19. Oktober 2018

„Ohne religiöse Erziehung geht es nicht mehr“


Unsere Kinder wachsen in eine Zeit hinein, in der es immer mehr um Religion und religiöse Themen wird, in der der interreligiöse Dialog mehr und mehr an Bedeutung gewinnen wird. Es muss deshalb in unser aller Interesse liegen, wieder mehr über unseren Glauben, über das Christentum zu wissen und auch darüber reden zu können, ist der Theologe und Religionspädagoge Albert Biesinger überzeugt. „Glaubenskommunikation“ sei das Gebot der Stunde. Und es muss in unser aller Interesse liegen, den Glauben „verheißungsvoll und alltagstauglich“ in das Leben mit unseren Kindern zu integrieren.

„Ich bin alarmiert“, sagt Albert Biesinger: „Alarmiert, weil ich sehe, dass Eltern oft nichts mehr oder immer weniger über ihren Glauben, über das Christentum wissen. Und damit können sie auch nichts mehr oder immer weniger an ihre Kinder weitergeben.“ Glaubenskommunikation kann kaum mehr stattfinden.

Was meint Glaubenskommunikation?

Seit vielen Jahren beschäftigt sich der deutsche Theologe und Religionspädagoge unter anderem mit der Frage danach, wie in Familien, Pfarren, Kindergärten und Schulen über den Glauben, über das Christentum gesprochen werden (kann). Und was es heißt, wenn das nicht mehr getan wird. „Die Dramatik ist doch die“, bringt er es auf den Punkt: „Unsere Kinder und deren Eltern wissen oft nicht mehr Bescheid über die ,Goldstücke‘ des christlichen Glaubens. Sie wissen nicht und erfahren nicht am eigenen Leib wie verheißungsvoll und alltagstauglich das Christentum ist und was es Gutes im Leben bewirken kann. Und sie können damit auch nicht im erforderlichen Maße in den interreligiösen Dialog treten.“

Das Christentum schwächelt

„Fakt ist: Das Christentum in unserer Gesellschaft schwächelt“, kritisiert Albert Biesinger. Dass es das tue, werde absurderweise immer wieder den Muslimen in die Schuhe geschoben. „Aber das geht doch so nicht“, sagt der Religionspädagoge: „Ich kann doch nicht sagen: Die Muslime sind Schuld daran, dass viele von uns über unseren Glauben nicht mehr Bescheid wissen und nicht mehr reden können.“

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Ohne religiöse Erziehung geht es nicht

Jeder einzelne sei da in der Verantwortung, müsse Religion und Glaube wieder mehr zum Thema machen. Vor allem eben auch jene, die mit der Erziehung von Kindern beschäftigt sind. Glaubenskommunikation betreiben. Kindergärten, Schulen und in besonders hohem Maße die Eltern. „Ich bin davon überzeugt davon, dass es heute ohne religiöse Erziehung nicht mehr geht“, sagt Albert Biesinger:

„Kinder leben heute in ein Jahrhundert hinein, in der Religion zu einem Megathema werden wird und in dem es – gesamtgesellschaftlich gesehen – wichtig sein wird, über die Inhalte des Christentums Bescheid zu wissen und darüber sprechen zu können.”

Pfarren und Gemeinden sind gefordert

Und wenn Eltern einfach nicht wissen, wie religiöse Erziehung geschehen kann? Dann sind, so Albert Biesinger, vor allem auch Pfarren und Gemeinden gefordert, Eltern das nötige Werkzeug in die Hand zu geben und sie anzuleiten, wie sie mit ihren Kindern wieder mehr über Gott, über den Glauben sprechen können. „Wir müssen ihnen zeigen, wie sie den Glauben in den Alltag, in das ganz normale Familienleben einbauen können. Und welchen Gewinn das für alle bringt. “

