24. Juni 2018

Eifersucht: wenn die Geburt eines Geschwisterchens das ältere Kind aus der Bahn wirft

Wenn die Geburt eines Geschwisterchens das ältere Kind aus der Bahn wirft - meinefamilie.at

Als mein zweiter Sohn zur Welt kam erwartete ich, dass sich sein großer Bruder, mein Sohn Mateo, freut. Ich dachte, dass er seinen kleinen Bruder als Ergänzung und Bereicherung ansieht. Als Mateo ankam um seinen Bruder zu besuchen, saß ich schon im Lehnsessel – bereit die beiden Brüder zu vereinen. Was dann folgte – damit hätten wir nicht gerechnet. Mein Großer war eifersüchtig und würdigte den Kleinen keines Blickes. Was sollten wir tun?!

Mit der Eifersucht war das so eine Sache. Mateo mein Ältester ist (so wie natürlich die anderen auch) ein absolutes Wunschkind.  An meinem 30sten Geburtstag beschlossen wir, dass wir ein Kind wollen – das war im Jahr 2006.  Mateo kam aber erst im Jahr 2012 auf die Welt – daran kann man schon sehen, wie lange wir an unserem ersten Wunschkind  „gearbeitet“ haben. Mit viel Freude und vielen Erwartungen, klar. Aber im Laufe der Jahre auch mit wie ich zugeben muss Verzweiflung. Wenn es, wie bei uns, so lange nicht mit dem Kinderwunsch klappt, beginnt man das Thema völlig zu fokussieren. Man rechnet, orientiert sich an Tabellen und Ovulationstests.

Dann 2011, endlich die erhoffte Schwangerschaft. Die ersten Wochen waren wir sehr ängstlich. Ich fühlte mich wie ein rohes Ei. Ich versuchte keine falsche Bewegung zu machen, um das neue Leben nicht zu gefährden.  Gott sei Dank war es aber eine völlig komplikationslose Schwangerschaft in deren Verlauf ich immer selbstbewusster wurde und jeden Tag genießen konnte. Vor allem, als ich die ersten Bewegungen spürte wusste ich, dass alles gut gehen wird.

Mein Kind, meine Welt

Die ersten Lebenswochen meines Kindes hörte irgendwie alles andere auf zu existieren – da gab es nur mein Kind und mich. Für meinen Partner war das damals bestimmt nicht einfach.
Auch im weiteren Verlauf stand mein Erstgeborener immer im Mittelpunkt. Wenn er wollte, durfte er in meinem Bett schlafen und er hatte mich sozusagen exklusiv für sich. Mein ganzer Tagesverlauf, meine Welt, drehte sich nur um ihn.

Ein Geschwisterchen macht sich auf dem Weg zu uns

Dann wurde ich mit meinem zweiten Kind schwanger und versuchte, Mateo so gut wie möglich einzubinden. Er sollte keine Wenn die Geburt eines Geschwisterchens das ältere Kind aus der Bahn wirft - meinefamilie.atAngst haben sondern sich auf sein Geschwisterchen freuen!
Ich stellte mir seinen Bruder als Ergänzung vor. Somit hätte ich zukünftig nicht nur ein Kind das ich verwöhnen und mit Zuneigung überschütten könnte – nein, ich hätte gleich zwei! Welch wunderschöne Vorstellung. Ich war überzeugt davon, dass beide wunderbar miteinander auskommen würden. Wie man das oft in Filmen sieht – eine große, rundum glückliche Familie.
Dass Mateo Eifersucht entwickeln könnte, auf diese Idee kam ich nicht im Entferntesten. Wir taten alles um ihm das Gefühl zu geben, dass sein Bruder keine Konkurrenz sondern eine Bereicherung ist. Es ging auch alles gut. Bis zur Geburt.

