13. August 2018

Gelingen und Nicht-Gelingen

Gelingen und Nicht-Gelingen - meinefamilie.at

Das Gelingen braucht notwendigerweise seine zweite Seite des Nicht-Gelingens, da das Nicht-Gelingen ohne das Gelingen nicht existieren kann. Dies ermöglicht eine andere und vielleicht auch entspanntere Sichtweise auf Gelingen und Nicht-Gelingen. Wenn beide nur gemeinsam existieren können, so hat der „negative Pol“ genauso seine Existenzberechtigung wie der positive. Und der negative Pol verdient genauso Beachtung und vor allem einen akzeptierenden und wertschätzenden Umgang. Der „Fehler“ gehört somit in den normalen Alltag des Gelingens und Nicht-Gelingens. Es gelingt den „Fehlern“ jedoch immer wieder, viel mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen als das Gelungene.
Warum ist das so?

Das liegt meist an der einseitigen Wahrnehmung, die alleinig die Fehler oder, das was fehlt in den Vordergrund stellt und das schon vorhandene Gelungene ausblendet. In der potenzialfokussierten Pädagogik ist der Fehler ein Phänomen, wo derzeit etwas noch nicht gelingt und noch nicht richtig ist. Die Betonung liegt auf dem Wörtchen „noch“. Es beinhaltet eine wichtige Botschaft, dass nämlich etwas „jetzt noch nicht passt und es bald passen wird“. Damit ist auch ein kleines Stück Zutrauen in der Botschaft enthalten – das Zutrauen, dass es bald passen wird und etwas gelingen wird. Auf die Kommunikation mit Kindern übertragen, könnte die Formulierung also lauten: „Schau mal hier, das ist noch nicht ganz richtig!“ statt „Schau mal hier, das ist falsch!“ oder „Da ist ein Fehler!“. Wenn etwas „noch nicht ganz richtig“ ist, dann ist der Fokus bereits auf das Gelingen gerichtet und es wird viel eher möglich, etwas im Hinblick auf das Gelingen anders zu machen. Der potenzialfokussierte Hebel für den Wechsel der Sichtweise besteht darin, den Fehler zum Gelingen in Beziehung zu setzen und den Weg vom derzeitigen Nicht-Gelingen zum Gelingen zum Thema zu machen.

Potenziale der Zukunft

Positive Unterschiede können nicht nur im Hier und Jetzt bzw. in Bezug auf die Vergangenheit fokussiert werden. Wendet man diese Potenzialfokussierung auf das Gelingen in der Zukunft an, ist sie für das Lernen und auch für die Leitung und Zusammenarbeit besonders wirksam.

Potenzialfokussierte Eltern könnten zum Beispiel fragen: „Wie könnte es dir gelingen, dies oder jenes zu tun?“ oder „Angenommen, du könntest es schon, wie hast du es gemacht? Kinder werden als Antwort auf diese Frage etwas ganz Spezifisches für sich entwickeln, das nur für ihn/sie, seinen/ihren Kontext und die eigenen Potenziale der richtige Schritt ist. Der Blick auf das Gelingen in der Zukunft öffnet die Tür im Möglichkeitsraum. Den Blick durch diese Tür in Richtung positive Unterschiede in der Zukunft müssen aber die Kinder selbst machen, denn nur sie können sehen, was sie weiterführt. Und nur sie können durch diese Tür gehen, wenn sie etwas sehen. Vorher werden sie keine selbstbewussten Schritte setzen. Ein Bergsteiger setzt ja auch seine Schritte nur dort, wo er den Weg klar sieht. Um bei diesem Bild zu bleiben: Der Blick nach vorne geht beim Entwickeln der Potenziale nicht weit voraus. Es sind der nächste Schritt und auch noch ein paar weitere, die man im Blick haben muss – nicht die weite Ferne. Natürlich können Eltern beim Öffnen der Potenzialtüren auch Ideen und Vorschläge einbringen, was für die Kinder individuell hilfreich sein könnte. Selbstverständlich ist hier die Erfahrung und die Intuition von Eltern mehr als wertvoll. Aber letztendlich haben nur die Kinder die „Lufthoheit über die Wirksamkeit“ und sie selber sind es, die am Lenkrad ihrer eigenen Potenzialentfaltung sitzen und ihre eigene „Methode der kleinen Schritte“ entwickeln. Entscheidend bei der „Methode der kleinen Schritte“ ist, dass konsequent die Zukunft, das Gelingen in den Mittelpunktgestellt wird. Man blickt dabei auf das Hier und Jetzt von der Zukunft her, also das, was bewirkt werden soll.

