1. April 2019

Medienerziehung: Wischen und Klicken – jederzeit und überall?


Das Internet mit all seinen Risiken, aber auch mit seinen Chancen, ist längst auch bei den Allerkleinsten angekommen. Was das für uns alle bedeutet und wie Medienerziehung deshalb heute aussehen muss, darüber hat meinefamilie.at mit Matthias Jax, Experte für Social Media, Datenschutz und Online-Sicherheit und mit Daniela Drobna, Kommunikationswissenschafterin, IT-Expertin und Autorin, gesprochen.

What’s App-Nachrichten checken und schreiben, den Wetterbericht und die neuesten Schlagzeilen abrufen, oder den kürzesten Weg zu unseren nächsten Terminen finden – dutzende Male am Tag greifen wir zu unserem Handy. Es scheint, als wäre das Smartphone aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Und nicht nur aus unserem erwachsenen Alltag, es ist auch Teil des Alltags unserer Kinder geworden. Schon die Kleinsten sitzen mit dem Smartphone der Eltern im Kinderwagen. Die Älteren nutzen dann bereits ihr eigenes Smartphone, um im Internet zu surfen, Youtube-Videos zu schauen, Spiele zu spielen, Nachrichten zu lesen oder zu verschicken und vieles mehr. Und wer kein eigenes Smartphone besitzt? Der schaut bei älteren Geschwistern oder Freunden mit. Wischen und Klicken jederzeit und überall.

Eine Kindheit ohne Medien gibt es kaum mehr.

tippen wischen -meinefamilie.atKinder lernen durch Vorbild – auch hier

„Kinder wachsen heute ganz selbstverständlich mit Internet und digitalen Medien auf“, sagt dazu Daniela Drobna, Kommunikationswissenschafterin, IT-Expertin und Autorin. Eine Kindheit ohne Medien, eine Kindheit ganz ohne Smartphone und Internet gibt es kaum mehr. „Das ist per se aber noch nicht schlecht“, betont Daniela Drobna: „Doch es ist wichtig, Kinder früh und aktiv beim Erwerb der Medienkompetenz zu unterstützen. Sie zu einem bewussten und reflektierten Umgang mit Medien zu erziehen.“ „Wenn wir bedenken, dass Kinder das erste Mal zwischen 0 und 2 Jahren mit Medien in Verbindung kommen, das erste Mal in die digitale Welt eintauchen, dann müssen wir auch darauf achten, dass sie sich in dieser Welt auch zurechtfinden können“, sagt Matthias Jax, Experte für Social Media, Datenschutz und Online-Sicherheit von der Organisation Saferinternet.at.

Kinder seien hier, wie auch in anderen Bereichen ihres Alltags, auf die Unterstützung und Hilfestellung ihrer Eltern und in weiterer Folge auch ihrer älteren Geschwister, der Großeltern und der Pädagogen in Kindergarten und Schule angewiesen. „Im Grunde setzt die Medienerziehung schon lange bevor die Kinder ein eigenes Handy haben ein“, sagt Matthias Jax: „Kinder lernen durch Vorbild. Wie das Smartphone in den Alltag eingebunden ist, sehen sie also zunächst einmal bei den Erwachsenen, die rund um sie herum sind.“ Ist das Handy etwa in der Nacht im Schlafzimmer, lassen sich die Erwachsenen beim Essen immer wieder vom Handy ablenken, unterbrechen sie Gespräche, weil das Handy klingelt.

tippen wischen2 - meinefamilie.atEin Smartphone ist kein Babysitter

„Wenn es an die konkreten ersten Ausflüge im Internet geht, sollten diese ersten Schritte in einem sicheren Umfeld stattfinden“, betont Daniela Drobna. Erziehungsberechtigte sollten ganz gezielt kindgerechte Angebote auswählen, die nicht überfordern. „Schon das Lesen eines Buches gehört da dazu, auch das ist Medienbildung. Was ist das, was kann das? Als nächstes kann gemeinsam ein eBook auf einem eBook-Reader oder einem Tablet gelesen werden. Ein kindgerechtes Video auf YouTube geschaut werden. Ein Malprogramm auf dem Laptop oder ein Videoanruf mit den Großeltern oder ein Schlaflied, das auf dem Smartphone abgespielt wird – das alles sind nicht nur Aktivitäten, sondern auch Ausgangspunkte, um sich gemeinsam über die Medien und deren sichere Nutzung zu unterhalten.“ Wichtig sei es in jedem Fall, dass Kinder im jungen Alter nicht unbeaufsichtigt mit Geräten alleingelassen werden. Hier sollte die Mediennutzung unter erwachsener Obhut und in kleinen Dosen stattfinden.

Bleiben sie im Gespräch

Und wenn Kinder dann ihr eigenes Smartphone besitzen? Wie geht es dann mit der Vermittlung von Medienkompetenz weiter?