Geburt des zweiten Sohnes

Bis zu dem Tag als unseres zweiten Kindes zur Welt kam, war Mateo immer nur stundenweise bei seinen Großeltern und das auch nur in meinem Beisein. Niemals war er ganz alleine bei ihnen. Als nun gegen 02.00 Uhr morgens die Wehen einsetzten wurde also Opa gerufen. Wir machten uns auf den Weg ins Krankenhaus. Opa blieb bei Mateo bis er wach wurde und brachte ihn dann zu sich nach Hause. Das kannte mein Ältester nicht. Er befand sich in einer beängstigenden Situation, an der wir schuld waren. Vor lauter Liebe und Zuneigung war unser Sohn es nicht gewöhnt, auch einmal alleine bei den Großeltern zu sein. Wie ich nachher erfuhr brauchte es eine gewisse Zeit bis er sich in der neuen Umgebung akklimatisierte und wieder beruhigte. Ich hätte ihm diese Situation erleichtern können indem ich ihn zuvor stundenweise alleine bei seinen Großeltern hätte lassen können. Nun, das habe ich aber leider nicht und so sah Mateo sich in einer (scheinbar) gefährlichen Situation – Mama und Papa waren unangekündigt weg und er ganz alleine, zurückgelassen bei den Großeltern – und der kleine Bruder ist daran schuld!
Ich hatte jeweils eine ambulante Geburt und so war ich auch bei Noel am Nachmittag wieder zu Hause.  Nachvollziehbarerweise fuhr Mateos Papa sofort los, um ihn zu holen. Schließlich sollte er seinen Bruder kennenlernen.

Die Freude bleibt aus

Was dann folgte – damit hätten wir nicht gerechnet. Ich erwartete, dass er sich freut. Dass er seinen kleinen Bruder als Ergänzung und Bereicherung ansieht.

Ich saß bereits in meinem Wohlfühlsessel, hatte Noel im Arm und freute mich auf Mateos Heimkehr. Als Mateo ankam, besah er sich das Bündel Mensch in meinem Arm kurz und drehte sich dann weg. Das kam unerwartet und ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Ich konnte diese Reaktion, die Eifersucht, gar nicht verstehen. Die heile Familienwelt aus den Filmen sollte nicht real werden?

„Du musst auch auf dich selbst schauen.“, sagte ich mir damals. „Wenn Mateo Zeit braucht, dann muss ich sie ihm geben. Dann darf ich mich nicht aufdrängen und ihn ersticken mit meinen Bemühungen. Ich muss ein Stückchen loslassen.“

In den nächsten Tagen ging ich fast kaputt daran beiden Kindern gerecht zu werden. Das Baby musste alle 3 Stunden versorgt werden und Mateo forderte, natürlich, auch meine ganze Aufmerksamkeit ein. Durch den Druck den ich mir selbst machte ergaben sich Probleme beim Stillen, so dass mir nach geraumer Zeit nichts anderes übrig blieb als Zuzufüttern. Die nächste Niederlage als Mutter. Nicht genug Milch für das Baby hieß für mich in dieser Situation als Mutter nicht zu genügen.
Sobald Noel schlief, versuchte ich mit Mateo in Kontakt zu kommen. Mein kleiner Sohn blockte aber alle diese Versuche ab. Seine Traurigkeit war spürbar und das machte mich erst recht traurig. Auch mein Umfeld reagierte mit Sorge auf die Situation. Ich weinte sehr viel und lebte sozusagen Mateos Traurigkeit mit ihm aus.

Wege aus der Eifersucht

Irgendwann allerdings kam der Punkt, an dem mein Egoismus die Oberhand gewann. „Du musst auch auf dich selbst schauen.“, sagte ich mir damals. „Wenn Mateo Zeit braucht, dann muss ich sie ihm geben. Dann darf ich mich nicht aufdrängen und ihn ersticken mit meinen Bemühungen. Ich muss ein Stückchen loslassen.“

# Mama, schau auch auf dich selbst

Somit begann ich, wenn Noel schlief zu versuchen mich ein wenig zu entspannen, Schlaf nachzuholen, wieder zu kochen und ordentlich zu essen. Das war Balsam für mein angeschlagenes Nervenkostüm und jeden Tag ging es mir besser. Je besser es mir ging, desto leichter fiel es mir, mich auf Mateo einzustellen. Ich war einfach wieder entspannter und der Umgang mit ihm war nicht mehr so verkrampft wie direkt nach der Geburt.

