28. Juni 2021

Gewalt in der Partnerschaft – wo sie anfängt

Gewalt in der Partnerschaft - meinefamilie.at

Was führt dazu, dass Männer gewalttätig werden? Warum können so viele betroffene Frauen nicht entkommen? Die Psychotherapeutin Irina Kolendowicz-Pokorny gibt Antworten.

Die gehäuften Meldungen über Morde an Frauen durch ihre (Ex-)Partner schockieren. Sie sind der Extremfall von Gewalt in einer (beendeten) Partnerschaft und kommen – so tragisch jeder Einzelfall ist – nicht häufig vor. Beziehungen, in denen Frauen regelmäßig, hin und wieder oder auch selten der Gewalt ihrer Partner ausgesetzt sind, gibt es allerdings viele. Ihre Dunkelziffer ist hoch, denn die meisten Frauen schämen sich, darüber zu reden. Gewalt bleibt ein Tabu.

Die Psychotherapeutin, Lebens- und Sozialberaterin Irina Kolendowicz-Pokorny berät betroffene Frauen und erklärt, wo Gewalt in einer Partnerschaft beginnt und warum es so schwer sein kann, etwas dagegen zu unternehmen.

Frau Kolendowicz-Pokorny, wo fängt Gewalt in einer Paarbeziehung an?

Gewalt beginnt dort, wo es einen Machtunterschied zwischen zwei Partnern gibt und einer diese Macht missbraucht. Das kann sein, indem finanzieller Druck ausgeübt wird. Das können verbale Drohungen sein. Gewalt meint also nicht nur körperliche Handlungen, sondern fängt schon viel früher an. Und dann gibt es Dinge wie Schubsen, Stoßen, ein An-die-Wand-Drängen: Auch das ist Gewalt, auch wenn manche Menschen es gar nicht so empfinden, weil sie ganz anderes gewohnt sind.

Viele Frauen nehmen es hin, in einer Partnerschaft zu leben, in der es regelmäßig oder hin und wieder zu Gewalt kommt. Warum fällt es ihnen so schwer, etwas dagegen zu tun?

Das kann unterschiedliche Gründe haben: Die Beziehung, in der sie leben, kann ja auch eine Liebesbeziehung sein. Es ist dann beides da: Konflikte, Probleme, Aggressionsdurchbrüche. Aber auch Zuneigung und Liebe. Die Frauen wollen ihren Partner nicht verlieren. Bei anderen sind es existentielle Gründe: Sie stehen in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Partner und wüssten beispielsweise nicht, wo sie wohnen sollen, wenn sie sich trennen. Oder: Der Partner ist auch der Vater der Kinder, denen man den Vater nicht wegnehmen möchte. Und dann gibt es die kulturell bedingte Haltung, hinter der die Annahme steht: Der Mann darf alles.

Wie reagieren Frauen auf die ihnen widerfahrene Gewalt?

Viele Frauen ignorieren oder verleugnen sie. Sie entschuldigen das, was passiert ist, indem sie sagen: ‚Das war ja auch wirklich eine besondere Situation, ich habe mich ja selber auch nicht gut verhalten.‘ Oder sie wollen es nicht wahrhaben und schämen sich, weil sie denken: ‚Ich bin doch keine Frau, die sich schlagen lässt!‘

Was führt dazu, dass Männer gewalttätig werden?

Gründe für so eine Grenzüberschreitung gibt es viele.

Männer neigen tendenziell dazu, Aggressionen raus zu lassen. Das muss nicht immer Gewalt – verbal oder handgreiflich – sein, sondern kann jede Form umfassen, dieses Gefühl zum Ausdruck zu bringen, zum Beispiel durch ein Gespräch. Männer drücken den Ärger also tendenziell aus, im Gegensatz zu Frauen, die ihn öfter ‚in sich hineinfressen‘, die auch dazu neigen, zu schimpfen und zu nörgeln.

Wenn es für einen Mann in einer Stresssituation – zum Beispiel durch Arbeitsplatzsorgen oder existentielle Probleme – extrem eng wird, kann es sein, dass er seine Frustration und seine Aggression nach außen richtet und gewalttätig wird. Das kann ein Mann sein, der grundsätzlich gegen Gewalt ist, dem es danach auch furchtbar leid tut. Aber in dieser Situation hat er sich nicht mehr im Griff. Während der Pandemie haben viele Paare viel mehr Zeit zusammen verbracht, da kommt es zu Reaktionen, die es sonst nicht so gebe.

Und dann gibt es Männer, die selbst Gewalt erlebt haben. Die damit normalerweise gut umgehen können, die aber – häufig wenn sie selber Kinder haben – nach diesen alten, erlernten Mustern reagieren.

Männer, die gewalttätig werden, weil sie sich in die Enge getrieben fühlen: Führt eine solche Erklärung nicht dazu, gewalttätige Handlungen zu entschuldigen?

Gewalt ist immer zu verurteilen. Man muss aber auch nach den Ursachen suchen. Noch ein Beispiel: Gewalt kann auch verbal massiv stattfinden. Es gibt Frauen, die Gewalt sehr stark verbal ausüben. Die Männer wissen sich dann nicht mehr zu helfen und schlagen zu. Eine Ohrfeige in so einer Situation kann etwas aufzeigen, was vorher schon länger stattgefunden hat. Übrigens: Natürlich gibt es auch Beziehungen, in denen es die Frau ist, die physische Gewalt ausübt.

Was können Sie Frauen sagen, in deren Partnerschaft es selten aber doch zu Gewalt kommt, und die sich damit abgefunden haben? Was macht das mit einer Beziehung?

Es handelt sich bei Gewalt immer um eine Grenzüberschreitung. Eine Beziehung leidet unter jeder Form der Grenzüberschreitung. Sich öffnen, sich zeigen, dem anderen vertrauen: Das wird immer weniger stattfinden und jeder wird die Dinge mit sich selber ausmachen.

 

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EIN ARTIKEL VON
  • Sandra Lobnig

    Seit ich Kinder habe, ist mein Leben schöner, erfüllter, spannender geworden. Und wahrscheinlich auch anstrengender. Ich bin Theologin und lese und schreibe über Ehe-, Erziehungs- und Glaubensthemen. Mit meinem Ehemann und unseren vier kleinen Kindern lebe ich in Wien.


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