27. November 2018

Was tun, wenn „die Hand ausrutscht“?

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Es ist ein Tabuthema: Gewalt in der Erziehung. Geschlagen wird heute vor allem aus Überforderung denn aus Überzeugung. Was kann man tun, um nicht zuzuschlagen? Was, wenn es doch passiert ist?

Wem ist schon einmal – wie es verharmlosend heißt –  die „Hand ausgerutscht“? Wer gibt seinen Kindern hin und wieder einen Klaps auf den Po? Was für Fragen! Wohl kaum jemand würde das in der Öffentlichkeit zugeben. Und doch ist körperliche Gewalt nach wie vor in vielen Familien ein Erziehungsmittel, wie eine Studie aus dem Jahr 2009 aufzeigt. Nur ein knappes Drittel der Eltern erzieht demnach tatsächlich ohne Gewalt. In fast jeder zweiten Familie ist die Ohrfeige ein Sanktionsmittel. Das, obwohl über 90 Prozent aller Eltern in Österreich eine gewaltfreie Erziehung als Ideal sehen und diese auch anstreben. Seit 1989 ist das Recht auf gewaltfreie Erziehung in Österreich auch gesetzlich verankert.

Kinder kennen die wunden Punkte ihrer Eltern

Es gibt also einen ziemlich großen Graben zwischen Ideal und Wirklichkeit. Warum? Die meisten Eltern würden nicht aus Überzeugung, sondern aus Überforderung schlagen, sagt die Sozialpädagogin und Psychotherapeutin Barbara Keplinger vom Niederösterreichischen Hilfswerk. „Kinder fordern uns heraus. Sie kennen uns gut und kennen auch unsere wunden Punkte.“ Wenn Eltern sich in Machtspiele mit ihren Kindern verstricken, könne es zu einem Schlagabtausch kommen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Die meisten Eltern wissen, wie es ist, wenn sie sich von ihren Kindern bis ins Äußerste provoziert fühlen. Dass die Nerven auch mal blank liegen und sich die Wut wie im Druckkochtopf anstaut, der sich entladen will. Was kann man tun, wenn man das Gefühl hat, gleich die Kontrolle zu verlieren?

Situation entschärfen

„Wenn es sich mehr und mehr aufschaukelt, soll man raus aus der Situation“, sagt Barbara Keplinger. Also entweder selber den Raum verlassen, das Kind rausschicken oder einen anderen Erwachsenen bitten, zu übernehmen. „Man muss nicht alles in der Situation lösen und kann dem Kind auch sagen, wie grantig man gerade ist.“

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Nicht bagatellisieren

Keplinger warnt davor, Gewalt gegenüber Kindern zu bagatellisieren. Die „g‘sunde Watschn“ hätte einem doch auch nicht geschadet? „Aber genützt hat sich auch niemandem!“ Der Familientherapeut Jesper Juul spricht sich gegen verharmlosende Ausdrücke wie „kleiner Klaps“ oder „ein paar hinter die Löffel geben“ aus. Das seien herunterspielende Synonyme für Akte der Gewalt, durch die Kinder Demütigung und Bloßstellung erfahren und Gewalt als legitimes Mittel erleben, um Konflikte zu lösen.

gewalt kindererziehung2 - meinefamilie.atSelbstreflexion

Gleichzeitig rät Keplinger Eltern, die ihre Kinder – ohne dass sie es eigentlich wollen – hin und wieder schlagen: „Nicht bei den Selbstvorwürfen hängen bleiben. Das macht nur wieder Stress.“ Lieber schauen, warum es so weit gekommen ist. Wo sind die eigenen Grenzen überschritten worden? „Wer Kinder hat, muss sich intensiv mit sich selber auseinander setzen und sich fragen: Wo sind meine Stressfaktoren? Wie kann ich meine eigene Mitte finden?“

Sich entschuldigen

„Wenn etwas gemacht wurde, was nicht okay ist, soll man sich entschuldigen.“ Die Kinder lernen so, dass auch Erwachsene Fehler machen.

Volle Verantwortung übernehmen

In seinem Buch „Das kompetente Kind“ betont der Familientherapeut Jesper Juul, wie wichtig es ist, dass Eltern voll und ganz die Verantwortung für die Gewalt übernehmen müssen. Also nicht zuerst entschuldigen und dann doch vermitteln: „Es ist deine Schuld, dass ich dich schlage.“ Es gilt: Egal, was das Kind getan und wie sehr es den Vater oder die Mutter  provoziert hat, ist es immer der Erwachsene, der die Verantwortung für die Gewalt übernehmen muss.

Sich Hilfe suchen

Barbara Keplinger will die Hemmschwelle senken, sich auch professionelle Hilfe zu suchen, wenn man selber nicht weiter kommt. Verurteilt werde niemand, der sich bei einem Erziehungsproblem an jemand Dritten wendet. „Von jedem Berater wird es nur positiv aufgenommen, wenn sich jemand deswegen Hilfe holt.“

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EIN ARTIKEL VON
  • Sandra Lobnig

    Seit ich Kinder habe, ist mein Leben schöner, erfüllter, spannender geworden. Und wahrscheinlich auch anstrengender. Ich bin Theologin und lese und schreibe über Ehe-, Erziehungs- und Glaubensthemen. Mit meinem Ehemann und unseren vier kleinen Kindern lebe ich in Wien.


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