21. April 2020

Es muss nicht perfekt sein – Anerkennung kindlicher Fähigkeiten

Nichts ist perfekt – Anerkennung kindlicher Fähigkeiten

Meine Kinder lieben basteln. Jetzt, wo Kindergarten und Krabbelgruppe geschlossen haben und wir (zwangsläufig) ganz viel Zeit zu Hause verbringen, wird vor allem im Beisein der Mama gebastelt.

Und da fällt besonders auf: So wie auf den schönen Pinterest-Bildern oder in den Bastelbüchern sehen unsere Kunstwerke nie aus.

Mama sucht nach einer Bastelanleitung für einen österlichen Türkranz, alles in feinen Pastelltönen gehalten, mit gleichmäßigen Mustern und akkurat geschnittenen Eiern. Unser Türkranz wurde schwarz-rot und ist von jedem regelmäßigen Muster weit entfernt. Weil die Kinder nicht wollten. Und wahrscheinlich auch, weil sie es (noch) nicht können.

Es zählt nicht das Ergebnis, sondern der bunte Weg dorthin

Recherchiert man im Internet (was man ja eigentlich nie tun dürfte), findet man sofort einige Fähigkeiten, die Kinder mit fünf Jahren können sollten:

  • eine korrekte Stifthaltung
  • Ausschneiden mit der altersgerechten Schere
  • ordentliches Ausmalen von Motiven (über dieses ‚ordentlich‘ kann man durchaus diskutieren)
  • das Zeichnen eines Dreiecks
  • und das lesbare Schreiben des eigenen Namens

All das kann meine Tochter, und noch viel mehr! Die Zweijährige ist noch weniger geschickt, was natürlich ist. Aber auch sie kann schon Stifte halten und damit nicht mehr nur rumkritzeln, auch sie kann mit einer Schere umgehen und zumindest kleine Schnipsel schneiden. Und sie kann aufkleben. Mir ist bewusst, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind und sich ihre feinmotorischen Fähigkeiten noch entwickeln müssen.

Und weil ich das weiß, suche ich nur altersgerechte Bastelanleitungen heraus, die Kinder im Vorschulalter verstehen und umsetzen können. Trotzdem: Der Eierkranz geriet so ganz anders als die Vorlage.

Anfangs habe ich mich geärgert. Ich habe versucht die Kinder zu beeinflussen, gab ihnen Farben vor, forderte sie auf, es nochmals zu versuchen, fragte freundlich: „Möchtest du nicht vielleicht doch …?“ Umsonst.

Sie können es noch nicht besser

Bis ich nach einigen Versuchen verstand: Sie können es (noch) nicht besser. Aber vor allem wollen sie es genau so, wie sie es gerade machen. Meine Vorstellungen müssen nicht denen der Kinder entsprechen, auch nicht jenen der Bastelanleitungserfinder. Diese geben nur Ideen vor. Kein selbst gemachtes Meisterwerk wird je so aussehen wie das auf den (geschönten) Fotos.

Es geht um die Freude am Basteln

Es geht nicht um das Ergebnis, es geht um den Prozess. Es geht darum, dass Kinder ihre Vorstellungen umsetzen, diese sind individuell und nicht so, wie Eltern oder Bastelbücher es vorgeben.

Manchmal frage ich mich: Soll ich ,das‘ wirklich aufhängen? Ja. Weil die Kinder stolz auf das sind, was sie gemacht haben. Weil es ein Abbild ihrer derzeitigen Fähigkeiten und ein Zeichen für ihre Entwicklung ist (manche Mamas versehen die kindlichen Ergüsse auch mit einem Datum, um sich später daran erinnern zu können, wann die Zeichnung oder das gebastelte Ding entstanden ist).

Mama kann das aushalten

Die Tochter malt eine graue Sonne, statt einer fröhlichen gelben auf Omas Grußkarte und schreibt in windschiefen, verkehrten Buchstaben ‚Frohe Ostern‘ darauf. Und dann besteht sie darauf, dass das Bild genau so verschickt wird.

Kann Mama das aushalten, dass die Oma und Opa/Tante/Freundin denken könnten „Seltsames Kind, malt eine graue Sonne“  oder „Warum schreibt sie so verkehrte Buchstaben“?

Ja. Das Kind malt das nun mal so. Dann ist das halt so. Punkt. In ein paar Monaten wird man darüber lachen und dann wird plötzlich auffallen, dass das Kind innerhalb der Linie malen kann und die Vorliebe für helle Farben wiederentdeckt hat.

Nichts ist perfekt. Aber mein Lob kann es sein, meine Anerkennung der kindlichen Fähigkeiten.

Ich habe erkannt: Wenn ich meinen Perfektionsanspruch loswerden will, muss ich aufhören, alles unter Kontrolle haben zu wollen. Ich kann nicht die Wünsche und die Fähigkeiten meiner Kinder kontrollieren, ich kann sie allenfalls fördern. Das geht nur, wenn ich ihnen den Weg zeige, die Anleitungen erkläre und sie drauflos machen lasse. Ich lobe nicht das Ergebnis, sondern den Weg dahin.

Dadurch, dass ich anerkenne, dass manche Dinge einfach nicht zu ändern sind und die Kinder nicht bereit, anders zu agieren, ärgere ich mich weniger. Und verschwende keine wertvolle Zeit mehr mit Korrekturversuchen und Beeinflussung, ich mache einfach mit.

Tipps

  • Kindgerechte bzw. altersgerechte Bastelideen auswählen, das erspart schon eine Menge Frust.
  • Es geht nicht um den eigenen Perfektionsanspruch.
  • Den Prozess der Herstellung loben, nicht das Ergebnis. Oft hilft die Frage: „War es schwer, das zu malen? Das zu basteln?“ statt unreflektiert zu sagen „Das ist schön“
  • Mama kann es aushalten, dass jemand abschätzig über das Kunstwerk urteilen könnte (!). Das Kopfkino ist sowieso immer schlimmer als die Wirklichkeit.
  • Einfach mitbasteln und sich am Abend darüber freuen, dass die Kinder dem Papa stolz ihre neuen Werke präsentieren

 



EIN ARTIKEL VON
  • Vera Ortner

    Ich bin verheiratet und Mama von zwei wundervollen Töchtern. Wenn ich nicht gerade für eine Salzburger Tageszeitung arbeite, versuche ich viele fröhliche Stunden mit den Mädels zu verbringen und mich gleichzeitig im Alltagschaos nicht entmutigen zu lassen. Daran werde ich die Internetgemeinschaft und unser Bloggernetzwerk gerne Teil haben lassen.


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