4. Oktober 2021

Jugendsprache: Wie darauf reagieren?


Lange hatten sich Eltern und Kind gut verstanden. Plötzlich redet es ganz anders, wirkt seltsam gekünstelt, irgendwie unauthentisch und: Was heißt noch mal dieses Wort „cringe“? Was tun, wie reagieren?

Das Kind, das sich jetzt langsam, aber sicher zum „Teenie“ verwandelt, war eigentlich gut erzogen worden. Zumindest dachten wir das bisher. Bitte und danke gehören zum Standardrepertoire, dass Sprache ein Abbild der eigenen Person ist und Sprache auch Realität schafft, haben wir unserer Tochter ohnehin eingebläut. Soll heißen:

Es ist nicht egal, wie du sprichst. Sei achtsam, wiege deine Worte gut ab denk daran, dass Worte auch verletzen können und Menschen stigmatisieren.

War das alles umsonst? Dass Klassengemeinschaften und Freundinnen den Sprachgebrauch mitprägen, war uns bewusst. Auch, dass damit unser Einfluss schwinden würde. Doch von Zeit zu Zeit wirkt es so, als ob unser Einfluss bzw. unsere Prägung ganz und gar verschwunden ist, mit neuen Wörtern gewissermaßen überlagt und überschrieben ist.

„Cringe“, „sus“, „Alter“

„Cringe“, „sus“, „Alter“, „ich schwöre“ und ähnliches sind in ihren alltäglichen Sprachgebrauch eingezogen. Hinweise, dass „behindert“ womöglich noch eine andere, verletzende Bedeutung hat und nicht nur eine abwertende Bezeichnung für Mitschüler und Menschen ist, die sich etwas seltsam verhalten und die man generell nicht mag, verhallen relativ ungehört.

Und damit beginnt ein Problem: Wir können relativ gut damit umgehen, dass unsere Tochter temporär mit anderen Wörtern hantiert und agiert. In gewisser Weise sind wir überzeugt, oder zumindest hoffen wir, dass die Wörter das Wesen, das eigentlich liebevoll und achtsam ist, irgendwann wieder freigeben werden. Denn Erziehung, so weiß man, bleibt nie völlig unfruchtbar.

Oftmals keimt der Same, den man mit der Erziehung gesetzt hat, bekanntlich erst später.

Sprache als Abgrenzung vom Elternhaus

In der beginnenden Pubertät, und ganz sicher auch im Laufe ebendieser, dient die Sprache definitiv zur Abgrenzung vom Elternhaus. Je mehr sich Eltern darüber aufregen, desto mehr ist sich die pubertierende Tochter bewusst, dass die Abgrenzung funktioniert hat. Wörter werden dann am Esstisch von Zeit zu Zeit bewusst provokant gesetzt, damit das gelingt.

Doch zurück zum Problem: Dennoch gibt es so etwas wie moralische Vorstellung. Auf ebendiese treffen dann auch Wörter wie das oben beschrieben. Wörter, bei denen man ganz einfach die Aufgabe und Verpflichtung verspürt, dagegen zu reden. Während man „Cringe“ & Co. ganz einfach ein wenig befremdlich findet und einem die eigene Tochter bei diesem Gebrauch ein wenig fremd erscheint, so ist es bei solchen moralischen Grenzüberschreitungen anders.

Selbst wenn man die Situation analysiert und reflektiert und weiß, dass einige Formulierung in der Funktion einer bewussten Provokation stehen, die auch das elterliche Wertebild zum Teil in Frage stellen will, kommt man nicht darum umhin dagegenzuhalten und das „Kind“ auf den unangemessenen Sprachgebrauch hinzuweisen. Man kann nicht mit einiger Ironie darüber hinweglächeln und hoffen, dass sich das alles wieder legt.

Und selbst wenn dem so sein sollte: In solchen Fällen gilt es, wie bereits beschrieben, die moralischen Vorstellungen in Stellung zu bringen, darauf zu beharren, auch auf die Gefahr hin sich dann aus einem möglichen Dialog auszusteigen. Aber es gibt Grenzen.

Aus einem einfachen Grund: Wenn dann das Alter des übertrieben „coolen“ Sprachegebrauchs vorbei ist, wird sich der eigene Sprössling wieder auf die Suche nach einem neuen, auch sprachlich geprägten Wertesystem machen. Dann wird ihm auch wieder einfallen, dass sich Eltern durchaus für neue und zum Teil kreative Wörter aus dem Fundus der Jugendsprache interessiert haben, aber auch klare Grenzen gezogen haben, wenn Grenzen überschritten wurden. Das sind dann womöglich Orientierungspunkte, auf die die Tochter zurückgreifen kann.



EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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