Weiters ist wichtig, dass nicht nur die Zukunft fokussiert wird, sondern eine Beziehung zwischen Zukunft und dem Jetzt hergestellt wird. Diese Beziehung ist dann der Weg der Schritte, mit denen jemand zur gelingenden Zukunft gelangt. Wenn wir hingegen unser Tun aus der Vergangenheit entwickeln und aus der Vergangenheit heraus rechtfertigen, wird ein Muster aus der Vergangenheit ständig fortgeführt und lässt sich nur sehr schwer unterbrechen. Neues kann aber nur beginnen, wenn man sich vom Bisherigen und von alten Mustern löst. Hier ist die Vorstellung wichtig, dass etwas anderes passieren wird, und von dieser Vorstellung ausgehend kann man dann überlegen, was jetzt zu tun ist, um dorthin zu kommen. Dabei ist es durchaus hilfreich, die GELUNGENEN Ereignisse der Vergangenheit als Ressource zu nützen.

Andersrum geht’s abwärts

Natürlich kann die Aufmerksamkeit auch auf die negative Entwicklung in der Zukunft, basierend auf nicht-gelungenen Ereignissen aus der Vergangenheit, gerichtet werden. „Na, wenn du so weitermachst, wirst du das nie schaffen/können/erreichen“, könnte zum Beispiel der verzweifelte Motivationsversuch einer Mutter sein, die den Blick weniger auf Funktionierendes richtet. „Nicht wieder so hinschmieren, die Hausaufgabe, das ist ja fürchterlich“, könnte ein bemühter Vater vielleicht sagen, der Besseres ermöglichen möchte. „Nicht funktioniert nicht“, sagen Experten für Lernen und das stellt man immer wieder auch selbst fest. Etwas zu thematisieren, was nicht passieren soll, führt genau zum gegenteiligen Effekt. Denken Sie nur ans Autofahren: Wenn man den Blick auf den einzigen Baum weit und breit am Straßenrand richtet, an den man keinesfalls anfahren will, steuert man genau auf den Baum zu. Der Blick „zieht“ die Koordination aller Bewegungen und Handlungen auf diesen Punkt bzw. in diese Richtung. Nicht anders ist es im Alltag. Wie oft richtet sich der Blick in Richtung Zukunft auf all das, das „den Bach runter geht“? Das reicht von „So geht das nicht!“ bis „Sei nicht so chaotisch/schlampig!“ oder „So wirst du die Schule nie schaffen!“ bzw. „Mit solchen Schulleistungen wirst du nie einen vernünftigen Job bekommen!“. In die gleiche Richtung argumentieren Wahrnehmungspsychologen und Hirnforscheren, wenn sie darauf hinweisen, dass es ein „Nicht“ auf neuronaler Ebene nicht gibt. Wenn wir uns vorstellen, was wir nicht tun werden –zum Beispiel bei der nächsten Schularbeit nicht nervös zu werden –, so haben wir genau dieses „Nicht“ im Fokus (und schon allein beim Gedanken daran treibt es uns den Schweiß auf die Stirn). Die Fokussierung der negativen Unterschiede („Mach keine Fehler!“, „Sei nicht so vorlaut!“, „unterbrich mich nicht!“ etc.) hat also genau den gegenteiligen Effekt von dem, den wir erzielen

wollen. „Nicht“-Appelle geben keine Informationen über konkrete Schritte und das, was man tun kann oder auch soll, um zu einem Gelingen in der Zukunft gelangen. Oder können Sie sich jetzt einen rosaroten Elefanten mit weißem Hut NICHT vorstellen?

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