11. Oktober 2019

„Mama, warum fahren wir nicht mit dem Auto?“

„Mama, warum fahren wir nicht mit dem Auto?“

Es ist 6:45. Und es ist kalt. Ziemlich kalt. Meine Kinder und ich stapfen durch den Nebel. Unser Ziel: Der Kindergarten. „Mama, warum fahren wir nicht mit dem Auto?“, fragt meine 5-jährige.

,,Weil es nicht weit ist.“

Genau genommen ist es 1 km. Keine Distanz, für die man ein Auto benötigt. Doch die Frage ist berechtigt. Schließlich fahren genug andere Kindergartenkinder im Auto an uns vorbei – in die entgegen gesetzte Richtung, weil mit dem Auto ein ordentlicher Umweg gefahren werden muss. Das finde ich schade.

,,Weil es schön ist, zu Fuß zu gehen.“

Finde ich. Mein 3-jähriger Sohn findet das überhaupt nicht schön. Der findet das nur fad und anstrengend. Blöd nur, dass er Eltern hat, die der Meinung sind, dass es ganz schön gut tut sich immer wieder mal anzustrengen.

Zum Glück gibt es ein gutes Mittel gegen Fadheit und gegen das Gefühl sich anzustrengen: Neugier. Also gestalten wir den Weg so, dass ihn auch meine Kinder schön finden.

  • Wir nehmen zum Beispiel unterschiedliche Wege. Momentan beliebt: ein schmaler Trampelpfad durchs Feld.
  • Oder wir gehen an einer Baustelle vorbei und beobachten den Baufortschritt – wobei wir auch schon einiges lernen konnten.
  • Wir spazieren an einem alten Apfelbaum vorbei, dessen Äste über den Zaun hängen, und finden immer wieder einen herrlichen Apfel.
  • Bei Regen gehen wir so, dass wir in die größten Lacken springen können.
  • Und wir wissen, in welchen Gärten wir die Schnecken bei nassem Wetter im Gebüsch sitzen sehen können.
  • Mein Sohn, der sich eigentlich vor Hunden ein wenig fürchtet, freut sich, wenn er den kleinen Hund trifft, der ihnen immer seine Kunststücke zeigen soll, aber eigentlich gar nicht so will wie sein Frauchen, und alle zum Lachen bringt.
  • Wir spielen „Ich seh, ich seh, was du nicht siehst“ oder üben das Erkennen von Automarken.

Es gibt Mauern zum Balancieren, Regenwürmer zu retten, Feuerwanzen zu zählen und Katzen zu streicheln.

Besonders schön finden meine Kinder den Weg natürlich an den wenigen Tagen im Jahr, wo sogar bei uns Schnee liegt und sie als erste diese weiße Pracht mit ihren Füßen durchlaufen können.

„Mama, warum fahren wir nicht mit dem Auto?“
(c)iStock

,,Aber es ist zu kalt!“

Ja, manchmal ist es wirklich kalt am Weg in den Kindergarten.

Dann braucht es die richtige Kleidung. Das können auch im September schon Handschuhe sein.

Und eine Gatschhose schützt nicht nur vor Nässe, sondern auch einfach vor dem kalten Wind. Da wir das Wetter wirklich spüren, sind meine Kinder auch immer richtig ausgerüstet im Kindergarten, während die Pädagoginnen oft klagen, dass so viele Kinder keine geeignete Kleidung mithaben und im Garten jammern, weil sie zwar eine dicke Hose, aber leider keine Haube und keine Handschuhe dabei haben.

Und wenn es so richtig kalt ist, dann nehme ich eine Flasche warmen Tee mit auf den Weg oder brate – wenn es sich vor dem Abholen ausgeht – Maroni für den Nachhauseweg.

