19. Mai 2018

Freizeitstress ade!

Freizeitstress ade! - meinefamilie.at

Kinderturnen, Leichtathletik für Kinder, musikalische Früherziehung, Tanzen, Englisch, Schwimmen, Vorschulkurs… das Angebot ist riesig. Das führt oft zu einem: Freizeitstress! Wie es auch anders geht und warum Zeit ohne Termine und Kurse wichtig ist.

Manchmal überlegen wir ob das Kinderturnen oder vielleicht das Leichtathletiktraining etwas für unsere Kinder wäre? Sollten wir ihnen nicht die musikalische Früherziehung oder die Kindervolkstanzgruppe gönnen, sie singen und tanzen ja so gern? Und Englisch interessiert sie auch gerade! Ach ja, Schwimmen sollten sie auch schön langsam lernen. Ach, und so kurz vor der Schule vielleicht ein Vorschulkurs?

Warum wir unsere Kinder nicht “fördern”

Es gibt sogar bei uns im ländlichen Raum eine Fülle an Angeboten für Kinder im Kindergartenalter. Vieles davon klingt sehr ansprechend und würde auch den Interessen unserer Kinder entsprechen.

Dennoch, wir haben keinen einzigen dieser Kurse oder Gruppen gewählt. Wir waren nicht einmal Babyschwimmen oder im Eltern-Kind-Turnen. Wir sind die „fade“ Familie, die nur gemeinsam Zuhause, im Garten, spazieren oder einkaufen ist. Natürlich haben wir auch Besuch oder machen einen Ausflug, aber im Großen und Ganzen gibt es eines bei uns: Alltag.

Gerade weil wir als Kindergartenpädagogen arbeiten, sind viele erstaunt, dass wir unsere Kinder nicht mehr fördern. Überraschenderweise können sie dennoch vieles: vor allem miteinander spielen, stundenlang! Aber auch ihr Wortschatz ist erstaunlich, ihre Fantasie und Kreativität außergewöhnlich und ihre Merkfähigkeit ganz altersgemäß. Motorisch sind sie fit, sozial manchmal vorsichtig, aber sehr empathisch.

Den Kindern ihr Tempo lassen

Abgesehen von finanziellen Gründen war es uns ein riesiges Anliegen, unseren Kindern Zeit zu geben. Zeit, sich in ihrem Tempo zu entwickeln, Zeit sich ihren Interessen und Entwicklungsschritten zu widmen, Zeit zu spielen und in ihre Welt einzutauchen. Zeit möglichst ohne Termine und Stress!

Bei Gesprächen mit anderen Eltern oder KollegInnen hören wir dann öfters: „Na bei euch als Pädagogen haben sie die Förderung ja Zuhause!“.

Natürlich haben wir auch Besuch oder machen einen Ausflug, aber im Großen und Ganzen gibt es eines bei uns: Alltag.

Nein! Eben nicht. Wir sind überzeugt davon, dass alle Eltern und Familien von dieser Art der Freizeitgestaltung profitieren können. Wir als Eltern haben dabei vor allem die Aufgabe des “Da-Seins”, wenn unsere Kinder Unterstützung oder Nähe brauchen, aber wir sind keine Animateure, “Bespaßer” und meistens nicht einmal Spielpartner. Wir geben eine Rahmen vor, in dem sich die Kinder bewegen können. Wir legen fest was ist wo und wie möglich, Eckpunkte wie gemeinsames Essen oder ein Abendritual.

Interessen unterstützen

Natürlich achten wir auch auf ansprechendes Material, Bücher zu den momentanen Interessen und genügend Möglichkeiten zur Bewegung und Kreativität. Aber auch hier haben wir gelernt, dass weniger mehr ist! Eine Unmenge an Spielzeug ist für Kinder nicht nur unübersichtlich, sondern frustriert spätestens beim Einräumen am Abend Kinder und Eltern.

Beliebt sind bei uns derzeit, neben Büchern und Malsachen, Schleichtiere, Playmobil, Bioblo-Steine und Lego. Im Garten brauchen sie das alles gar nicht, da reichen ein paar Becher, Blumen, Stöcke, Sand und Wasser.