„Setzen sie klare Regeln, wann und wo das Smartphone verwendet werden darf und wann und wo nicht. Aber auch etwa, was ihr Kind tun soll, wenn ihm etwas seltsam vorkommt. Finden Sie dabei einen Weg, mit dem alle Beteiligten gut umgehen können und der für Sie als Eltern auch handelbar ist“, rät Matthias Jax.

Außerdem: „Sprechen Sie mit Ihren Kindern über das Internet – über die Möglichkeiten, aber auch die möglichen Gefahren. Darüber, was man alles im Netz finden kann und dass man etwa nicht mit Leuten chatten soll, die man nicht kennt oder dass man keine persönlichen Daten weitergeben soll. Dass man auf vielen Plattformen acht geben muss, sein Profil privat zu schalten, um ungebeten Gäste zu vermeiden.“

Abgesehen davon: Machen Sie Ihren Kindern klar, dass Sie für ihre Fragen, Anliegen und Sorgen, aber auch ihre Interessen und Freude mit dem Medium absolut immer ein offenes Ohr haben. „Interessieren Sie sich dafür, was Ihre Kinder eigentlich tun, wofür sie das Handy verwenden“, sagt Matthias Jax. Oft sei es da dann auch so, dass Eltern von ihren Kindern lernen, dass Eltern manche Dinge im Internet überhaupt erst durch ihre Kinder wahrnehmen. Wie läuft Snapchat und was ist das überhaupt? Was macht man mit Tiktok? Was bei Instagram? Beispiele gebe es da zur Genüge. Und, ganz wichtig: „Nehmen Sie Ihr Kind und seine digitale Welt ernst“, sagt Matthias Jax: „Ob ein Freund etwas auf Snapchat liked oder nicht, ist nun einmal für die Betroffenen nicht egal.“ Kinder und Jugendliche hätten ja generell einen ganz anderen Zugang zur digitalen Welt als wir Erwachsene.  „Haben wir Erwachsene die Welt noch als getrennt in offline und online kennengelernt, ist das für die nachkommenden Generationen ein großes untrennbares Ganzes.“ Das Smartphone ist damit so viel mehr als ein Telefon. Es wird zum Spielen, zum Schauen von Videos, zum Chatten verwendet, man präsentiert sich selbst, hält Kontakt mit seinen Freunden.

Medienerziehung - meinefamilie.atKeine Verbotskultur

Von Filtern und Sperren für das Smartphone des Kindes rät Daniela Drobna übrigens ab. „Damit kommt man nicht weit“, ist sie überzeugt: „Das sind höchstens ergänzende Maßnahmen. Es braucht keine Verbotskultur. Wichtiger ist es eben, so früh wie möglich Wissen aufzubauen.“ Auch von heimlichen Kontrollen ist abzuraten, denn das kann zum Vertrauensbruch führen. „Auch Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre“, betont Daniela Drobna. Und wenn Eltern nicht weiterwissen, ist es keine Schande sich zu informieren und Hilfe zu holen, beispielsweise bei
saferinternet.at oder Rat-auf-Draht.

Medienbildung ist ein Lebensprojekt

Eltern müssten sich in diesem Zusammenhang auch durchwegs immer wieder bewusst werden, dass Medienbildung ein Lebensprojekt auch für sie selbst ist. „Medien sind nicht statisch, sie verändern sich allein durch den technologischen Fortschritt, neu aufkommende Nutzungsgewohnheiten und ja, auch ,Moden‘ in der digitalen Welt und daraus resultierenden Herausforderungen“, sagt Daniela Drobna. „Daher ist es schwer zu sagen, dass an einem bestimmten Punkt Schluss ist und man nun zu 100 Prozent digitale Kompetenz besäße.“

Ein Buch für die Jüngsten

Daniela Drobna hat sich mit dem Thema Internetnutzung von Kindern in ganz besonderer Weise auseinandergesetzt. In ihrem sehr empfehlenswerten Buch „Der Online-Zoo“ thematisiert sie die Herausforderungen des Internets kindgerecht und ohne Angst zu machen.  „Für größere Kinder und Jugendliche gibt es glücklicherweise mittlerweile sehr viele Ressourcen in diesem Bereich, beispielsweise für den Einsatz im Unterricht. In Österreich unterstützt ,Saferinternet.at‘ seit vielen Jahren sehr erfolgreich den Erwerb digitaler Kompetenzen von Kindern, Erziehungsberechtigten und Lehrenden. Doch für die allerjüngste Zielgruppe gab es bisher kaum ein Angebot“, erklärt Daniela Drobna, wie es zu dem Buch kam. „Um die kleinsten Userinnen und User früh abzuholen, war es mir hier wichtig, große Themen wie Cybermobbing, Handysucht, Online-Käufe, Cyber-Grooming oder Sexting auf eine Ebene runterzubrechen, die für kleine Kinder verständlich ist und ihnen keine Angst bereitet.“ Ein Bewusstsein für diese Gefahren zu schaffen sei durchaus kindgerecht und auch spielerisch möglich. „Informierte Kinder sind gut geschützte Kinder.“

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