6. November 2018

Worüber sprechen wir überhaupt, wenn wir über Grenzen sprechen?

grenzen gehorsam2 - meinefamilie.at

Zwingt man dem Kind seine eigenen Grenzen auf, zwingt man es in die Begrenzungen der Erwachsenen. Dagegen wehren sich unserer Kinder und gehen in den Widerstand! Zu Recht! Das ist nicht Führung, das ist kein Zusammenspiel, das ist Gehorsam oder eben Rumkommandieren.

Dazu lade ich zu einem Gedankenexperiment ein: stellen Sie sich Ihre eigenen Grenzen um Sie vor. Bei mir ist das ein Kreis. Wie groß ist der? Wo stehst du? Als nächstes stellen Sie sich Ihr Kind vor mit seinem/ihren Grenzen rundherum. Vielleicht ist der Kreis kleiner als Ihrer. Und auch Ihr Partner hat Grenzen. Und was bei dieser Übung schon deutlich wird ist, dass wir ganz schön viel Platz brauchen, damit der jeweilige Raum geachtet wird. Das Bild von eigenständigen Menschen mit eigenen Grenzen entspricht einer Subjekt – Subjekt – Beziehung in der alle gleichwertige, ernstzunehmende Menschen mit unterschiedlicher Macht- und Pflichtaufteilung zusammenleben. Das ist das Bild einer Familie in den 2010er Jahren.

Grenzen verändern sich

Je abhängiger unsere Kinder sind, umso näher und im wahrsten Sinn des Wortes, inniger ist unsere Beziehung. Ein Baby in der Bindungsphase lebt bildlich gesprochen mit seinem Kreis in meinem Kreis. Es ist mit mir identifiziert, kann noch nicht unterscheiden zwischen Sie und Ich obwohl es schon ein kompetentes Wesen ist, das seinen Bedürfnissen Ausdruck verleihen kann. Die Grenzen verschwimmen also, und es ist einzig unsere elterliche Aufgabe, Zeit mit unserem Baby zu verbringen, seine Bedürfnisse unmittelbar zu stillen und es kennenzulernen.

Grenzen testen

Ab der Autonomiephase beginnt das Kind nicht nur seinen eigenen Bereich zu erforschen, seine Grenzen auszuprobieren, sondern auch unsere. „Mama, Papa, wer bist du? Und wer bin ich?“ Das sind die Fragen, die jetzt aufkeimen. Und ja, unsere Kinder übertreten permanent mit diesem Forschungsdrang unsere Grenzen. Ganz unverblümt und unachtsam. Deswegen ist es so wichtig, dass wir unsere Grenzen als Erwachsene kennen und benennen können.

Angebot

Familienberatung finden

Diese Grenzen sind sehr persönlich und individuell. Ein Beispiel: Hausarbeit. Ich mache alles mehr oder weniger gerne. Aber wenn es ums Bügeln geht, ist meine Grenze sehr schnell erreicht. Ich bügle nicht, weil ich spüre, wie sich bei mir schon allein beim Gedanken daran alles zusammenzieht. Wenn ich bügeln müsste, dann müsste ich wahrscheinlich irgendwie kompensieren, damit ich es ertrage. Also wahre ich durch Nicht-Bügeln meine Integrität und meine Grenzen. Meine Schwiegermutter hingegen entstresst sich durchs Bügeln. Das dürfte ihr keiner wegnehmen.

Oder : Vor drei Jahre fragte mich meine Tochter, ob sie mit einer Freundin verreisen dürfte – ich war noch nicht so weit. Ich konnte nicht Ja dazu sagen. Ein Jahr später war das Ja sagen ganz einfach für mich .

Oder: Mama will nicht, dass das Kind mit dem Handy spielt und hat dafür ganz viele Gründe. Papa sieht das aber ganz entspannt. Schon stehen sich zwei Kreise mit anderen Grenzen gegenüber.

So ist der erste Schritt immer in Ihrem Kreis. Was geht für Sie und was geht für Sie (noch) nicht? Das sind Ihre Grenzen, die Sie deklarieren müssen – auch wenn das den anderen nicht gefällt. Das sind Sie. Das macht Sie aus. Und über manche Grenzen wachsen Sie hinaus – und manche bleiben gleich.

Was machen aber die Eltern, die sich nicht einig sind? Zum einen müssen sie nicht einig sein. Bei Mama geht das nicht – bei Papa schon. Wenn es aber zu einem Konflikt in der Paarbeziehung führt, dann braucht es Austausch zwischen den Eltern, um eine tragfähige Lösung zu finden, in der keiner Gewinner oder Verlierer ist. Und diese Zeit müssen sich Eltern immer wieder nehmen.

Was bedeutet dann Grenzen setzen in diesem Zusammenhang?

Mit dem oben kreierten Bild wird diese Aussage zunehmend absurd. Würde ich meinem Kind seine Grenzen setzen, würde ich mein Kind definieren, es zum Objekt machen. Ich würde es zwingen, in meinen Grenzen, und somit in meinen Begrenzungen zu leben. Ich würde mich meinem Kind überstülpen. Das ist nicht Führung, das ist kein Zusammenspiel, das ist Gehorsam oder eben Rumkommandieren. Selbiges gilt auch für die Paarbeziehung. Niemand will sich einem anderen Erwachsenen unterwerfen, nur weil dieser Angst vor etwas hat oder das Neue nicht attraktiv wirkt. Was machen Erwachsene dann? Sie gehen im besten Fall in den Austausch, in einen Prozess, aus dem wieder im besten Fall kein Kompromiss entsteht, sondern eine Lösung, auf die keiner alleine gekommen wäre. Das ist dialogisches Zusammenleben: Aus zwei (oder mehreren) „Kreisen“ entsteht etwas ganz Neues – sowohl im Außen, als auch in den beteiligten Personen.

