17. März 2019

ADHS? SPIELEN HILFT!

adhs spielen - meinefamilie.at

Kindern mit dieser Diagnose fällt es schwer, konzentriert zu bleiben, Aufgaben vollständig durchzuführen, Impulse zu kontrollieren und Regeln einzuhalten. Brauchen ADHS-Kinder deshalb mehr Förderunterricht als andere? Nicht unbedingt, sagen Experten. Ein ganz wesentlicher Beitrag zur kindlichen Entwicklung ist nämlich das Spiel.

Die fünfjährige Tina droht mit ihrem Zauberstab: „Tobias, ich verhexe dich“. Oft ist Tina stundenlang mit Tobias ins Spiel vertieft. Leider fehlt ihr diese Ausdauer bei Vorschulaufgaben. Bemüht sie sich nicht genug? Nein, Tina hat ADHS.

Kindern mit dieser Diagnose fällt es schwer, konzentriert zu bleiben, Aufgaben vollständig durchzuführen, Impulse zu kontrollieren und Regeln einzuhalten. Mit Frustrationen und überbordenden Gefühlen kommen sie schlecht zurecht. Schulprobleme sind quasi vorprogrammiert.

Hoffnungslos? Keinesfalls: das Gehirn ist lernfähig, Defizite können durch gezieltes Training kompensiert werden. Brauchen ADHS-Kinder deshalb mehr Förderunterricht als andere? Nicht unbedingt, sagen Experten. Ein ganz wesentlicher Beitrag zur kindlichen Entwicklung ist nämlich das Spiel, wie eine amerikanische Studie 2018 belegt hat[1].

Mehr Spielen statt Pauken?

„Das Spiel ist ein entscheidender Erfahrungsraum für Kinder, in dem sie selbst tun und erleben. Sie entwickeln dabei ihre körperlichen, seelischen und geistigen Fähigkeiten. Sie schulen ihre Motorik und Sinneswahrnehmung, entwickeln Selbstvertrauen und Sozialverhalten, lernen aber auch mit Misserfolgen umzugehen, Fehler zu machen und eigene Wege auszuprobieren. Kurzum sie lernen im eigenen Tun Erfahrungen machen – also aktiv und nicht über den Kopf“[2]

Die hier aufgelisteten Fertigkeiten entsprechen genau jenen, die laut Diagnose bei ADHS-Kindern unzureichend entwickelt sind. Neben therapeutischen Maßnahmen trägt daher auch das Spielen wesentlich zum Ausgleichen dieser Defizite bei.

Zeit und Platz zum Spielen

Kinder haben heutzutage weniger Zeit und Raum zum Spielen und seltener Kontakt zur Natur. „Mehr als die Hälfte der Stadtkinder Deutschlands spielt fast ausschließlich in geschlossenen Räumen – in der Wohnung oder im Kindergarten.“[3] Im Zeitraum 1981-1997 schrumpfte die tägliche Spielzeit von Kindern um 25%[4], ein Verlust von 12 Spielstunden pro Woche. Offenbar korreliert der Mangel an Freiraum und Spielzeit mit der Zunahme von ADHS-Diagnosen. Diese sind in Ballungsräumen signifikant häufiger als in ländlichen Gegenden.

„Huckleberry Finn […] hatte Freiräume, in denen er nach Herzenslust zusammen mit seinen Freunden spielen und sich ausprobieren konnte – frei von Zwängen und Leistungsnormen. Ein Schatz, den es heute für unsere Kinder wieder neu zu entdecken gilt“ sagt Dr. Eckhart Schiffer.[5]

Welche Spiele sind bei ADHS förderlich?

Beim heutigen Spielzeugangebot fällt die Auswahl schwer. Was brauchen ADHS– Kinder? Spielsachen sollen in erster Linie ihre Kreativität anregen. Was lässt sich nicht alles mit ungefährlichem Küchengerät und Alltagsgegenständen anfangen! Nicht zu vergessen: Papier, Schere und Kleber: „Basteln, dekorieren und Mal-Spiele sind ideal für ADHS-Kinder.“[6]

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Experten plädieren für das freie Spiel: sich verkleiden, Rollen übernehmen und gemeinsam Geschichten erfinden. Dafür reicht eine Kiste mit alten Kleidern und Accessoires. Wie spannend ist es für Kinder, auf Dachböden und in Gerümpel zu stöbern, um ihre Fantasiewelten zu gestalten!

Kinder sollen auch die Möglichkeit haben, in der Natur zu spielen, wo sie ihrem Forschungsdrang nachgehen und sich ungehindert bewegen können. Eine Studie hat nachgewiesen, dass bei Schülern mit ADHS Konzentration und Lernfähigkeit nach einer halben Stunde Spiel im Freien signifikant verbessert waren.

Welche Spiele sind bei ADHS nicht angeraten?

Brettspiele, die Zeit und Aufmerksamkeit erfordern, die Konkurrenz statt Kooperation fördern, demotivieren ADHS-Kinder. Sie zählen zu den „schlechten Verlierern“, Frustrationen werfen sie aus der Bahn. Eher ungeeignet für sie: Schach, Mensch-ärgere-dich-nicht…

Auch wenn Medienkompetenz heutzutage gefragt ist: Computer- und Handyspiele bewirken bei ADHS-Kindern eine Reizüberflutung, die ihr Arbeitsgedächtnis lahmlegt und ihre Lern- und Aufnahmefähigkeit blockiert. Experten empfehlen: Elektronische Spiele nur eingeschränkt verwenden!

Mehr spielen…

Spielen ist für Kinder ohne und mit ADHS ein wichtiger Lernprozess, es erschließt Ressourcen fürs spätere Leben. Astrid Lindgren schreibt: „Wenn man genügend spielt, solange man klein ist, dann trägt man Schätze mit sich herum, aus denen man später sein ganzes Leben lang schöpfen kann. Dann weiß man, was es heißt, in sich eine warme, geheime Welt zu haben, die Kraft gibt, wenn das Leben schwer wird.“

 

Weitere Informationen zu Vorträgen und ADHS-Elternseminaren:

[1] https://pediatrics.aappublications.org/content/142/3/e20182058

[2] https://www.spielundzukunft.de „Mit Fantasie erobern die Kinder die Welt“

[3] Andreas Weber, Autor von „Mehr Matsch!Kinder brauchen Natur“, in einem Interview

[4] https://pediatrics.aappublications.org/content/142/3/e20182058

[5] Eckard Schiffer, Arzt, Psychotherapeut und Buchautor: „Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde“

[6] http://www.kijub-berlin.de/spiele-fur-adhs-kinder/


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