14. Mai 2020

Interview – Gewaltfreie Kommunikation Part 1

Interview – Gewaltfreie Kommunikation Part

Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. Im Gespräch mit Mag.a Hanna Grubhofer und Ing. Claus Hollweck.

Wie entstand die Gewaltfreie Kommunikation?

Ihren Ursprung hat die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) in den 60er Jahren, einer Zeit des Aufbruchs und großer Veränderungen. In den USA protestierten StudentInnen gegen den Vietnamkrieg, AfroamerikanerInnen für die Erlangung der Bürgerrechte und Frauen für die Gleichberechtigung. Selbst durch Gewalt geprägt, entwickelte Marshall B. Rosenberg ein Kommunikationskonzept, das den Umgang der Menschen miteinander vertrauens- und friedvoller gestalten soll.

Warum spricht man bei der gewaltfreien Kommunikation auch von Giraffen Schritten?

Claus: Das Wort „Giraffen Schritte“ steht symbolisch für die vier Schritte in der Methode der Gewaltfreien Kommunikation. Darüber hinaus ist die Giraffe ein gutes Symbol, da sie durch ihren langen Hals einen guten Überblick über die Situation hat.

Hanna: Die Giraffe ist das Landsäugetier mit dem größten Herzen, da es das Blut den langen Hals hinauf bis in den Kopf pumpen muss. Diese Tatsache, dass sie das größte Herz hat, hat sie zum Symbol für das Wesen gemacht, dass am mitfühlendsten, am meisten empathisch sein kann.

Claus: Dagegen ist der Wolf das Symbol für eine Gewaltvolle Kommunikation. Diese Symbole sollen jedoch nur einen leichteren Zugang bieten, aber keine neue Bewertung auslösen.

GFK

Bringt mir die Methode auch etwas, wenn zwei unterschiedlichste Bedürfnisse aufeinanderprallen?

Claus: Wichtig zu wissen ist, dass alle Menschen die gleichen Bedürfnisse haben. Alle Menschen haben zum Beispiel das Bedürfnis nach Ruhe, nach Freiheit, nach Spiel, nach Lebendigkeit und nach Gemeinschaft. Unterschiedlich ist nur der Zeitpunkt, an dem die Bedürfnisse entstehen. Hier hilft es uns flexibel zu bleiben. Und im Gespräch zu bleiben, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten. Wie können wir beide unsere Bedürfnisse erfüllen? Und wie wichtig ist es, muss es sofort erfüllt werden oder reicht es auch in einer halben Stunde? Nehmen wir an ich habe das Bedürfnis nach Ruhe und mein Partner nach Gemeinschaft/Lebendigkeit. Vielleicht kann ich in einen anderen Raum oder in den Wald gehen. Vielleicht kann mein Partner laute Musik über Kopfhörer hören oder eine Freundin anrufen.

Hanna: Für mich ist die gewaltfreie Kommunikation die Chance, mit Personen, die gerade völlig von ihren Emotionen überwältigt sind in Kontakt zu kommen. Sodass sie aus dieser Emotion aussteigen und erkennen können, was ihr eigentliches Bedürfnis hinter der starken Emotion ist. Anschließend kann gemeinsam eine Lösung gefunden werden. Wenn keine Lösung möglich ist, ist es wichtig der Traurigkeit /dem Schmerz Raum zu geben, sodass er gesehen wird und dadurch vergehen kann.

Reicht es wenn ich als Einzige die Gewaltfreie Kommunikation kenne und anwende?

Hanna: Ja! Die meisten Menschen in meinem Umfeld wenden die GFK nicht an, haben diese jedoch durch meine Art der Kommunikation mit ihnen erfahren. Genauso wie meine Kinder damit aufwachsen, indem ich verbal ausspreche was sie gerade körperlich spüren. Ich empfand es jedoch sehr positiv mit dem in der Kindheit vorhandenem Bedürfnis mich ehrlich auszudrücken, wieder in Verbindung zu kommen.