Ich würde mich meinem Kind Grenzen überstülpen. Das ist nicht Führung, das ist kein Zusammenspiel, das ist Gehorsam.

Auch beim Zähneputzen geht es nicht ums Zähneputzen, sondern um die Beziehung. Kinder machen in einem Klima des Vertrauens fast alles mit. Wenn wir unsere Zähne putzen, machen sie das auch. Wir sind ihre Helden und Heldinnen. ABER: Sobald sie spüren, dass wir Angst haben, Angst vor der Zukunft, dem Zahnarzt und den schlechten Zähne, geht es nicht mehr um die Sache, sondern darum, dass wir versuchen unsere eigene Angst über unser Kinder zu managen/regulieren: „Wenn du Zähne putzt, dann habe ich keine Angst mehr.“ Das ist Erpressung, Manipulation. Wir zwingen sie in unsere Grenzen, in unsere Begrenzungen. DAGEGEN wehren sich unserer Kinder und gehen in den Widerstand! Zu Recht!

Deswegen ist es so wichtig, sich mit dem auseinanderzusetzten, was wir denken und befürchten – dann den Autopilot ausschalten, um dann wieder einen Weg ins Vertrauen zu finden. Und der ist von Familie zu Familie, von Mensch zu Mensch höchst persönlich und individuell .

Geh nicht mit deiner Vision auf mein Leben los“ ist ein Spruch auf einem Baby-Body, der bei mir in der Praxis hängt.

Kinder (und auch Partner) widersetzen sich in erster Linie dann, wenn eben das passiert. Wenn sie buchstäblich übergangen werden. Wenn über sie bestimmt wird und sie ihre Selbstwirksamkeit verlieren. Wenn wir sie auf der einen Seite ermutigen, eigenständig zu sein, sie aber ab dem Moment bremsen oder antreiben, wenn es für uns passt, wenn wir es brauchen, weil wir sonst Angst bekommen. Dann heißt es nicht mehr „Was brauchst du?“, sondern „Beeil dich! Wenn du nicht weitermachst, dann…!“ etc.

Wenn Eltern hilflos oder ängstlich oder gestresst sind, greifen sie auf das zurück, was sie aus ihrer eigenen Kindheit kennen.

Wenn Eltern hilflos oder ängstlich oder gestresst sind, greifen sie auf das zurück, was sie aus ihrer eigenen Kindheit kennen. Und erreichen dadurch nichts. Weil unsere Kinder sehr integer sind – so wie wir es ja auch wünschen.

Was ist also die Lösung?

Die Lösung ist, in Alternativen zu denken. Das kann ich aber nur, wenn ich mein gesamtes Gehirn benutzen kann, wenn ich also entspannt bin. Wenn es immer wiederkehrende Konflikte gibt, wie zum Beispiel Einschlafen, Zähneputzen, das Haus verlassen… dann braucht es ein Meeting, in dem Raum für die Grenzen, Standpunkte, Wünsche und Bedürfnisse von allen Familienmitgliedern ist. In diesem Raum kann Neues entstehen. In diesem Raum wird man von allen gehört und man hört alle. Wie kann es uns als Familie gelingen, in der Früh ohne Geschrei und pünktlich das Haus zu verlassen? Warum ist mir das wichtig? Was ist dir wichtig? Dafür braucht es nicht nur offene Ohren, sondern auch ein offenes Herz. Denn unsere Kinder wissen über uns oft besser Bescheid, als wir es wahrhaben wollen. Und sie wollen, dass wir uns zeigen, als die, die wir sind und nicht als die, die sich hinter einer Rolle verstecken. Das wären dann keine Grenzen, das ist eine Mauer. Und gegen diese werden sie hämmern, bis sie bei uns angekommen sind, in Verbindung mit uns sind.

Führung heißt also: Ich nehme dich und mich und deinen und meinen Standpunkt ernst und beziehe ihn mit ein. Darauf kannst du vertrauen. Und wir Eltern entscheiden dann.

So lauten meine abschließende Einladungen

  • Spielen Sie mit dem Bild der Kreise – Beobachten Sie sich, in wessen Kreis Sie unterwegs sind.
  • Haben Sie selbst überhaupt einen Kreis?
  • Sind Sie „zu Hause“?
  • Sind Sie in „anderen Kreisen“ unterwegs, ohne dass Sie darum gebeten worden sind?
  • Widersetzt sich Ihr Kind vielleicht deswegen, weil SIE über seine Grenzen gegangen sind?
  • Machen Sie einen Realitätscheck: Hinterfragen Sie althergebrachte Ideen (vor allem die, die Ihnen zusätzlichen Stress bereiten), die in deinen Kreis eingepflanzt worden sind – und triff eine Entscheidung, die IHNEN entspricht.
  • War dieser Artikel für dich hilfreich/interessant?
  • Ja   Nein


EIN ARTIKEL VON
  • Sandra Teml-Jetter

    Ich bin gelernte Wienerin vom Attersee und seit 20 Jahren mit meinem Mann Stefan zusammen. Seit 14 Jahren bin ich mit ihm verheiratet. Gemeinsam leiten wir seit über 10 Jahren die „Wertschätzungszone“, unsere Beratungspraxis. Wir leben zusammen mit unseren drei Kindern im Alter von 22, 16 und 13 Jahren.
    www.wertschaetzungszone.at


Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at