# Verantwortung für den kleinen Bruder übernehmen

Natürlich versuchte ich weiterhin mein älteres Kind einzubeziehen und den Kontakt mit seinem kleinen Bruder zu fördern. „Möchtest du mir beim Kochen helfen?“, oder „Bist Du so lieb und holst mir eine Windel für das Baby?“.
Dadurch fühlte sich Mateo gebraucht und wichtig – wie das große Brüder eben auch sind!

Mateo brauchte einfach nur Zeit um sich auf die neue Situation einzustellen und um zu verstehen, dass es keinen Grund für Eifersucht gibt.
Mit der Zeit übernahm er immer mehr „Pflichten“. Er begann damit, seinem Bruder den Popo einzucremen, holte Windeln und hielt das  Fläschchen. (Somit stellte es sich auch als kleiner Vorteil heraus, dass ich zufüttern musste!)

Rückblickend denke ich, dass dies genau der richtige Weg für uns war.

Für Mateo da zu sein, ihm anzubieten das eine oder andere zu übernehmen, für das Baby da zu sein aber auch den Blick für sich selbst nicht zu verlieren. Das war ein Lernprozess der viel Tränen gekostet hat und absolut nicht einfach war.

# Gewohnte Rituale

Ich glaube, auch wichtig war es, dass Rituale nicht verändert wurden. Es gab und gibt täglich eine Gute-Nacht-Geschichte. Egal, wann wir zu Bett gehen und egal wie der Tag gelaufen ist. Das ist für alle wichtiges Ritual, ein Stützpfeiler sozusagen. Das verändert sich nicht. Jeden Tag darf sich einer die Geschichte aussuchen. An einem Tag Mateo, an einem Tag Noel und an einem Tag ich – und dann wieder von vorne. Das ist etwas, vorauf sich die Kinder zu 100% verlassen können. Das verändert sich nicht.

Und natürlich wird nach dem Lesen noch ausgiebig gekuschelt und geherzt. Die Buben schlafen längst nicht mehr bei mir im Zimmer sondern in ihren eigenen Betten. Sie teilen sich allerdings das Zimmer. Wenn ich manchmal am Abend am Zimmer vorbeigehe, höre ich sie oft noch ein wenig plaudern.

Ein unschlagbares Team

Heute sind die beiden ein unschlagbares Team.  Natürlich streiten sie auch viel, aber wenn es darauf ankommt, halten sie zusammen. Und darauf bin ich mächtig stolz.

Mateo profitiert viel davon, dass er Bruder geworden ist. Aus dem Kindergarten höre ich, dass er sehr hilfsbereit ist und sehr auf die Kleineren schaut. Erst kürzlich hatte ich ein Gespräch mit seiner Pädagogin die besonders hervorhob, wie empathisch mein Ältester ist. Wenn ein kleineres Kind stürzt oder weint ist Mateo zumeist zur Stelle und versucht zu helfen. Als ich das hörte hätte ich vor lauter Stolz fast geweint. Ich habe Mateo nach diesem Gespräch mit der Pädagogin sehr gelobt und ihm gesagt, wie unfassbar stolz ich auf ihn bin.

Wenn ich meine beiden Buben jetzt zusammen sehe, ist es genauso wie ich es mir vorgestellt habe. Teilweise fliegen die Fetzen (das war bei meiner Schwester und mir genauso) – aber sie halten zusammen und jeder merkt wie wichtig sie sich sind.

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EIN ARTIKEL VON
  • Karina Muhr

    Ich bin ich alleinerziehende Mama von drei kleinen Kindern. Durch meine Erfahrungen in der Tourismusbranche weiß ich, dass ich jeder Herausforderung gewachsen bin - auch denen, vor die mich meine Rasselbande noch stellen wird. Als Mama muss man manchmal auch abschalten - mit einem guten Buch, Ausflügen mit Freunden oder einem netten Nachmittag im Kreise der Familie.


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