8. Januar 2019

Wie man Kinder vor „schlechter“ Sprache fernhält – Und: Sollte man das überhaupt?

kinder sprache - meinefamilie.at

Plötzlich war sie da. Die für Eltern schockierende Jugendsprache bei meiner 10-jährigen Tochter. Wie sollte ich damit umgehen?

Irgendwann waren die Worte da. Einfach so. Opfer. Behindert. Asozial. Alter. Und zwar für Erwachsene in oftmals unerwarteten Kontexten und mit merkwürdigen Konnotationen. So ist ein Opfer beispielsweise nicht jemand, dem man helfen sollte, sondern jemand, der sich selbst nicht helfen kann oder uncool ist – und damit zum „Opfer“ wird. „Behindert“ ist in der Jugendsprache nicht ein Mensch mit „besonderen Bedürfnissen“, sondern ebenfalls ein Mensch, der sich durch Uncoolness oder sonstigen gröberen Verfehlungen diesen Begriff eingefangen hat.

Schock oder Gelassenheit?

Eltern reagieren auf diesen veränderten Sprachgebrauch der Kinder, durchaus zu Recht, meist mit Schock und Unverständnis. Bis dahin, meist etwa bis das Kind 10 Jahre alt ist, hat schließlich alles „gepasst“. Das Kind hat keine „unkorrekte Sprache“ verwendet, war sprachlich sensibel und hat vor den hier erwähnten Begriffen Abstand genommen bzw. diese erst gar nicht gekannt.

Zumindest auf einer neutralen, rein sachlichen Ebene kann man Entwarnung geben. Einige dieser Begrifflichkeiten sind klar im Dienst der Gruppenbildung zu betrachten. Sprache schafft Zusammenhalt, Sprache signalisiert vor allem auch kulturelle Homogenität. Nicht umsonst ist oft die Rede von der „Jugendkultur“. Dass sich die Kultur der Jugend oft grundlegend von der Kultur der Erwachsenen unterscheidet und unterscheiden muss, leuchtet ein. Nüchtern ließe sich das quasi als letzte „Abnabelung“ oder als Differenzierungsversuch gegenüber der Welt der Erwachsenen benennen.

Andersheit

Dennoch bleibt natürlich die ungute Konnotation oder auch die, aus Erwachsenensicht, gänzlich unangemessene Bedeutung mancher Wörter. Wenn ein Kind in der Gegenwart seiner Eltern besagte Wörter verwendet, darf man davon ausgehen, dass Kinder ihre neu gewonnene Gruppenzugehörigkeit und die damit einhergehende Sprachverwendung demonstrieren möchten. Darüber hinaus ist natürlich eine kleine Provokation mit dabei: Ich bin jetzt „anders“ als ihr, gehöre einer anderen Gruppe an, definieren mich nicht mehr ausschließlich über meine Familien und die Familienzugehörigkeit!

Fazit

Wie also richtig reagieren? In der Schockstarre verharren und von dieser aus auf das Kind und auf jeden „unangemessenen“ Sprachgebrauch reagieren? Oder doch eher lässig, nüchtern, analytisch sein und davon ausgehen, dass sich der Sprachgebrauch wieder automatisch verändert, wenn das Kind wiederum eine gewisse Lässigkeit im Umgang mit der „neuen“ Sprache erreicht hat und dann womöglich auch wieder ein bisschen auf Distanz zu ebendieser geht?

Die Antwort ist: Weder noch. Weder mit dem moralischen Zeigefinger auf das Kind zeigen, noch die „Deutungshoheit“ völlig abgeben. Eltern bleiben, auch und vor allem für Kinder kurz vor und in der Pubertät, trotz allem moralische Navigationshilfen. Hilfen wohlgemerkt, nicht Letztinstanzen. Wer zulässt, dass Kinder auch manchmal „von selbst“ zu einem kommen und sie nicht dauerhaft besserwisserisch und moralisch überlegen belehrt, der kann diese Rolle auch in stürmischen Zeiten bewahren. Das hilft auch in Bezug auf die Sprache, die auch in der Pubertät nicht gerade das sein wird, was Erwachsene als „schön“ und „angemessen“ beschreiben würden.

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EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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