4. Juli 2017

Kindergartenwahl: Was ist wichtig?

Kindergartenwahl: Was ist wichtig? - meinefamilie.at

Worauf ich als Kindergartenpädagogin beim Kindergartenplatz meiner Kinder achte.

In der Stadt kennt man diese Frage nur zu gut: „In welchen Kindergarten sollen wir unser Kind geben?“ Denn wer die Wahl hat, hat die Qual. Und die Wahl hat man zumindest in Wien auf jeden Fall. Alleine im Umkreis von einem Kilometer um unsere Wohnung habe ich 12 verschiedene Häuser zur Auswahl. Da ich schon in mehreren Kindergärten gearbeitet habe, weiß ich genau, was mir als Mutter nun bei der Kindergartenwahl wichtig ist.

Platz: Die Nutzung macht’s

„Die haben einen großen Garten“, oder „Da haben die Kinder viel Platz“, höre ich sehr oft als Beweggrund für einen bestimmten Kindergarten. Ausreichend Raum und Naturerlebnis wünschen wir uns wohl alle für unsere Kinder.

Doch auch wenn dieser grundsätzlich vorhanden ist, empfehle ich nachzufragen:

Wie oft werden Garten und Bewegungsraum überhaupt genutzt? Zu welchen Zeiten?

Und wer benutzt die Flächen sonst noch? Wird ein Turnraum auch von einer Schule, der Pfarre oder sechs weiteren Kindergartengruppen mitbenutzt, ist die Verwendung eingeschränkt.

In manchen Gruppenräumen gibt es eine direkte Tür in den Garten, sodass auch einzelne Kinder auf Wunsch hinaus gehen dürfen und durch eine große Fensterfront beaufsichtigt werden können. Es gibt aber auch Häuser mit Garten, wo immer erst am Nachmittag hinaus gegangen wird. Kinder, die vor zwei Uhr abgeholt werden, sehen diesen dann kaum.

In manchen Kindergärten sind die Kinder bei jedem Wetter – gut ausgerüstet natürlich – im Freien, in anderen nur bei Sonnenschein.

Die räumliche Ausstattung alleine sollte also kein zu großer Beweggrund bei der Kindergartenwahl sein. Es gibt auch kleine Kindergärten, die über keinen Garten und Bewegungsraum verfügen, aber dennoch täglich zwei Stunden im nächstgelegenen Park verbringen.

Personal: Betreuungsschlüssel, Krankheit, Wechsel

Wie sieht der Betreuungsschlüssel aus? In Gruppen mit 3- bis 6-Jährigen sind für 25 Kinder nur ein Pädagoge sowie für 20 Wochenstunden ein Assistent vorgeschrieben. Das lässt Raum nach oben. Wenn ich einen Kindergarten besichtige, achte ich darauf, ob Assistenten auch in der Gruppe mit den Kindern beschäftigt sind oder zusätzlich mit Gang-Aufwaschen, Geschirr-Abwaschen und Ähnlichem beauftragt sind.

Interessant ist auch zu hinterfragen, wie die Betreuung im Krankheitsfall aussieht. Gibt es Springer? Übernimmt die Leitung Kinderdienst? Leider sind Krankenstände nicht immer gut geregelt. Das Stammpersonal wird noch mehr gefordert, wodurch erneute Krankheitsausfälle vorprogrammiert sind.

Ich frage die Kindergartenangestellten auch gerne danach, wie lange sie schon in diesem Haus arbeiten.

Eine hohe Personalfluktuation in Kindergärten ist keine Seltenheit und könnte Hinweis auf schlechte Arbeitsbedingungen oder Überlastung sein. Davon kann mein Kind nicht profitieren.

Freies Spiel ist wichtiger als pädagogische Ausrichtung

Kindergartenwahl - meinefamilie.at
Am wichtigsten ist für Kinder das freie Spiel. © Pixabay

Das Wichtigste für Kinder ist das freie Spiel miteinander. Grundsätzlich handelt es sich bei einer speziellen pädagogischen Ausrichtung um eine Grundhaltung, die dieses Freispiel nicht beschneiden sollte. Die pädagogische Arbeit sollte sich an den Kindern orientieren und nicht umgekehrt.

