26. Februar 2015

ADHS – wenn Kinder anders sind


Menschen mit ADHS müssen in ihrem Leben nicht nur unzählige Schwierigkeiten überwinden, sie verfügen auch über ein außergewöhnliches Potential

Die 5-jährige Kathi stört im Kindergarten: „Sie kann nicht ruhig sitzen.“ „Sie hört nicht zu und folgt nicht.“ „Sie redet wie ein Wasserfall.“ „Sie hält es bei keinem Spiel lange aus.“ Zu Hause bereiten den Eltern vor allem Kathis Ein- und Durchschlafprobleme Sorgen. Die Diagnose der Fachärztin lautet: ADHS.

Die Lehrer des 12-jährigen Paul klagen: „Ständig vergisst oder verliert er etwas.”„Er träumt.“ „Er macht so viele Fehler.“ „Seine Schrift ist unleserlich.“ „Wird er wütend, schlägt er zu.” Dabei wissen die Eltern, dass Paul sich bemüht. Vier Stunden sitzt er täglich bei seinen Hausaufgaben. Der Psychologe hat bei Paul ADS und Legasthenie festgestellt.

Über ADHS

Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS) und Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) zählen gegenwärtig zu den häufigsten Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen. Ca. 5 Prozent der Kinder sind davon betroffen, ca. 3 Prozent der Jugendlichen und 2-3 Prozent der Erwachsenen. Sie alle haben Schwierigkeiten, ihre Aufmerksamkeit aufrecht zu erhalten, Anweisungen vollständig auszuführen und Ordnung zu halten. Häufig verlieren oder verlegen sie wichtige Dinge. Viele leiden unter Lern- und Leistungsstörungen. Sie handeln meist impulsiv. Ihre Frustrationstoleranz ist gering, warten fällt ihnen schwer. Bei wenig motivierenden Aufgaben lassen sie sich leicht ablenken. Aus Fehlern und negativen Erfahrungen lernen sie offenbar nicht, was ihr Unfallrisiko erhöht. Sie erleben extreme Gefühlsschwankungen und können im Zorn gewalttätig werden.

Diagnose

Eine sorgfältige Diagnose umfasst eine körperliche, neurologische und testpsychologische Untersuchung, Hör- und Sehtests sowie die Befragung von Angehörigen, Betreuern und Lehrerinnen. Doch Vorsicht, nicht alles ist ADHS! Ähnliche Symptome finden sich u.a. auch bei: Hochbegabung, Minderbegabung, Schilddrüsenproblemen, Gehirnverletzungen, Unterzuckerung, Hör- oder Sehstörungen, Epilepsie, Autismus, Depressionen, psychischen Krisen und Nebenwirkungen mancher Medikamente.

Ursachen

ADHS wird vererbt. 14-15 Gene spielen dabei eine Rolle. Diese bewirken Veränderungen im Gehirn sowie ein Ungleichgewicht der Botenstoffe (Dopamin, Neuradrenalin, Serotonin). Menschen mit ADHS nutzen ihre neuronalen Netzwerke auf eine andere Art. Es fällt ihnen schwer, die Reize der Außenwelt zu filtern, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Ihr Arbeitsgedächtnis ist ständig überlastet, zu wenige Informationen gelangen ins Langzeitgedächtnis. Menschen mit ADHS müssen 8-18 Mal häufiger üben als Andere, um sich Gelerntes zu merken.

Zu den Begleiterscheinungen von ADHS zählen Legasthenie, auditive und visuelle Störungen, Beeinträchtigungen der Fein- und Grobmotorik sowie taktile Wahrnehmungsstörungen. ADHS ist kein unabwendbares Schicksal! Für eine gelungene Entwicklung sind ein liebevolles Umfeld und entsprechende Förderung entscheidend.

Seelische Belastung

Menschen mit ADHS erleben Rückschläge, Kritik und Ablehnung. Sie müssen sich extrem anstrengen, um zu den gleichen Ergebnissen zu gelangen wie andere. Ihr Selbstwertgefühl leidet darunter. Das führt mit der Zeit zu Auffälligkeiten im Sozialverhalten, Angststörungen, Depressionen und Zwängen, Schlafstörungen und Tics sowie einer erhöhten Anfälligkeit für Suchterkrankungen (Alkohol, Nikotin, Cannabis).

Was hilft bei ADHS?

ADHS-Kinder brauchen Verständnis, Unterstützung und Wertschätzung, unabhängig von ihren Leistungen. Dazu unendlich viel Geduld. Je eher eine Therapie (Frühförderung, Ergotherapie, Logopädie) erfolgt, desto besser ist das Kind auf die Anforderungen der Schule vorbereitet. Reichen diese Maßnahmen nicht, werden meist Medikamente empfohlen.

Auch wenn sie gegen Grenzen rebellieren: ADHS-Kinder brauchen Sicherheit und Halt. Dazu gehören klare Regeln und ein liebevoll-konsequenter Erziehungsstil. Ein fixer Tagesablauf, ein Wochenplan erleichtern ihnen die Orientierung.

Eine Studie hat bewiesen, dass eine Stunde Bewegung im Freien die Konzentrationsfähigkeit von ADHS-Kindern signifikant erhöht. Dürfen sie sich in der Natur austoben, sind sie danach fit für die Hausaufgaben. Um aufnahmefähig zu bleiben, brauchen ADHS-Kinder Schutz vor Reizüberflutung. Der Zugang zu elektronischem Spielzeug, Smart Phone, Fernseher, und Videospielen sollte stark eingeschränkt werden.

Ein großes Potential

Menschen mit ADHS müssen in ihrem Leben nicht nur unzählige Schwierigkeiten überwinden, sie verfügen auch über ein außergewöhnliches Potential, sie sind charismatisch, rhetorisch gewandt, voller Humor, kreativ und spontan. Sie besitzen eine große Hartnäckigkeit und die Fähigkeit, sich extrem zu konzentrieren, wenn es um Dinge geht, die sie interessieren. Sie zeigen sich überaus mitfühlend und hilfsbereit und haben einen großen Gerechtigkeitssinn.

Viele bedeutende Künstler, Wissenschaftler und Politiker hatten oder haben ADHS, wie Mozart, Pablo Picasso, Albert Einstein, Agatha Christie, Thomas Edison, Whoopy Goldberg oder Bill Clinton.

Gelingt es Menschen mit ADHS ihre Potentiale zu entfalten, sind sie zu beeindruckenden Leistungen fähig.

Weitere Informationen zur  ADHS Elternberatung von Dominique Kerschbaumer-de Valon.

Siehe auch: Negatives Verhalten bei Kindern

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