1. August 2018

„Aber ich will“! – Auf der Suche nach dem eigenen „Ich“, Teil 2

ich will aber - meinefamilie.at

Die gefürchtete Trotzphase kann viele Überraschungen mit sich bringen und wird oft als Kampf zwischen Eltern und Kind gesehen. Doch vielmehr geht es um die eigene Persönlichkeitsfindung, die dem Kind möglichst stressfrei ermöglicht werden soll.

Im ersten Teil des Artikels habe ich mich mit den vielen, oft zermürbenden Auswüchsen der Trotz- und Selbstfindungsphase unseres Nachwuchses beschäftigt. Nun geht es mir darum,  in dieser schwierigen Zeit auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen, ohne dabei unnötige Grenzen zu setzen.

Viel Freiheit bieten

Grenzen sind wichtig und geben unseren Kindern das Gefühl von Sicherheit. Trotzdem sollten sie gut überlegt werden. Bevor Sie zu ihrem Kind nein sagen, denken Sie kurz nach: passiert es aus reiner Bequemlichkeit oder ist es eine wichtige Regel? Schadet es meinem Kind, wenn ich ja sage? Ist mir wichtig, dass mein Kind in dieser Situation ein Verbot kriegt? Ein gutes Beispiel dafür ist das Treppen steigen. Viele Kleinkinder fühlen sich magisch von Treppen angezogen. Doch die meisten Eltern sind nicht bereit immer wieder mit ihnen die Treppen rauf und runter zu gehen. Weil sie keine Lust oder keine Zeit haben. Erwachsene finden es anstrengend oder langweilig immer wieder Treppen zu steigen, also sagen sie nein. Kinder sind frustriert, weil ihnen etwas verboten wurde, was sie gerne tun möchten.  Die negativen Gefühle, wie Trauer und Wut können nicht verarbeitet werden und so folgt ein Geschrei, Weinen, Toben, Hauen, Beißen und viel mehr.

In dieser Situation wäre es besser mit dem Kind die Treppen zu steigen bevor es beginnt zu toben. Für das Kind wäre es bestärkend, da seine Wünsche akzeptiert werden und seine Beziehung zu Ihnen wäre dadurch ebenfalls gefestigt. Denn es würde fühlen, dass Sie es verstehen. Wenn es aber Situationen gibt, in denen man nicht nachgeben kann, sollte das Kind getröstet werden. Man sollte sagen „ich verstehe deinen Frust und deine Trauer“ und man sollte das Kind in Arm nehmen. Statt dessen werden Kinder für ihr Verhalten geschimpft oder gar bestraft. Und sie verstehen die Welt nicht mehr.

Grenzenlose Liebe

Es ist nicht einfach, ein tobendes Kind zu kuscheln, wenn man selber wütend ist, oder sogar beschämt, weil man verurteilenden Blicken ausgesetzt ist. In solcher Situation ist es aber wichtig, die Menschen um sich herum auszublenden und daran zu denken, dass das Kind nicht absichtlich böse ist, sondern gerade völlig überfordert ist mit den eigenen Gefühlen. Manche Kinder beruhigen sich schnell im Arm der Eltern, andere brauchen kurz, um runter zu kommen. Trotzdem sollten sie am Ende in der schützenden und tröstenden Umarmung enden.

Kinder sollen sich in klare Strukturen bewegen.

Manche Kinder beruhigen sich auch viel schneller, wenn man versucht ihre Gefühle zu benennen und sie sich verstanden fühlen. Dass wir unser Kind verstehen bedeutet aber nicht, dass wir nach jedem Wutanfall nachlassen sollten. Wird eine Grenze gesetzt, soll diese auch eingehalten werden. Egal wie frustrierend es für unsere Kinder ist. Ein dauerndes Verändern der Grenzen verursacht noch mehr Chaos und lehrt unseren Kindern, dass sie unser nein nicht ernst nehmen sollen und sie durch viel Schreien doch ans Ziel kommen. Es ist zwar manchmal sinnvoll eine Regel zu verändern, doch sollte es nicht zu oft passieren, damit sich Kinder in klaren Strukturen bewegen können.

„Wie du mir, so ich dir.“

Grenzen aufzuzeigen ist ein wichtiger Schritt in der Erziehung. Es ist für das Selbstbewusstsein unserer Kinder allerdings sehr wichtig, sich durchzusetzen zu dürfen. Zieht ein Kind auf die Straße, wo ein dichter Verkehr herrscht, ist es logisch, dass darauf ein Nein folgt. Will ein Kind aber Treppen steigen, einen Umweg gehen, oder ein wenig herum klettern, sollte ihm diese Möglichkeit geboten werden. Unsere Grenzen sollten breit genug sein, damit sich unsere Kinder frei entfalten können. Begegnen wir unseren Kindern mit Verständnis, kommen wir ihnen entgegen und sagen öfters ja zu ihren Entscheidungen, fördern wir nicht nur eine gesunde Entwicklung, sondern lehren unseren Kindern auch auf die Bedürfnisse anderer einzugehen. Werden unsere Kinder viel zu viel eingegrenzt, haben sie nicht genug Möglichkeiten, ihren eigenen Weg zu finden.

Wenn bei der Suche nach dem eigenen Weg ein Fehler passiert, um so besser. So lernen die Kinder, dass sie ihre Entscheidungen vielleicht noch besser bedenken müssen. Und dass Fehler machen menschlich ist. Wollen wir starke Persönlichkeiten erziehen, müssen wir oft auf unsere Bequemlichkeit verzichten und öfters ja zu den, für uns absurden oder unwichtigen Entscheidungen sagen. Und aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen: wenn ich öfters ja gesagt habe und sogar mitgemacht habe, verlor diese eine Tätigkeit ihren Reiz und mein Kind hat danach nicht mehr verlangt. Doch dank der Zustimmung erlebte ich schon häufig, dass mein Kind kooperativ war und das auch in Situationen, in denen ich das nie erwartet hätte. Aber wie man so schön sagt: erziehen heißt vorleben und Kinder lernen davon, was sie sehen und erleben.

 

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EIN ARTIKEL VON
  • Mirka Huber

    Ich bin Journalistin und seit 2016 Mama von einem Jungen. Seitdem ist mein Leben erfüllter denn je. Meine kleine Familie ist wie eine Ruheinsel, denn neben Beruf und Familie betreue ich noch eine Pfadfindergruppe. Meine Freizeit verbringe ich gerne mit Lesen, in der Natur, mit Freunden oder Sport.


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