Wenn wir unsere Kinder beobachten, wie sie nachmittags vertieft im Haus oder Garten spielen, sind wir sehr dankbar, dass wir nicht weg müssen. Viele Ideen würden gar nicht entstehen, wenn wir zu einem Kurs müssten! Viele Gespräche zu wichtigen Themen hätten keine Möglichkeit zu entstehen – und gerade da geben wir unseren Kindern auch viel von unserer Weltsicht, unseren Werten und Haltungen mit.

Oft kommen kleine und große Probleme, Sorgen und Fragen erst in dieser Zeit zur Sprache, wenn wir nebenbei die Küche aufräumen oder Salatpflanzen einsetzen.

Druck: Kindergarten ist Arbeit!

Schon Kinder im Kindergartenalter stehen unter Druck. Kindergarten ist Arbeit! Sie brauchen Zeit, Dampf abzulassen oder sich wieder zu „erden“. Im Kindergarten oder in der Schule reißen sie sich oft zusammen und erst nach einiger Zeit Zuhause lässt der Druck nach. Wie wichtig ist es, ihnen die Möglichkeit zum Entspannen und Erholen zu geben – auch für die Psychohygiene, für das Wahrnehmen ihrer Bedürfnisse. Das ist gleichzeitig die beste Suchtprävention!

Immer öfter ist Kindern „langweilig“. Das ist aber kein Zeichen des mangelnden Angebotes, sondern eine ganz normale Phase in der kindlichen Entwicklung. Hier braucht das Kind nicht mehr Angebot, mehr Material, mehr Action. Ganz im Gegenteil! In dieser Phase wird grundgelegt, wie Kinder mit Gefühlen, Bedürfnissen, Veränderungen und Herausforderungen umgehen. In ihrer „Langeweile“ müssen sie sich etwas überlegen, sie müssen kreativ werden und ihre Fantasie und Vorstellungskraft nutzen. Sie erfahren sich als handelnde, aktive Persönlichkeit und nicht als Opfer der Umstände.

Schon Kinder im Kindergartenalter stehen unter Druck. Kindergarten ist Arbeit! Sie brauchen Zeit, Dampf abzulassen oder sich wieder zu „erden“.

Als Eltern müssen wir ihnen dafür Zeit geben und nicht sofort eine Fülle an Möglichkeiten anbieten. Auch das Beklagen über die Langweile gilt es gemeinsam auszuhalten. Dafür kann man gut beobachten, wie kreativ und resilient Kinder aus dieser Phase hervorgehen!

Natürlich ist die gemeinsame Zeit mit den Kindern für Eltern auch anstrengend, auch wenn wir sie genießen.
Zugegeben, manchmal wäre es angenehm, die Kinder am Nachmittag auch einmal für eine oder zwei Stunden „abzugeben“. Trotzdem nehmen wir uns lieber die Zeit und backen gemeinsam oder lassen die Kinder mithelfen, zB beim Socken Sortieren, Hühner Versorgen oder Geschirrspüler Ausräumen. Das dauert gemeinsam länger, aber ganz nebenbei erwerben Kinder Fähigkeiten fürs Leben wie feinmotorisches Geschick, Farben und Formen, Verantwortungsbewusstsein, richtiger Umgang mit Materialien, hauswirtschaftliche Tätigkeiten, Wortschatz und Sprachkompetenz. Doch das Wichtigste für uns ist, dass es vor allem Beziehungszeit ist.

Vielleicht kennen unsere Kinder nicht so viele Lieder oder Turngeräte. Möglich, dass sie nicht der Mittelpunkt jeder Kindergruppe sind. Und es ist uns durchaus bewusst, dass sie erst später schwimmen lernen und nicht schon mit sechs Jahren ihre ersten Auftritte mit der Musikschule oder der Tanzgruppe haben.

Das ist für uns jedoch kein großer Nachteil und wir sind oft froh darüber – das ist nämlich für uns gewonnene Familienzeit.

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EIN ARTIKEL VON
  • Elisabeth & Johannes Hackl

    Elisabeth und Johannes Hackl leben mit ihren Kindern, Hunden und Hühnern in Niederösterreich. Sie sind begeisterte Familienmenschen, Kindergartenpädagogen, Referenten für Natürliche Empfängnisregelung, Teilzeit-Selbstversorger, im Glauben verwurzelt und noch immer sehr verliebt ineinander!



1 Kommentare
  • Marlies Zacherl, 20. Mai 2018, 18:02 Antworten

    Super Artikel! Schade, dass nicht mehr Eltern so denken!

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