,,Aber es ist so heiß!“

Oh ja, auch das stimmt! In den wenigen Momenten, wo der Name meines Heimatortes im Radio zu hören ist, dann geschieht dies zum Vermelden eines Hitzerekordes. Schatten? Fehlanzeige. Bäume? Eindeutig zu wenige. Da hilft uns nur, den Weg mit dem Fahrrad rasch hinter uns zu bringen. Oder die Kinder im Kindergarten noch einmal gut mit Sonnencreme einzuschmieren und uns am Heimweg mit Melone und einer Sprühflasche voll Wasser zu erfrischen.

,,Aber es ist so dunkel!“

Oft ist es am Weg in den Kindergarten oder zurück dunkel. Normalerweise finden das meine Kinder ohnehin spannend. Wichtig ist aber, dass sie auch gut zu sehen sind. Also bekommen beide Kinder noch eine Warnweste über die Jacke gezogen.

Und auch ich gebe mir reflektierende Clip-Bänder um die Ärmel. Da es in einigen Gassen keinen Gehsteig gibt, ist das für uns besonders wichtig. Manchmal nehmen die Kinder auch eine Taschenlampe oder ein Im-Dunkeln-leuchtendes Spielzeug mit.

,,Weil uns Bewegung und frische Luft gut tun.“

„Mama, warum fahren wir nicht mit dem Auto?“
(c)iStock

Ich bin der Meinung, dass wir Menschen alle viel mehr Zeit an der frischen Luft, in der Natur und in Bewegung brauchen. Mir tut unser täglicher Fußmarsch auf alle Fälle gut, und ich merke, dass er auch meine Kinder bereichert. Sie lieben Naturerfahrungen und ich kann ihnen so jeden Tag ein paar Minuten davon ermöglichen. Es tut ihrem Immunsystem gut, sie haben einen bemerkenswerten Appetit, sind gute Beobachter und finden kreative Spielmöglichkeiten.

Wir gehen in den Kindergarten, weil es mir wichtig ist. Weil ich mich weigere so eine kurze Strecke mit dem Auto zu fahren. Auch dann, wenn es am Weg liegt.

Und weil es jeden Tag Qualitätszeit mit meinen Kindern ist – wenn ich sie dazu mache und mich nicht stressen lasse.

,,Kein Stress in der Früh?“

„Mama, warum fahren wir nicht mit dem Auto?“
(c)iStock

Das klingt jetzt alles schön und romantisch. Und oft ist es das auch. Oft war dieser Weg aber auch schon ein einziger Kampf. Denn auch ich muss einen Zug erreichen und in die Arbeit fahren. Das dies nicht täglich der Fall ist, macht die Sache natürlich leichter.

Mittlerweile bin ich am Weg in den Kindergarten aber wirklich fast nie im Stress. Warum?

Erstens, weil ich schon weiß, wie viel Zeit ich einrechnen muss und mich auch damit abfinde, dass wir viel länger brauchen als eigentlich notwendig.

Und zweitens, weil ich alles andere am Morgen reduziert habe:
  • Meine Kinder müssen sich nicht unbedingt selbst anziehen. Es ist mir wichtig, dass sie sich selbst anziehen können. Sie müssen das aber nicht immer tun.
  • Ich mache kein Frühstück mehr. Meine Tochter ist ohnehin kein Morgenmensch und bekommt nichts runter. Mein Sohn kann bei mächtigem Hunger am Weg etwas essen. Gemütlich und gesellig Frühstücken tun sie dann ja ohnehin im Kindergarten. Dort putzen sie auch standardmäßig vor der Jause die Zähne. Auch das gehört also nicht zu unserem Morgenprogramm.
  • Und drittens, weil ich nicht müde werde, Antworten auf die Frage zu finden: „Mama, warum fahren wir nicht mit dem Auto?“

 



EIN ARTIKEL VON
  • Agnes Rehor

    Ich bin Kindergarten- und Hortpädagogin und habe Diätologie studiert. Seit 2013 bin ich verheiratet und habe zwei kleine Kinder. Nach den Babyjahren sind wir aus Wien hinaus in Häuschen mit Garten gezogen. Ich begeistere mich für die Natur und ihren Schutz, beschäftige mich damit, wie Beziehungen gelingen können und brenne für unkonventionelle Ideen.


Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at