25. April 2019

Gott kann viel mehr als Spiderman

kinder fragen nach gott - meinefamilie.at

Wenn Kinder nach Gott fragen, wird das von uns Erwachsenen meist als große Herausforderung erlebt. Warum das so ist, wieso wir uns dieser Herausforderung in jedem Fall stellen sollten und was wir von Kindern im Hinblick auf den Glauben lernen können, darüber sprach der SONNTAG mit der Theologin und Sonder- und Kindergartenpädagogin Sr. Rafaela Kolodziejak OSB.

Es war eine kleine, unscheinbare Frage – so einfach und doch so kompliziert, die Sr. Rafaela besonders gefordert hat: War das Christkind ein Baby oder ein Engel? „Ich habe lange Zeit gebraucht, um auf diese Frage zu antworten“, erzählt die erfahrene Kindergartenpädagogin. „Natürlich glaube ich, dass es ein echtes Baby war, ja, ein Mensch! Und genau das wollte ich dem Kind auch vermitteln, das mich gefragt hatte. Aber wie erklärt man Menschwerdung, Inkarnation Christi, einem 5-jährigen? Ich verstehe es selbst nicht ganz. Ich meine, ich glaube daran, aber es übersteigt den Verstand.“

Die Welt erleben, nicht „erdenken“

Wenn Kinder nach Gott, nach Religion und Glauben fragen, ist das für uns Erwachsene meistens eine Herausforderung, ist Sr. Rafaela überzeugt und sie macht dafür zunächst einmal zwei „Stolpersteine“, wie sie es nennt, verantwortlich. Stolperstein 1: Das Aufeinanderprallen der „Welt der Begriffe“, in der sich die Erwachsenen bewegen und der „Welt der Erlebnisse“, in der sich Kinder zu Hause fühlen. „Als Erwachsene bewegen wir uns meistens auf der Ebene der Begriffe des Wissens, des Kompetent-Seins“, sagt Sr. Rafaela. Wir sind die Fachleute, wir finden und geben Antworten, erklären den Jüngeren die Welt. „Kleine Kinder aber ,denken‘ die Welt nicht“, so Sr. Rafaela: „Kinder erfahren die Welt durch fühlen, erleben und berühren. Die Grundlage ihrer Logik ist – noch – nicht das Wissen.“ Wenn Erwachsene dann aus ihrer Welt der Begriffe heraus argumentieren und erklären, fehlen ihnen schlicht und ergreifend die entsprechenden Worte und kindgerechten Formulierungen. Und das merken sie meistens auch.

Kindliche Glaubenskraft

Stolperstein 2: „Der Inhalt der Kinderfragen zeugt oft von einer Kreativität und Glaubenskraft, die wir Erwachsenen längst verlernt haben.“ Kinder etwa fragen nicht danach, ob es Gott gibt, sondern fragen ganz konkret, ob er das oder jenes tut. In der Kinderwelt ist es damit auch keine Sensation, dass Daniel in einer Grube mit den Löwen liegt und sie streichelt, dass der Engel Gabriel zu Maria kommt oder dass Jesus einen unheilbar Kranken heilt. „Denn Jesus ist Gott und Gott kann viel, viel mehr als Spiderman“, so jedenfalls hat es ein Kind einmal Sr. Rafaela gegenüber ausgedrückt. Und sie dachte sich:

„Einfacher kann man es wohl nicht erklären. Kinder sind in der Einfachheit ihres Glaubens oft viel gläubiger als Erwachsene.“

„Die größte Herausforderung, die religiöse Kinderfragen mit sich bringen, ist damit wohl die Auseinandersetzung mit der eigenen Glaubenserfahrung und Glaubenspraxis“, sagt Sr. Rafaela. Wenn Kinder nach Gott fragen, dann müssen auch wir uns Fragen stellen wie: Was bedeutet der christliche Glaube für mich? Welchen Stellenwert hat er in meinem Leben? Die Fragen der Kinder, besonders jene, die wir im ersten Augenblick nicht beantworten können, laden uns zu einer tieferen Auseinandersetzung mit ihrem Inhalt ein. Ob wir diese Einladung annehmen oder nicht, ob wir dieses Abenteuer wagen oder nicht, hänge dann natürlich immer von uns selbst ab. „Vielleicht lohnt es sich, auch die Antworten gemeinsam mit den Kindern zu suchen“, sagt Sr. Rafaela.

