21. September 2021

Kinderhospiz Sterntalerhof – Hier hat das volle Leben Platz


Wenn ein Kind erkrankt, erkrankt die ganze Familie. Es ist deshalb auch die ganze Familie, die betreut werden muss. Das stimmt einmal mehr, wenn es sich bei der Krankheit des Kindes um eine lebenslimitierende oder lebensbedrohliche Erkrankung handelt. Das Kinderhospiz Sterntalerhof im Südburgenland hat das erkannt und schenkt seit mehr als 20 Jahren Familien ein Heute, deren Morgen in den Sternen steht.

Die Sonne scheint auf den Sterntalerhof, als ich an einem Mittwochvormittag in Loipersdorf-Kitzladen im Südburgenland ankommen. Der Wald ist nur einen Steinwurf entfernt. Die Lafnitz ebenso. Auf einer Koppel grasen einige Pferde. In einem Gehege blöken Schafe und Ziegen – auch einen Esel sehen wir. Außerdem einige Gebäude – eines davon offensichtlich ein Pferdestall. Viele Grünflächen und ein Spielplatz stechen ins Auge. Es ist ein friedlicher, freundlicher und einladender Ort.

Ein Hospiz war 1000 Jahre lang eine Herberge, eine Raststelle, wo der Wanderer, wo der Pilger Rast machen konnte, um zur Ruhe zu kommen, um zu Kräften zu kommen, um seinen Weg weiter gehen zu können. Und das sind im Wesentlichen die Etappen, die die Familien bei uns auch durchlaufen.

Von Schwere, Trauer, Beklemmung, die die Bezeichnung „Hospiz“ in mir geweckt hatte, sobald ich wusste, dass ich hierher kommen würden, keine Spur. „Wir sind ein Hospiz in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Herberge zu sein. Und wir verwenden den Begriff ,Hospiz‘ für den Sterntalerhof, weil er auf den Punkt bringt, was bei uns passiert“, sagt Harald Jankovits, geschäftsführender Vorstand des Sterntalerhofes: „Ein Hospiz war 1000 Jahre lang eine Herberge, eine Raststelle, wo der Wanderer, wo der Pilger Rast machen konnte, um zur Ruhe zu kommen, um zu Kräften zu kommen, um seinen Weg weiter gehen zu können. Und das sind im Wesentlichen die Etappen, die die Familien bei uns auch durchlaufen. Das alles mit dem Ziel, am Ende des Betreuungsprozesses wieder in einem eigenständigen, eigenverantwortlichen Alltag zurückzukehren.“ Eine lebenslimitierende oder lebensbedrohliche Erkrankung eines Kindes ist die Voraussetzung dafür, dass Familien hier aufgenommen werden. „Ein Ort des Sterbens ist das hier trotzdem nicht“, sagt Harald Jankovits: „Sondern eine weitere Etappe auf dem Lebensweg, ein Ort des Rückzugs, des Verschnaufens.“

Die ganze Familie im Blick

Damit das so gut wie möglich gelingt, hat der Sterntalerhof ein einzigartiges Konzept auf die Beine gestellt. „Im Grunde geht es bei uns ja um eine psychosoziale Stabilisierung der ganzen Familie“, sagt Stephan Zwiauer, der für die Informations-, Bildungs- und Aufklärungsarbeit verantwortlich ist: „Wenn Familien zu uns kommen, wird in einer ersten Phase deshalb auch einmal im Rahmen der Sozialanamnese ein möglichst umfassendes Bild der Familie erhoben.“ Auf Basis dieser Anamnese wird dann ein individueller Therapieplan ausgearbeitet.

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Grundsätzlich wird am Sterntalerhof versucht, die Familien so weit als möglich in ihrer Autonomie zu belassen. Das bedeutet, dass die Familien sich selbst Frühstück und Abendessen machen müssen. Das bedeutet aber auch, dass die Familien intensiv mitbestimmen, wie ihr Alltag aussieht. „Ich denke, ein wichtiger Aspekt unseres Konzeptes ist die Flexibilität“, so Stephan Zwiauer: „Der Therapieplan wird jeden Tag an die Bedürfnisse der Familien angepasst. Wenn dann eine Familie zum Beispiel sagt, sie wollen heute länger bei den Pferden sein, dann machen wir das möglich. Wenn eine Familie sagt, wir wollen heute Nachmittag lieber zur Lafnitz spazieren, dann können sie das auch.“

Ein Ort der Ruhe

Begonnen hat alles 1998 mit einem alten Bauernhaus und einer Wiese in Stegersbach. Seelsorger Peter Kai wollte aufgrund seiner Erfahrung im St. Anna Kinderspital einen Ort schaffen, an dem Eltern und Kinder psychosozial betreut werden. Mit ihm machte sich Regina Heimhilcher auf den Weg. Im Laufe der Jahre wurde klar, dass der Ort, an dem sich der Sterntalerhof zu diesem Zeitpunkt befand, die Erfordernisse bald nicht mehr erfüllen würde können. „Von der Diözese Eisenstadt wurde uns schließlich eine Fläche hier in Loipersdorf-Kitzladen zur Verfügung gestellt“, erzählt Harald Jankovits.

