstaunt, mit welcher Dreistigkeit im Namen von „Frühförderung“ oder „früher Bildung“ immer  wieder neue Programme aufgelegt werden, die etwa Kleinkindern Chinesisch oder Kindergartenkindern Physik beibringen wollen. Es gibt keinen einzigen gesicherten Hinweis, dass das den Kindern einen Vorteil bringt. Aber die Sorge ist gut begründet, dass diese abverlangten Lerneinheiten unsere Kinder schädigen, indem sie ihnen andere, für ihren Lebensweg wichtige Erfahrungen und Lernschritte vorenthalten. Kein Wunder erwies sich etwa die Vorverlagerung schulischen Arbeitens im größten Interventionsprogramm an Kindergärten aller Zeiten, dem Head Start Programm, als Reinfall – die kindliche Entwicklung kam dadurch in keiner Dimension voran. Auch die deutschen IGLU-Datensätze sprechen gegen die frühe Verschulung: die mit sieben Jahren eingeschulten Kinder sind im 4. Schuljahr im Schnitt selbst in schulischer Hinsicht deutlich besser dran als die ein Jahr früher eingeschulten Kinder.

Mehr Input ≠ mehr Output ?

Kinder fördern - ein Zuviel tut nicht gut - meinefamilie.at

Einerseits werden also zum Beispiel Sonderprogramme zur motorischen Förderung aufgelegt, andererseits aber dem Kind ein wirklich reichhaltiger, alltäglicher Erfahrungsraum vorenthalten. Die lagerungsbedingte Plagiocephalie (Abplattung des Hinterkopfes), die sich als Folge der zu passiven und einseitigen Pflegebedingungen dann nicht selten entwickelt, wird dann wiederum mit neuen Förderprogrammen, etwa beim KISS-Therapeuten behandelt.

Das bringt uns zu den Eltern. Denn dass sich die simple Annahme: mehr Input = mehr Output so schnell durchgesetzt hat, liegt nicht nur an der Angst, dass die Kinder später auf dem Arbeitsmarkt nicht bestehen können. Das liegt auch daran, dass Eltern den Blick dafür verloren haben, was die Entwicklung der Kinder wirklich trägt. Menschen leben davon, dass sie ihre Individualität ausbilden können, dass sie ihre eigenen Begabungen und Potenziale entdecken und verwirklichen können. Das können sie nur, wenn sie sich als Persönlichkeiten finden. Woran soll ein Kind denn scheitern, das leuchtende Augenhat, Mut unterm Herzen, innere Stärke und die Fähigkeit für sich und andere einzutreten?

Solche Kinder sind auf ihrem Weg nicht aufzuhalten – auf ihrem Weg.

Dr. Herbert Renz-Polster, Autor des Buches “Die Kindheit ist unantastbar” . Mehr dazu: www.kinder-verstehen.de

Die Kindheit ist unantastbar: Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen

Dr. Herbert Renz-Polster
2. Aufl. 2014

ISBN: 13: 978-3-407-85847-4

€ 18,50

Förderung für Kinder - ein Zuviel tut nicht gut - meinefamilie.at

Online bestellen


EIN ARTIKEL VON
  • Herbert Renz-Polster

    Dr. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er gilt als eine der profiliertesten Stimmen in Fragen der kindlichen Entwicklung. Er ist Vater von vier Kindern.


    Zur Kolumne des Autors

Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at