29. Mai 2019

Sie lieben sich – sie hassen sich! Geschwisterstreit (Teil 1)


Die meisten Geschwister haben einen leidenschaftlichen Hang zu kleinen und größeren Streitereien, aber schlussendlich findet der überwiegende Teil einen guten Mittelweg, um eine stabile Geschwisterbeziehung aufzubauen. Man muss davon ausgehen, dass es für Menschen und im Speziellen für Kinder wichtig ist, das „richtige Streiten“ zu erlernen.

Zum Streiten Üben sind Geschwister nun wirklich die besten Partner. Meist fühlen sich Kinder den Eltern oder anderen Erwachsenen emotional unterlegen, daher eignen sich diese nicht so gut zum Üben wie Gleichaltrige. Geschwister bleiben einem – im Gegensatz zu Freunden – erhalten, auch wenn wir sie beißen, beschimpfen oder ihnen gar ein „Veilchen“ verpassen. Beruhigend für Eltern ist vielleicht der Gedanke, dass es wohl besser ist, wenn das Streiten mit den Geschwistern geübt wird, anstatt später mit den Lehrern oder dem zukünftigen Chef.

Der Eisberg unter dem Streit

Oft sehen wir nur die Spitze des Eisberges und nicht das, was eigentlich dahinter steckt. Das, was nicht sofort sichtbar ist, ist meist aber viel wichtiger als die eigentliche Streitsituation. Wir sehen meist nur, dass um den Baustein gestritten wird, nicht aber dass sich der Große zum Beispiel von uns vernachlässigt fühlt oder auf den Kleinen eifersüchtig ist. Geschwisterstreit entsteht ganz oft aus natürlichen Konfliktfeldern:

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  • Zuneigung – vor allem von Mama und Papa – muss erkämpft werden, sobald ein Geschwisterchen geboren wird. Für alle Kinder ist es wichtig, dass sie der von den Eltern meist geliebte Mensch sind und ja nicht die Gefahr droht, dass das Baby noch mehr geliebt wird, als sie selbst.
  • Teilen an sich ist für viele Kinder nicht immer leicht. Plötzlich soll das Zimmer, die Spielsachen, die Zeit mit den Eltern, die Aufmerksamkeit des Besuchs und noch viel mehr geteilt werden. Verständlich, dass es da schon mal zum Konflikt kommen kann.
  • Viele Erwachsene können das Vergleichen von Kindern nicht lassen. „Der Kleine isst schon viel schöner als du, obwohl du um einiges älter bist!“ Dadurch werden die Geschwister unbewusst zu Rivalen gemacht. Wer wird wohl das „Brave-Kinder-Ranking“ gewinnen und als Preis Lob und Anerkennung von den Eltern bekommen?

Ich will aber! – Und ich will nicht!

Geschwister haben ganz einfach unterschiedliche Interessen, die immer wieder zu Streit führen – verwunderlich wäre es schon fast, wenn dies nicht der Fall wäre. Der eine möchte alleine spielen, der andere lieber gemeinsam. Eines möchte im Dunklen schlafen, das andere kann nur mit Nachtlicht einschlafen… Viele Konflikte können Kinder selber lösen, wenn wir es ihnen zutrauen und sie verschiedene Konfliktlösungswege ausprobieren lassen. Eingreifen müssen wir jedoch immer dann, wenn Gefahr für ein Kind besteht.

Und was lernen wir daraus?

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Gemeinsam kann faires Streiten gelernt werden, indem der Frage „Wer will was warum?“ nachgegangen wird. Dabei ist es wichtig, den Standpunkt der anderen anzuhören und zu verstehen, damit dann Lösungswege gesucht werden können, bei denen alle gut aus dem Streit aussteigen. Dies ist nicht täglich und schon gar nicht bei jedem Streit möglich und nötig. Wenn aber Kinder hin und wieder die Erfahrung machen, dass Konflikte auch konstruktiv gelöst werden können, haben sie für das Leben sehr viel gelernt – und das ausgerechnet durch das Streiten mit den Geschwistern.

Gemeinsam sind wir stark!

Wenn man das Gefühl hat, die eigenen Kinder streiten NUR miteinander und können sich gegenseitig gar nicht ausstehen und man hat da irgendetwas komplett falsch gemacht, ist es sehr hilfreich sie in Situationen zu beobachten, in denen sie gemeinsam etwas von uns Eltern möchten (z.B. eine extra Nachspeise, am Abend länger wach bleiben, die Freunde am Nachmittag besuchen dürfen,…).

Da kann man sehr gut bemerken, dass sie nicht nur ausgesprochen gut miteinander kommunizieren können, sondern dass der Zusammenhalt, wenn es um etwas für sie Wichtiges geht, richtig groß ist. Ganz nach dem Motto „Gemeinsam stark gegen die Eltern“. Und schon kann man wieder etwas beruhigter sein und wissen, dass man in der Erziehung doch nicht vollkommen versagt hat.



EIN ARTIKEL VON
  • Bettina Fauler

    Ich lebe mit meinem Partner und unserem Sohn in Tirol. Hauptberuflich bin ich Mama, auch wenn ich Teilzeit als Sonderkindergartenpädagogin, Elternbildnerin und Trainerin arbeite. Ich erlebe einen abwechslungsreichen (Erziehungs-)Alltag, den ich gerne mit anderen teile.


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