21. September 2020

Geben wir unseren Kindern Zeit zum ungestörten Spielen

Geben wir unseren Kindern Zeit zum Spielen - iStock/meinefamilie.at

Viel wichtiger als jedes Material zum freien und ungestörten Spiel ist die Zeit! Warum ungestörtes Spielen für Kinder wichtig ist, wie sie dabei lernen und was sie dafür brauchen.

Solche Situationen kennen wohl alle Eltern: Die Kinder spielen irgendwo in der Wohnung oder im Haus, lassen sich nicht stören und wenn man vorbei geht, hört man oft Gespräche, die für uns Erwachsene wenig Sinn machen.

Du bist der Hund und ich bin das Baby

„Also du bist der Hund und du machst so mit der Zunge. Und ich bin das Schulkind und dann sagst du: Komm, wir fliegen jetzt nach Afrimerika und dort schwimmen wir im Fluss im Saft und dann kommt ein Krokodil, das Zahnweh hat und ich bin jetzt ein Tierarzthund und du … “

oder:

„Du bist der Papa und machst Abendessen und sagst Schatzi und ich sag ‚Ja‘ und du sagst ‚Gib mir bitte das Salz‘ und ich sag ‚Meine Hände sind ganz nass‘ und dann kommst du rüber und erwischst den Pfeffer, aber dann musst du niesen und du sagst …“

Das ist das Fantasiespiel aller Kinder, wenn man sie lässt.

Sie schlüpfen in Rollen, spielen Gesehenes nach, erklären ausgedachte Situationen und machen Unmögliches möglich.

Spielen hilft beim Verarbeiten

Für Kinder ist das Spielen die Möglichkeit, alles zu verarbeiten.

Während wir vor dem Einschlafen (oder manchmal leider auch statt zu schlafen) über vieles nachdenken und grübeln, manchmal seltsam träumen und so alles verarbeiten, machen das Kinder viel aktiver: Sie erleben das im Spielen noch einmal und fühlen sich dabei sicher, denn hier geben sie den Ton an und sind im geschützten Bereich!

Eine Situation, die ihnen Angst gemacht hat, kann im vertrauten Umfeld ganz anders verarbeitet werden. Das Kind kann eine andere Rolle einnehmen, mit Geschwistern oder anderen Kindern Platz tauschen, andere Reaktionen ausprobieren und das „was wäre wenn“ einfach testen.

Gleichzeitig wird das Selbstbewusstsein gestärkt, denn im Spiel kann man üben, Neues probieren und unbeobachtet „trainieren“, wie man sprechen, schauen, sich bewegen,… kann.

„NEIN! Nicht so! Noch einmal!“

Übung macht den Meister, heißt ein altes Sprichwort. Auch beim Spielen kann man beobachten, dass immer wieder die gleichen Figuren, Situationen oder Themen vorkommen. Das ist gut und wichtig so!

Selbst wenn es für uns nicht immer nachvollziehbar ist, warum die Fee Lilli den 19. Tag in Folge die Hexe trifft und dort Kinder befreien muss, macht das für unsere Kinder durchaus Sinn.

Bedrohliche Situationen machen so nach und nach weniger Angst, die Fantasie der Kinder wird angeregt, indem sie die neue „Welt“ weiter entwickeln, die Scheu Neues zu probieren wird weniger – und gerade bei Geschwistern und Freunden merkt man: die Sozialkompetenz wird gestärkt und nebenbei die Sprachkompetenz erweitert.

Spielen ist immer soziales Geschehen

 Sogar Kinder, die alleine spielen, profitieren davon, weil sie sich in andere hineindenken müssen.

Kinder, die mit ihren Geschwistern oder Freunden spielen können, trainieren so ihre sozialen Fähigkeiten. Zuerst muss man sich nämlich absprechen: Wer bist du und wer bin ich? Was tust du im Spiel, was sind meine Aufgaben? Wie wollen wir, dass die „Geschichte“ verläuft?

Nicht selten besteht der Großteil des Spielens im Besprechen – und dann kommt immer wieder das berühmte: „NEIN! So nicht! Noch einmal!“

Das ist nicht automatisch ein Konflikt, sondern eine Absprache im Spiel. Hier zeigt sich in Kindergruppen meistens auch ganz schnell, wer eher eine Anführerrolle übernimmt und wer mitmacht.

Zu frühes Eingreifen der Erwachsenen, wenn sich einmal nicht alle einig sind, ist meist kontraproduktiv.