Leider wird aber aus Unwissenheit, Zeitmangel oder auch auf Elternwünsche hin aus einer Geisteshaltung ein Programmpunkt, der die eigentliche Aufgabe des Kindes – im Freispiel lernen – unterbricht. In anderen Worten:

Nicht überall, wo ein spezielles Konzept draufsteht, ist es auch im Sinne des Erfinders drinnen.

Eine Grundsympathie dem Kindergarten gegenüber ist wichtiger als das verschriftlichte Konzept, welches ohnehin oft Diskussionsspielraum lässt.

Zusatzangebote sind Nebensache

Hier findet man alles, was das (Eltern-)Herz begehrt: Native Speaker in allen Sprachen, Minimath, musikalische Früherziehung. Alles tolle Dinge, die man gerne nutzen kann. Ich persönlich würde allerdings nicht zu viel Gewicht darauf legen.

Pädagogen, die mit Freude und aufrichtigem Interesse am Kind ihre Arbeit machen, bieten den Kindern ohnehin ausreichend geeignete Spiel- und Lernimpulse.

 Meine Tochter spielt im Kindergarten mit indischen, türkischen und syrischen Kindern. Sie hat so schon einige Fremdworte gelernt, die es sogar bis in unseren Familienalltag geschafft haben. Es braucht hier keinen Englischunterricht, damit sie ein Gefühl für (Fremd-)Sprache entwickelt. Sie wird deshalb in der Schule und im Leben keinen Nachteil haben.

 Auch frisch gekochtes Essen klingt für Eltern verlockend. Doch „frisch gekocht“ kann vieles heißen. Entscheidungskriterium ist es für mich daher nicht.

Insider-Wissen zählt

 Den besten Einblick erhält man nicht auf der Homepage oder bei der Besichtigung.

Am besten fragt man andere Eltern nach ihren Erfahrungen.

 Sehe ich Kindergruppen am Spielplatz, frage ich auch gerne nach, von welchem Kindergarten sie sind. So kann ich mir selbst ein Bild vom Umgang mit den Kindern machen.

Praktikabilität ist das Wichtigste

Fast am Wichtigsten bei der Wahl des Kindergartens ist, ob er im Alltag überhaupt praktisch ist.

Passen die Öffnungszeiten gut mit den Arbeitszeiten zusammen? Ist er gut zu erreichen?

Der Start in den Tag ist sicherlich angenehmer, wenn das Kind auch mal zehn Minuten in der Garderobe trödeln kann und man als Elternteil nicht hetzen muss, weil man mit dem Auto im Halteverbot steht. Oder keinen Zeitpuffer mehr bis zum eigenen Dienstbeginn hat.

Uns war wichtig, den Kindergarten gut zu Fuß erreichen zu können. Wenn wir es schaffen, für den Weg genug Zeit einzuplanen, hat unser Kind so auf jeden Fall täglich Zeit für Bewegung und Naturbeobachtung – ganz egal, ob der Turnsaal oder der Garten genutzt worden sind oder nicht.

Ein weiterer Punkt für die Praktikabilität kann auch sein: Wohin mit dem Kinderwagen oder dem Laufrad? Nicht überall gibt es dafür Abstellplätze. Im Alltag können aber genau solche Kleinigkeiten strapazieren.

Wie gefällt es meinem Kind?

Auch der noch so umsichtig ausgewählte Kindergarten kann dem Nachwuchs nicht gefallen oder keinen Platz frei haben. Fühlt sich das Kind wohl und geht gerne in den Kindergarten, ist man vermutlich auch mit der zweiten oder dritten Wahl zufrieden. Hat man an den Kindergarten noch Wünsche: Durch einen respektvollem Austausch mit dem Kindergartenpersonal wurden schon einige Anregungen von Eltern umgesetzt.

Kindergärten in deiner Nähe suchen
  • War dieser Artikel für dich hilfreich/interessant?
  • Ja   Nein


EIN ARTIKEL VON
  • Agnes Rehor

    Ich bin Kindergarten- und Hortpädagogin und habe Diätologie studiert. Seit 2013 bin ich verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Mit meiner Familie wohne ich derzeit in Wien, träume aber vom Haus am Land – am Balkon übe ich fleißig das Gärtnern. Außerdem koche ich mit Begeisterung und liebe - nicht nur in der Küche - unkonventionelle Ideen.


Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at