kinderfragen gott - meinefamilie.at
(c) iStock

Die „Helden“ der Bibel

Ausweichen kann man den Fragen nach Gott, nach dem Sinn des Lebens in jedem Fall wohl nur schwer. Kinder interessieren sich sehr für Gott, für Religion und Glauben. Sie lieben die Rituale. Aber vor allem haben es ihnen die „Helden“ und die geheimnisvollen Geschichten, wie sie die Bibel zuhauf bietet, angetan. „Oft begegnen sie hier Gestalten, die am Anfang als schüchtern, unauffällig, arm oder sogar verfolgt dargestellt werden. Schließlich aber tragen gerade die die Krone des Sieges davon. Warum? Weil das Gute über das Böse siegt. Das erhoffen die Kinder und dafür haben sie ein intuitives Gespür.“ Sowohl das Alte Testament als auch das Neue Testament sei voll von Geschichten oder Gleichnissen, die zu diesem Muster passen: Daniel in der Löwengrube, Noah und seine Arche, der barmherzige Samariter. „Schließlich auch Jesus, der natürlich einen besonderen Platz unter den Helden hat.“

Kinder in ihrem Kind-Sein ernst nehmen

Und was scheint Sr. Rafaela bei der Beantwortung religiöser Fragen von Kindern am wichtigsten? „Die Kinder in ihrem Kind-Sein ernst zu nehmen“, sagt sie. Was das bedeutet? „Mit ihnen auf gleicher Augenhöhe zu sprechen, versuchen die Sprache der Kinder zu sprechen, ihrer Denkweise zu folgen, aufmerksam und hellhörig zu sein.“ Oder durchwegs auch einmal zuzugeben, dass man sich genauso suchend fühlt wie sie. „Und immer wenn ich unsicher bin, was und wie ich antworten soll, versuche ich total ehrlich zu sein: Ein ,Ich weiß es nicht‘, ein ,Damit habe ich selbst ein Problem‘, oder ein ‚Oh, wir suchen eine Antwort auf dieselbe Frage‘ erscheint mir doch viel kindgerechter, als auszuweichen oder gar nichts zu sagen.“

Bei der Frage „War das Christkind ein Baby oder ein Engel“ entschied sich Sr. Rafaela übrigens zu einer „ehrlichen Spekulation“, wie sie sagt. „Das Christkind war ein echtes Baby. Ein Beweis dafür findet sich in der Bibel. Maria, die Mutter Jesu ,wickelte ihn in Windeln und legte ihn in die Krippe‘. Wenn das Christkind Windeln brauchte, dann ist klar, dass es ein Mensch war. Nur Menschenkinder haben Windeln – Engel brauchen sie nicht.“ Das Kind schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein.

Ein Buch voller Fragen

omg - kinder fragen nach gott - meinefamilie.at
(c) Be&Be-Verlag

Im vergangenen Jahr hat sich Sr. Rafaela in ganz besonderer Art und Weise Kinderfragen nach Gott gestellt – sie hat ein Buch geschrieben. „OMG. Kinder fragen nach Gott.“ (Be&Be Verlag 2018)

heißt es und beantwortet auf insgesamt 70 Seiten 32 Fragen über Gott und die Welt – darunter etwa „Könnte Jesus für Ikea arbeiten?“ „War Maria so schön wie die Eiskönigin Elsa?“ oder „Gibt es Einhörner im Himmel?“ Ob sie schon an eine Fortsetzung des Buches denkt – Kinderfragen gebe es schließlich genügend? Sr. Rafaela lacht: „Vielleicht sollte ich es beim nächsten Mal umgekehrt machen? ,OMG – Sr. Rafaela fragt nach Gott“ – und die Kinder antworten.“


Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at