16. Juni 2021

Gnädig mit sich selbst sein: Unser Leben mit autistischen Kindern


Es ist eine große Herausforderung, aber auch ein Abenteuer, den Weg mit diesen Kindern zu gehen und die Welt aus einer ganz anderen Sicht zu sehen. Das Wichtigste, das ich als Mutter von zwei Kindern mit Autismus gelernt habe: Vergiss alles, was du über Erziehung zu glauben weißt und habe den Mut, den Tagesplan so zu gestalten, dass ihr gut damit zurechtkommt.

Unsere Therapeutin hat einen Satz gesagt, den ich tief in mir verinnerlicht habe. „Autismus ist einfach nur ein anderes Betriebssystem. Wenn du einen Autisten kennst, dann kennst du nur den einen.“ Es gibt für diese Spektrumsstörung keine Verallgemeinerungen. 

Höre auf dein Bauchgefühl!

Es muss dir einfach egal sein, was andere Mütter von dir denken. Ein Beispiel von meiner Tochter, die, wenn wir unterwegs sind, nur „Capri Sonne“ trinkt. Ich kann euch versichern, ich werde auf jedem Spielplatz mit dem „Oh Gott, warum gibt sie ihrem Kind kein Wasser zu trinken-Blick“ angeschaut. Hier habe ich die Wahl, entweder ich nehme Wasser mit und sie wird es nicht trinken, oder sie trinkt Capri Sonne und ist glücklich. 

Mein Mann betreut unsere Töchter sehr viel, da ich arbeiten gehe. Gerade eben hat er zu mir gesagt, dass es für ihn immer wieder schwierig ist, wenn Eltern ihn am Spielplatz fragen, warum unsere Kinder sich so verhalten, wie sie es eben tun. Ganz ehrlich – schon bei unserem gesunden 2,5-jährigen Mädchen hätte ich darauf keine Antwort.

Viele Sachen sind bei Kindern mit Autismus eine große Herausforderungen, wie z. B. das Schlafen (einschlafen, durchschlafen oder wenig schlafen). Auch das Essen ist immer wieder eine Herausforderung für sich. Manche Kinder mit Autismus essen nur die Panade von etwas Frittiertem, andere trinken nur ihr Fläschchen und wieder andere essen einfach nur Eis. Sagen wir mal so, es gibt nichts, was es nicht gibt. Manche wollen ihr Essen sortiert auf dem Teller oder als Blümchen-Form, andere essen nur alles püriert. Man sollte natürlich nie aufhören, auch einmal etwas Neues zu versuchen. Mein Mann und ich füttern seit Neuestem unsere jüngste Tochter mit einer Zahnbürste, weil sie Angst vor dem Löffel hat, um nur ein Beispiel zu nennen. Und wenn dein Kind nur Eis isst, ist es ok, für jetzt muss es ok sein, weil du wirst es in den nächsten sieben Stunden wahrscheinlich nicht ändern können. 

Sich selber auch mal an der eigenen Nase nehmen. 

Und ich weiß, dass andere Eltern die kritischsten Zuschauer sind. Da bin ich selber kein Unschuldslamm, aber es wird schon besser. Ein Beispiel, ich und mein Mann waren neulich im Zoo und sahen ein kleines Mädchen in kurzer Hose und dicker Jacke.

An diesem Tag hat es geregnet und es war doch recht kühl und mein erster Gedanke war: „Oh mein Gott, wie haben die Eltern dieses Mädchen angezogen?“. Und im selben Moment habe ich mich bei der Nase genommen und mich erinnert, wie oft unsere Tochter ohne Schuhe unterwegs ist. Aber da ist es wieder, wir sind so schnell dabei, andere zu verurteilen. Vielleicht war dieses Mädchen auch Autistin und will keine langen Hosen anziehen, oder die Mutter hatte eine schlaflose Nacht und wollte einfach einmal keinen Streit mit einer 3-Jährigen haben. 

Wir wissen es nicht und letzten Endes ist es auch egal, weil wir mehr mit Liebe, Verständnis und Güte aufeinander zugehen müssen. Und uns immer wieder vor Augen halten sollten, dass niemand von uns perfekt ist und dass wir als Mütter wahrscheinlich alle versuchen, unser Bestes zu geben.


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