Claus: Die Gewaltfreie Kommunikation ist eine Methode der Persönlichkeitsentwicklung. Sie hilft mir selbst Klarheit zu gewinnen, was ich brauche und um was ich bitten könnte. Welches Bedürfnis gerade hinter meinem Gefühl steht. Ich muss nicht künstlich freundlich sein, sondern darf authentisch in meinen Gefühlen sein oder gar laut sagen: „Nein, das ist meine Grenze!“ Die vier Schritte und die Ich-Form verleiten Anfänger oft irrtümlich dazu zu glauben, sie dürfen nicht emotional sein. Doch es ist O.K. Konflikte zu haben, das gehört zum Leben dazu. Wichtig zu wissen ist, dass ich die andere Person nicht ändern kann. Aber ich kann Bitten stellen, zu denen die andere Person Ja oder auch Nein sagen kann. Sagt die Person Ja können wir feiern, sagt sie Nein geht der Prozess weiter.

„Frieden ist nicht die Abwesenheit von Konflikten, sondern die Art und Weise wie mit den Konflikten umgegangen wird.“

Apropos Kinder, können sie diese Methode auch erlernen?

Hanna: Ja, Kinder sind noch sehr gut mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen verbunden. An sich braucht es nur die Unterstützung dafür Worte zu finden. Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es ihnen diese Fähigkeit nicht „abzutrainieren“ durch Sätze wie „Das tut doch gar nicht weh!“.

Ein Beispiel aus der Praxis, wenn meine beiden jüngsten Kinder streiten. „Wütend rennt Tim durch das Wohnzimmer, knapp gefolgt vom ebenfalls wütenden Moritz. Tim verschließt seine Türe, Moritz steht davor und tritt wutentbrannt schimpfend auf die Türe ein. Tim öffnet kurz die Türe und grinst Moritz an, der noch mehr in Rage gerät. Als ich versuchte Moritz in den Arm zu nehmen um mit ihm in Ruhe zu reden, erzählte er mir weinend, dass Tim seinen unter großer Mühe gefalteten Papierflieger in der Regentonne versenkt hat, der nun kaputt ist. Hinter all der Wut versteckte sich ein ganz großer Schmerz.

Das kann ich ihm sagen, indem ich ihn spiegle: „Oh, du bist ja wirklich unglücklich Moritz. Da hast du dich den ganzen Vormittag so bemüht, den Papierflieger zu falten und es war so anstrengend, dass er echt gut fliegt, und jetzt ist er kaputt.“

Moritz saß auf meinem Schoß und konnte sich so richtig ausweinen. Dann kam Tim vorsichtig aus seinem Zimmer und schaute uns an. Ich sagte ihm, dass Moritz so unglücklich ist, weil sein Flieger kaputt ist. Tim meinte: „Das tut mir leid, ich wollte das nicht.“ Moritz kuschelte sich einfach nur an mich. Nach kurzem schaute er mich an und fragte mich ob ich mit ihm einen neuen Flieger falte.

Claus: Kinder können diese Methode am ehesten durch das Vorbild von Lehrern oder Eltern lernen. Natürlich leite ich auch Kurse für Kinder in Schulen, hier ist der Zugang spielerischer, es geht darum ins Gespräch zu kommen durch Fragen wie: „Wie ist es dir gegangen? Wie hast du dich gefühlt? Was hättest du gebraucht?“

Doch entsteht hier oft die Gefahr, dass die Erwachsenen die Verantwortung an die Kinder/den Kurs abgeben und glauben sie sind fein raus. Dabei ist das Gegenteil der Fall, es ist wichtig, dass die Erwachsenen miteinbezogen werden und längerfristig versuchen diese Methode umzusetzen, sonst bleibt es nur ein Projekt, das wieder im Sand verläuft.

In Part 2 soll es dann darum gehen, inwiefern uns diese Methode in der Krise helfen kann.



EIN ARTIKEL VON
  • Regina Magdalena Smrcka

    Vor meiner Karenz meines Sohnes war ich in der direkten Pflege, aber auch im Leitungsteam, für die Betreuung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen verantwortlich. Als Ausgleich dazu unterrichtete ich Kinderturnen. Derzeit vertrete ich als Texterin & Grafikerin EPUs bei ihrem Firmenauftritt. Jetzt unterstütze ich meinen Lebensgefährten im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Gemeinsam haben wir einen Sohn.


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