Auf rund fünf Hektar Grund erstreckt sich nun der gesamte Hof. Neben einem Gemeinschaftsgebäude, in dem auch die Therapieräume untergebracht sind, gibt es hier nun ein Haus mit drei Appartements für die Familien, eine Art Kapelle, einen Stall mit einer großen Reithalle und ein Gehege für die Schafe, Ziegen und Esel. Darüber hinaus: einen Spielplatz und ein nach einer Seite offenen Kreativpavillon, in dem etwa die Musiktherapeutin mit den Familien arbeiten kann. Alles natürlich barrierefrei zugänglich. Zwischen den Gebäuden erstrecken sich grüne Wiesen auf denen zum Großteil Bäume stehen, die die Familien selbst gepflanzt haben.

Viele Menschen helfen zusammen

Rund 300 Menschen, erzählt Harald Jankovits, arbeiten am und für den Sterntalerhof haupt- oder nebenberuflich, aber auch ehrenamtlich. Neben jenen, die sich um die organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Belange kümmern, ist das ein interdisziplinäres Team aus Sonder- und Heilpädagogen, Seelsorgern, Psychologen, Psychotherapeuten, Trauerbegleitern, Sozialarbeitern, einer Kunst-, Tanz- und Musiktherapeutin, Physio- und Ergotherapeuten oder Masseuren. „Einen wichtigen Beitrag leisten auch unsere 30 ehrenamtlichen Kinderhospizbegleiter.“

Umfassende Lebensbegleitung

Die Familien, die hier betreut werden, kommen nicht nur einmal auf den Sterntalerhof. „Ein typischer Betreuungsprozess bei uns zieht sich über ein paar Jahre – meist sind es mehrere zwei- bis dreiwöchige stationäre Aufenthalte über ein paar Jahre verteilt“, sagt Harald Jankovits: „Zwischen den Aufenthalten bei uns gibt es dann im Rahmen unseres Netzwerkes eine mobile Versorgung der Familien zu Hause, wo wir sie dabei begleiten, sich in einem mehr oder weniger normalen Alltag zu Hause wieder zurecht zu finden.

Zu sehen, wie die Familien mit ihrer Situation umgehen – und die allermeisten Familien lernen, damit umzugehen – das ist etwas, was einem viel Kraft gibt, viel Hoffnung.

Das ist für uns diese umfassende Lebensbegleitung, die wir unseren Familien anbieten wollen.“ In diesem Sinne sei die Arbeit hier bestimmt nichts, was einen irgendwie verzweifeln lässt, sagt Stephan Zwiauer: „Im Gegenteil, was man hier sieht, gibt einem durchaus Hoffnung. Zu sehen, wie die Familien mit ihrer Situation umgehen – und die allermeisten Familien lernen, damit umzugehen – das ist etwas, was einem viel Kraft gibt, viel Hoffnung.“ „Für mich war das von Anfang an das eigentlich Faszinierende am Sterntalerhof“, so Harald Jankovits: „Zu sehen, dass das hier ein Ort voll des Lebens ist. Wo es um die Themen Trauer, Abschied, um Weinen geht, wo aber auch viel gelacht wird, wo herumgelaufen wird, wo das volle Leben Platz hat.“

Hilfe für den Sterntalerhof

Der Sterntalerhof finanziert sich ausschließlich durch Spenden – finanzieller, aber auch anderer Natur: „Möglichkeiten, mit denen man die Arbeit am Sterntalerhof unterstützten kann, gibt es in der Tat sehr viele“, sagt Harald Jankovits: „Als wir vor vielen Jahren hier begonnen haben, merkten wir, dass die öffentliche Hand diese Form der Arbeit nicht begleitet und so versuchten wir vom ersten Tag an, die Mittel, die wir brauchen, über private Unterstützung zu bekommen. „Zum einen ist im Laufe der Jahre so eine ,SpenderInnen-Familie‘ gewachsen, die mit ihren Einzelspenden das Fundament für die Arbeit am Sterntalerhof legt. Zum anderen lade ich, wann immer sich eine Möglichkeit ergibt, Unternehmen, Stiftungen bzw. Initiativen ein, unsere Arbeit mit einer Sachspende, geschenkter Zeit oder ihrem Know-how zu unterstützen.“ sagt Harald Jankovits: „Derzeit helfen uns etwa zehn Partner mit über 100 Mitarbeitern dabei, unsere Allwetterkoppel zu sanieren. So ist es im Laufe von zwei Jahrzehnten gelungen, einen professionellen Ganzjahresbetrieb aufzubauen, der ausschließlich von einem dichten Netzwerk unterstützender Menschen getragen wird – ohne einen einzigen Großspender.“

Nähere Informationen zum Sterntalerhof und den Möglichkeiten seine Arbeit aktiv zu unterstützen finden Sie hier.



EIN ARTIKEL VON
  • Andrea Harringer

    „Meine Mami schreibt das auf, was ihr andere Leute erzählen.“ Das sagte mein Sohn, als man ihn fragte, was seine Mama beruflich mache. Seit 2001 bin ich Redakteurin in der Erzdiözese Wien, schreibe für den „Sonntag“ und versuche, Themen wie Familie, Kinder und Erziehung auch aus einem christlichen Blickwinkel zu beleuchten.


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