Auch wenn unser erwachsener Gerechtigkeitssinn dafür ist, dass jeder einmal „bestimmen“ darf und auch die Jüngsten etwas zu sagen haben, machen sich die Kinder das oft ganz problemlos selber aus. (Natürlich greifen wir ein, wenn die Kinder Hilfe brauchen oder es wirklich zum Konflikt wird!)

Kinder brauchen Zeit zum Spielen

Viel wichtiger als jedes Material zum freien und ungestörten Spiel ist die Zeit!

Mindestens genauso viel Zeit wie Kinder außerhalb der Familie verbringen, brauchen sie anschließend zum Verarbeiten – also zum Spielen.

Genau hier liegt die Gefahr der vielen Kurse und Freizeitaktivitäten, denn je jünger Kinder sind, desto mehr müssen sie verarbeiten, abspeichern und auch wiederholen.

Bis zum Mittelschulalter ist Spielen die Lernform der Kinder!

Welches Spielmaterial ist wirklich nötig?

Geben wir unseren Kindern Zeit zum Spielen - iStock/meinefamilie.at
Bis zum Volksschulalter reichen oft Alltagsgegenstände als Spielmaterial. © iStockphoto.com

Natürlich verändert sich mit dem Alter der Kinder auch das Material, das sie zum Spielen verwenden. Anfangs – bis ins Volksschulalter – sind Alltagsgegenstände oft ausreichend. Wenn wir gemeinsam kochen, werden anschließend Kochlöffel und Schüsseln entführt und für die Puppen und Tiere gekocht. Das klappt auch mit einer Puppenküche wunderbar, wobei uns „echtes“ Material wichtig war, also kleine Töpfe aus Metall, ein Brett aus Holz, Teller aus Porzellan,…

Im Kindergartenalter werden dann „Kleine-Welt-Spiele“ immer wichtiger, also Tiere (große Schleich-Liebe bei unseren Kindern!), ein Puppenhaus, Playmobil, Autos,… Es hat einen Grund, warum diese Klassiker nach wie vor verkauft und bespielt werden. Damit werden Situationen aus der „großen“ Welt be-greifbar und bewältigbar.

Bei vielen Kindern kommt dann das Malen dazu, dadurch können sie ausdrücken, was sie beschäftigt. Dafür reichen (gute) Buntstifte und Papier.

Spielsachen: Weniger ist mehr

Wir merken aber auch, dass weniger oft mehr ist.

Wir tauschen Spielsachen regelmäßig aus, Playmobil ist in Themenkisten verpackt und wird nur vorgeholt, wenn dafür etwas anderes weggeräumt wird.

Zum Verkleiden reichen einige Utensilien wie Umhänge und Tücher, Puppen brauchen zwar jahreszeitlich passendes Gewand, das muss aber leicht an- und auszuziehen sein.

Im Garten sind Steine, Stöcke, Blumen, Wasser und Sand, eine Schaukel und ein schattiges Plätzchen für Stunden und Tage genug.

Ordnung im Kinderzimmer

Wir lassen uns von unseren Kindern auch immer wieder „führen“, was sie derzeit (nicht) brauchen. Die Grundordnung müssen allerdings wir vorgeben, denn das ist zumindest unseren Kindern vor, während oder nach dem Spielen gar nicht wichtig. Wir haben ein paar stabile Holzkisten und einen Raum, in dem auch einiges stehen und liegen bleiben darf, zB der Playmobil-Zirkus mit dem anschließenden Pferdehof, in dem neuerdings auch Dinosaurier leben.

Übrigens, bei uns Eltern sind diverse „Vorführungen“ wie Zaubertricks, Fohlen-Show oder Clown-Zirkus eher gefürchtet als beliebt, vor allem wegen der plötzlichen neuen Ideen, die unbedingt noch gezeigt werden müssen. Aber wir wissen, dass dieses Bedürfnis, die eigenen Ideen und dadurch das eigene Spiel vorzustellen, auch ein Vertrauensbeweis und dadurch ein kleiner Blick in die Welt unserer Kinder ist!



EIN ARTIKEL VON
  • Elisabeth & Johannes Hackl

    Elisabeth und Johannes Hackl leben mit ihren Kindern, Hunden und Hühnern in Niederösterreich. Sie sind begeisterte Familienmenschen, Kindergartenpädagogen, Referenten für Natürliche Empfängnisregelung, Teilzeit-Selbstversorger, im Glauben verwurzelt und noch immer sehr verliebt ineinander!


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