26. Juni 2018

Bildung beginnt im Kindergarten

Kinder Legoturm - meinefamilie.at

Ein Legoturm zur Schulung des räumlichen Vorstellungsvermögens. Ein Lied zur Erweiterung des Wortschatzes. Ein gefalteter Frosch zur Weiterentwicklung der feinmotorischen Kompetenzen. Bildung beginnt bereits im Kindergarten – angeleitet von den Kindergartenpädagogen. Und unterstützt von den Eltern.

Leon ist 3 Jahre alt. Seit gut einem Jahr geht er in den Kindergarten. Besonders die Ecke mit den bunten Bausteinen hat es ihm angetan. Dort baut er mit Ausdauer Türme und Häuser. Und er wird darin immer besser. „Leons räumliche Vorstellung entwickelt sich gut – das wird ihm in der Schule in Mathematik helfen“, sagt seine Kindergartenpädagogin Sandra.

Spielend lernen

Ein Turm aus Bausteinchen hat etwas mit Mathematik zu tun? „Ja, natürlich“, lacht Sandra. Spielen – das sei für Kinder immer auch lernen. „Einen Frosch oder etwas anderes aus Papier zu falten, fordert die feinmotorischen Kompetenzen der Kinder. Dasselbe passiert beim Malen oder beim Umgang mit einer Schere. Liedtexte auswendig zu lernen, schult das Gedächtnis und erweitert den Wortschatz. Und das Allerschönste: Die Kinder haben dabei einen unheimlichen Spaß.“ Spielen ist also lernen. Was für eine gute Nachricht!

Sich die Welt „aneignen“

„Der Kindergarten ist heute weit mehr als eine Betreuungseinrichtung“, sagt Susanna Haas, Pädagogische Leiterin der St. Nikolausstiftung der Erzdiözese Wien, zu der derzeit 85 Kindergärten und Horte mit rund 1050 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und circa 6.100 Kindern gehören: „Der Kindergarten ist heute die erste Bildungseinrichtung, die Kinder besuchen. Pädagoginnen und Pädagogen begleiten die Kinder auf einem Stück ihres Lebensweges. Sie helfen ihnen, sich die Welt und die Kompetenzen, die es braucht, sich gut in ihr zu bewegen, langsam Stück für Stück anzueignen.“ Neben dem oft strapazierten Begriff des „großen Herzens“, das eine Kindergartenpädagogin brauche, sei damit natürlich auch fundiertes Wissen rund um das Thema Kleinkindpädagogik, auch Elementarpädagogik genannt, notwendig. „Die Kindergartenpädagogin beschäftigt sich intensiv mit den Kindern. Sie beobachtet sie genau und entscheidet dann, in welchem Bereich sie Denkanstöße, Anreize, Materialen brauchen, um sich weiterentwickeln zu können.“

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Zusammenarbeit mit den Eltern

Damit dieses Lernen, dieses kontinuierliche Weiterentwickeln gut funktioniert und Kinder sich im Kindergarten auch noch wohl fühlen, ist neben dem professionellen Einsatz der Kindergartenpädagogin auch eine gute und regelmäßige Kommunikation zwischen Kindergarten und Eltern unerlässlich. „Bildungspartnerschaft“ wird das mit einem Fachausdruck genannt. „Die Eltern sind die Experten für ihre Kinder. Für unsere Pädagoginnen ist es wichtig diese ,Expertise‘ zu bekommen und für ihre Arbeit nutzen zu können“, sagt Susanna Haas. Das beginnt beim Kindergarteneintritt mit Informationen darüber, wie sich das Kind bisher damit getan hat, von der Mutter oder dem Vater getrennt zu werden oder wie es sich bisher anderen Kindern gegenüber verhalten hat. Und reicht bis zu den Interessen und Vorlieben des Kindes, was das Spielen betrifft. Später erfahren die Eltern bei diesen bildungspartnerschaftlichen Gesprächen, was ihre Kinder gerade im Kindergarten tun. „Die Pädagogen können im Gegenzug einschätzen, was den Eltern wichtig ist. Gemeinsam können dann auch Bildungsziele gesteckt werden.“

Ergänzung nicht Ersatz

Die Elementarpädagogik habe damit eine Menge Potential. Sogar Weichen für die Zukunft können hier gestellt werden. Studien bestätigen das bereits in großer Zahl. „Ein Kindergarten tut Kindern in ihrer Entwicklung gut. Auch schon sehr kleinen Kindern.“ Trotzdem ist der Kindergarten natürlich kein Ersatz für das Zuhause. „Die Liebe der Kindergartenpädagogen zu den Kindern und der Einsatz, den sie für sie leisten kann die bedingungslose Liebe der Eltern oder die Zeit, die Eltern ihrem Kind widmen niemals ersetzen. Wertvoll ergänzen sehr wohl“, sagt Susanna Haas. In manchen Fällen ist das sogar eine äußerst hilfreiche Ergänzung, etwa wenn es zum Thema Spracherwerb kommt. „Wo zuhause kaum oder wenig Deutsch gesprochen wird, kann der Kindergarten helfen“, sagt Susanna Haas.

Kindergärten können mehr

Nicht nur dieses Beispiel zeige, dass die Anforderungen an Kindergartenpädagogen enorm steigen. Die Erwartungen der Eltern, der Gesellschaft stellen Kindergartenpädagogen vor große Herausforderungen. „Leider werden die Rahmenbedingungen was Ausbildung der Pädagoginnen und Pädagogen und Finanzierung der Kindergärten betrifft diesen Anforderungen und Herausforderungen nicht angepasst.“, kritisiert Elmar Walter, Leiter der St. Nikolausstiftung: „Ich vermisse seit Jahren das klare Bekenntnis und entsprechende Maßnahmen von Politik und Gesellschaft, dass der Kindergarten eine Bildungseinrichtung ist. Ich denke hier etwa an eine Ausweitung der Berufsausbildung im Bereich der Elementarpädagogik.“ Aber auch eine Ausweitung der Geldmittel, um einen besseren Fachkraft-Kind-Betreuungsschlüssel zu ermöglichen gehöre da dazu. „Generell muss man sagen: Ein Kindergarten könnte auch mehr leisten – etwa in puncto Integration, vorschulische Bildung oder Persönlichkeitsentwicklung der Kinder, als es Kindergärten derzeit tun können, wo Zeit, Geld und personelle Ressourcen mehr als knapp sind.“

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EIN ARTIKEL VON
  • Andrea Harringer

    „Meine Mami schreibt das auf, was ihr andere Leute erzählen.“ Das sagte mein Sohn, als man ihn fragte, was seine Mama beruflich mache. Seit 2001 bin ich Redakteurin in der Erzdiözese Wien, schreibe für den „Sonntag“ und versuche, Themen wie Familie, Kinder und Erziehung auch aus einem christlichen Blickwinkel zu beleuchten.


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