1. Juli 2015

Hyperaktivität – zappeln hilft bei ADHS


Neue Studien widerlegen die weit verbreitete Auffassung bei ADHS: Unterdrückung der Hyperaktivität, wie Zappeln und Bewegungsdrang, ist kontraproduktiv!

„Sitz endlich still!“„Hör auf, herumzuzappeln!“„Rutsch nicht dauernd auf deinem Stuhl herum!“

Solche und ähnliche Aufforderungen bekommen Kinder mit ADHS nur allzu oft zu hören. Ihre Hyperaktivität, ihre motorische Unruhe stellt für Eltern, ErzieherInnen und PädagogInnen ein Problem dar. Sie gehen davon aus, dass ständige Bewegung die Konzentration erschwert. Nur zu verständlich, dass man versucht, hyperaktive Jungen und Mädchen auf die eine oder andere Weise zur Ruhe zu bringen: Zum Beispiel durch Kinderyoga oder autogenes Training, oder Belohnungen für längeres Stillsitzen. Stellt das Unterdrücken der Hyperaktivität, wie Zappeln und Bewegungsdrang, tatsächlich eine hilfreiche Maßnahme bei ADHS dar? Keinesfalls!

Neue Studien widerlegen die weit verbreitete Auffassung

Zwei Studien aus den USA haben jüngst das Gegenteil bewiesen (Studie von Julie Schweizer vom UC Davis mind institute (publiziert im online-journal Child Neuropsychologiy), Studie von Mark Rapport, University of Central Florida (publiziert im Journal of Abnormal Child Psychology). Wissenschaftler untersuchten zwei Gruppen von Jungen im Alter von 8 – 12 Jahren, die einen mit ADHS, die zweiten ohne. Beide Gruppen mussten Konzentrationsaufgaben lösen. Dabei wurden ihre Bewegungen beobachtet und registriert. Es stellte sich heraus, dass die Kinder mit ADHS umso erfolgreicher beim Lösen der Aufgaben waren, je mehr sie sich dabei bewegten. Bei den Kindern ohne ADHS war es umgekehrt.

Die Forscher schlossen daraus, dass die motorische Unruhe oder eben Hyperaktivität bei ADHS eine wichtige Rolle spielt. Sie hilft den Kindern, sich zu konzentrieren, indem sie ihre Erregungsschwelle erhöht. Dadurch, dass sie sich bewegen, sind sie paradoxerweise weniger offen für Ablenkungen.

Es wurde festgestellt, dass ADHS-Kinder vor allem dann zappeln, wenn sie ihr Arbeitsgedächtnis benützen. Dieses dient dazu, eingehende Informationen kurzfristig zu speichern und zu bearbeiten. Die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses ist entscheidend für den Lernerfolg, das Verstehen von Zusammenhängen und das Ziehen von Schlussfolgerungen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass durch die Bewegung der Kinder jene Netzwerke im Gehirn stimuliert werden, die das Arbeitsgedächtnis steuern.

“Dynamisches” Sitzen als Lösung bei Hyperaktivität?

Nun gilt es, kreative Lösungen zu finden, damit im Klassenzimmer der Bewegungsdrang der einen nicht die Konzentration der anderen beeinträchtigt. Dieter Breitecker von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung in Wiesbaden empfiehlt, Stühle gegen Sitzbälle auszutauschen, die kleine, unauffällige Bewegungen ermöglichen. „Dynamisches“ Sitzen stimuliert die Muskeln und fördert die Durchblutung, dadurch gelangt mehr Sauerstoff ins Gehirn. Die SchülerInnen sind dementsprechend wacher und konzentrierter.

Viele kennen die Geschichte vom „Zappelphilipp“, der als Symbolfigur für ADHS-Kinder gilt. Es handelt sich um einen Jungen, der trotz elterlicher Ermahnung auf seinem Stuhl so wild schaukelt, dass er nach hinten kippt und das Tischtuch mitsamt den aufgedeckten Speisen und Geschirr mit sich zu Boden reißt. Hier wird motorische Unruhe, oder eben Hyperaktivität, als unerwünschtes Symptom dargestellt, das zu Schaden führt und deshalb unterdrückt werden soll. Diese Sichtweise wurde lange Zeit nicht in Frage gestellt. Nun ist umdenken angesagt! Die Empfehlung an PädagogInnen und Eltern lautet: „Lasst die Kinder zappeln!“ Denn die jüngsten Forschungsergebnisse haben bewiesen: Zappeln ist eine wirksame Strategie, welche Konzentration fördert und deshalb entsprechend genutzt werden soll.

Informationen zur ADHS-Elternberatung von Dominique Kerschbaumer-de Valon

Passend dazu: ADHS – wenn Kinder anders sind / Fehldiagnose ADHS?

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