Herbert Renz-Polster

Herbert Renz-Polster "Meine Kolumne"

4. April 2018

Bedürfnisse des Babys: Nähe trotz Nicht-Stillen

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Was soll einer, der die kindlichen Bedürfnisse vor allem aus der Menschheitsgeschichte heraus untersucht, zum Thema Nicht-Stillen sagen? Zum einen: ich habe selber nicht gestillt – auch ich musste andere Wege finden, um meinen Kindern eine verlässliche und einfühlsame „Bindungsperson“ zu sein… (-:

Zum zweiten ist das Thema Stillen selbst in Stammesgesellschaften immer auch kulturellen Einflüssen unterworfen – da wird beispielsweise das geteilte Stillen praktiziert (etwa bei den Efe im Kongo – wenn eine Efe-Frau auf eine Sammel-Tour geht, so lässt sie ihr Baby bei den anderen Frauen im Lager zurück, die das Kleine mitstillen). Auch wird die Vormilch (Kolostrum) nicht in allen „ursprünglichen“ Kulturen als für das Neugeborene geeignet angesehen und das Kleine zum Beispiel erst angelegt, wenn die „richtige“ Milch da ist.

Sicherheit geben

Eine Lehre aus der evolutionsbiologischen Sicht aber ist überall gültig, das Thema Stillen hin oder her: die Nähe vertrauter Erwachsener und deren unmittelbare Zuwendung war für kleine Kinder zu 99 % der menschlichen Geschichte das einzige Ticket zum Überleben. Dass kleine Kinder viel getragen wurden, dass ihr Schreien rasch erhört wurde, dass sie ganz in der Nähe ihrer Mutter schliefen – all das war Teil des ganz normalen, für jeden kleinen Homo sapiens zu erwartenden Lebensprogramms. Und dass die unmittelbare körperliche Begegnung auch heute noch beim Aufbau emotionaler Sicherheit hilft, darüber besteht aus wissenschaftlicher Sicht kein Zweifel. Dieser wunderbare Tanz an unsichtbaren Schnüren, den wir da miteinander einüben, klappt einfach besser, wenn wir uns auch körperlich nahe sind.

 

Viele Wege der Nähe

Und da steht auch nicht-stillenden Eltern ein großer Teil des „alten Programms“ weit offen: das Tragen etwa, die gemeinsame Spielzeit Haut an Haut, die gemeinsam zelebrierten Mahlzeiten, die ja schon am Lebensanfang immer auch „Redezeiten“ sind. Für andere Teile des Programms gibt es kulturelle Neu-Erfindungen – wo Mutter und Kind beispielsweise nicht im gemeinsamen Bett schlafen können oder wollen lassen sich durch Beistell- oder Beihänge-Bettchen gute Alternativen schaffen. Der Zugang zum Kind läuft nun einmal primär nicht über den Busen, sondern über Bauch und Herz. Und nichts hilft dabei mehr, als wenn wir uns frei fühlen, unseren eigenen, persönlichen Weg zu suchen und zu gestalten.

Dr. Herbert Renz-Polster, Autor des Buches „Kinder verstehen. Born to be wild – wie die Evolution unsere Kinder prägt“. Mehr dazu: www.kinder-verstehen.de

Kinder verstehen. Born to be wild – wie die Evolution unsere Kinder prägt

Dr. Herbert Renz-Polster
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 512 Seiten
9. Aufl. 2016
Durchgehend vierfarbig, mit zahlreichen Fotos.

ISBN: 978-3-466-30824-8

€ 20,60

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EIN ARTIKEL VON
  • Herbert Renz-Polster

    Dr. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er gilt als eine der profiliertesten Stimmen in Fragen der kindlichen Entwicklung. Er ist Vater von vier Kindern.


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