12. März 2020

Vom pädagogischen Wert eines Esstisches

Vom pädagogischen Wert eines Esstisches

Seit meine Tochter Anfang Jänner relativ spontan von der Studierenden zur „Lehrperson“ an einem Gymnasium mutiert ist, führen wir die spannendsten Fachdebatten miteinander.

So sind wir letzten Sonntag beim Großfamilien-Lasagne-Essen der Frage nachgegangen, wieso manche Kinder brav ihre Hausübungen erledigen und andere nicht. Wir haben dazu eine interessante Theorie aufgestellt, die darauf basiert, dass unsere Töchter ihre Hausübungen zwar auch nicht vollständig, aber doch relativ konstant erledigt haben und das Ganze ohne allzu strenge Kontrollen unsererseits, während viele aus ihren Klassen – auch schon vor 10 Jahren – versuchten ohne das geringste bisschen „Heimarbeit“ durchzukommen.

Meine Tochter hatte dazu eine These, die von ihren Schwestern sofort einhellig bestätigt wurde:

Die hohe Quote der erledigten Hausübungen verdankten sie unserem Esstisch.

Wieso ausgerechnet einem Esstisch?

Wenn schon Möbelstücke mit Hausübungen in Verbindung gebracht werden, dann doch wohl nur ergonomisch richtige Schreibtische mit edel gestylten mitwachsenden Bürostühlen. Aber ein Esstisch … ein vielleicht nicht einmal 100% sauberer Esstisch sogar!

Ja, meine Töchter schworen auf diesen Tisch. Es handelt sich um ein ovales Exemplar im ausgezogenen Zustand, Vollholz lackiert und typisch 90-erJahre, also schon nicht mehr gerade up-to-date. Derselbe hat jedoch den zentralsten Platz in unserer Wohnung, in der Wohnküche, dem Herzen des Familienlebens. Und er hat wirklich schon einiges mitgemacht,…

„Mama“ alias vordigitale Alexa

Da wurden die ersten Buchstaben drauf gekritzelt und Tränen flossen, weil die „S-Schlaufe“ nicht so aussehen wollte, wie die Volksschullehrerin es sich vorstellte. Neben dem kleinen „s“- wurde gerechnet, der Gymnasiallehrer hatte wieder mal Denksport aufgegeben. Am anderen Ende des Tisches breitete sich ein dickes „Stowasser“- Wörterbuch und ein Lateinbuch aus.

„Mama, was heißt legati noch mal?“ „Mama, muss ich die Geschwindigkeit durch die Zeit oder die Zeit durch die Geschwindigkeit nehmen? „Mama, wie schreibt man die Mehrzahl von body?

Kurzum, „Mama“ war so was wie eine vordigitale Alexa und wenn Mama nicht da war, gab es ja noch die großen Schwestern. Die waren extrem praktisch, weil sie die Lehrerinnen und Lehrer und ihre Vorlieben teilweise kannten und manchmal sogar noch alte Testfragen hatten. Auch die Schulbücher gingen im Kreis und es war halb so schlimm, wenn der Taschenrechner in der Schule liegengeblieben war, es gab einen zweiten in der Runde.

Im schlimmsten Fall – wie bei den Denksportaufgaben des Mathe-Lehrers – gab es sogar Besucher an diesem Tisch wie den Ingenieur aus der Nachbarschaft,  der bei einem Glas Rotwein die Matheaufgaben unserer Tochter zu lösen versuchte.

Natürlich lief das nicht immer harmonisch, die schönsten Marker gerieten leicht ins falsche Federpennal und die Füllfeder hatte die Jüngste der Ältesten verbogen. Es gab Streit, es gab Tränen und es gab Fettflecken, manchmal sogar Nutella-Kleckse!

Kakaobecher flogen um und Mamas Kaffeetasse hinterließ kreisförmige Abdrücke auf Schularbeitsbögen. Kulisse für großes Kino war der Esstisch, wenn besonders erfolgreiche oder danebengegangene Schularbeiten und Tests darauf von mir oder meinem Mann zu unterschreiben waren.

Ja, im pädagogischen Ratgeber wird Lernen anders beschrieben. Aber es hat irgendwie funktioniert und wenn es zu viel wurde, konnte man ja immer noch in das eigene Zimmer auswandern.

Der Esstisch hat jedenfalls einiges mitgemacht und hätte sich mittlerweile dreimal die Matura verdient. Heute noch dient er als Vorbereitungstisch für meinen eigenen Unterricht und als pädagogisches Forum für mich und meine unterrichtende Tochter.

Ess-Tische wären zum Essen da …

„Bei uns war es einfach normal, dass man daheim arbeitet“, war die Conclusio meiner Tochter.  „Viele Kinder erleben das ja nie.“ Und da dürfte sie Recht haben. Manche Kinder und Jugendliche gehen einfach davon aus, dass es daheim nur „Feierabend“ gibt, nur Freizeit, Fernsehen und Faulsein. Ess-Tische wären zum Essen da … und nicht zum Lernen.

Nun ja, unser Tisch könnte da was anderes erzählen. Mittlerweile ist er sehr in die Jahre gekommen und ich erwäge ihn auszutauschen. Seit geraumer Zeit schaue ich mich nach einem Nachfolger um, aber ich bin sehr kritisch, der eine ist zu eckig, der andere  zu empfindlich, die meisten zu klein oder nicht stabil genug.

Irgendwann werde ich schon einen finden … für das Erbe des alten haben sich schon Interessenten gefunden. Die Studenten-WG meiner Tochter. Ob denen bewusst ist, dass sie die Alexa-Mama, das Tischlein-deck-dich und den Abwischservice  nicht einfach dazubekommen?



EIN ARTIKEL VON
  • Kerstin Kordovsky

    Ich bin verheiratet mit einem Religions- und Geschichtelehrer und Mutter von 4 Kindern und habe ein Enkelkind. Familie ist für mich das Netz, auf das ich mich verlasse, die Menschen, die ich liebe, der Ort, an dem man auch eine Krise überwinden kann. Seit 27 Jahren stecke ich meine Energieüberschüsse in die Öffentlichkeitsarbeit der Aktion Leben Salzburg.


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