Chance Erstkommunionvorbereitung

Vor allem im Rahmen der Erstkommunionvorbereitung sieht Albert Biesinger da großes Potential. Eltern müssten in diese Vorbereitung genauso eingebunden werden. Vielleicht sogar bis zu einem gewissen Grad mitmachen. „Ich finde es erschreckend, wenn Gemeinden, Eltern alleine lassen, sie nicht begleiten. Die meisten Gemeinden beklagen doch, dass die Eltern mit den Kindern im Hinblick auf den Glauben, auf Religion nichts mehr tun.“ Dabei nütze das Klagen niemandem. Gemeinden müssten vielmehr Eltern kompetent und konsequent unterstützen. „Ein Teil der Antwort auf die Frage wie wir Kindern und Jugendlichen den Glauben wieder näher bringen können, ist nun einmal: In dem wir den Eltern wieder mehr über das Christentum erzählen und erlebbar machen, wie verheißungsvoll und alltagtauglich der Glaube ist.“

Rituale tun gut

Aber wie geht das konkret: den Glauben verheißungsvoll und alltagstauglich weitergeben? Wie funktioniert alltagstaugliche Glaubenskommunikation?

Religiöse Bildung, dieses „verheißungsvoll und alltagstauglich machen“, ist Albert Biesinger überzeugt, funktioniert in Familie besonders gut über Alltagsrituale.

„Es beginnt in der Früh, wenn die Kinder aus dem Haus gehen“, so Albert Biesinger. Es sei eine Sache, die Kinder beim Verabschieden zu umarmen und ihnen einen schönen Tag zu wünschen. Aber noch einmal eine ganz andere Sache, wenn man ihnen beim Verabschieden ein Kreuzzeichen auf die Stirn macht. „Segnen sie ihr Kind“, sagt Albert Biesinger: „Das kostet weder Zeit noch Geld und es ist ein festes Ritual, das allen gut tut. Das Kind, wir Eltern kommen dabei in Kontakt mit Gott und das Kind geht beschützt aus dem Haus.“

Gemeinsames Erleben

Auch das gemeinsame Essen, ganz egal, ob das mittags oder abends ist, eigne sich hervorragend für das Einbauen eines Rituals. „Nehmen sie sich alle an den Händen und sprechen sie miteinander ein ganz kurzes Tischgebet.“ Dieses Hände reichen, dieses Zusammensein, das tue einfach gut. Den Eltern oder Großeltern und den Kindern in gleichem Maße.

In Kontakt mit dem Glauben

„Und am Abend, wenn das Kind ins Bett geht, machen Sie ihm doch noch einmal ein Kreuzzeichen auf die Stirn. Nehmen Sie außerdem jeden Abend eine gute Kinderbibel zur Hand. Lesen sie den Kindern daraus vor.“ Einfacher gehe es nicht. „Und dann sprechen Sie mit ihnen den Tag durch. Fragen Sie sie, was heute schön war oder nicht so schön.“ Er selbst und seine Frau hätten das mit ihren Kindern gemacht. „Ich erinnere mich daran, dass ich eines Abends meine Tochter Ingrid gefragt habe, was denn heute schön gewesen sei und was nicht. Sie war damals etwa fünf und sie hat gesagt: ,Lieber Gott, der heutige Tag war gar nicht schön, weil der Moritz hat mich gehaut und dann habe ich zurückgehaut.‘ Das war das ganz einfache Klagegebet eines Kindes. Sie hat es formuliert, sie hat er ausgesprochen und damit wohl auch begonnen, das Erlebte zu verarbeiten. Und ich bin davon überzeugt: Das hat ihr gut getan.“

Es muss wieder mehr um Gott gehen

Generell wünscht sich Albert Biesinger, dass wir alle wieder „aus unserer Resignationsphase herauskommen“. Es muss in der Glaubenskommunikation wieder „um Gott geht und nicht nur um den Schrott der Kirche.“ Konkret meiner er damit: Über Missstände in der Kirchen zu sprechen – Themen wie Missbrauch und die Vermeidung von Missbrauch – sei richtig und wichtig. „Aber wir dürfen über diese Dinge nicht vergessen auch über Glaubensinhalte zu sprechen, die uns glücklich machen“, so Albert Biesinger: „Vor allem auch in den Familien.“

 

 

Albert Biesinger ist Autor und Co-Autor zahlreiche Bücher zum Thema Glaubenskommunikation in Familien. Unter anderem: „Kinder nicht um Gott betrügen. Anstiftungen für Mütter und Väter“ (Verlag Herder). Auch viele multimediale Projekte sind in den vergangenen Jahren entstanden. Etwa: www.kleine-menschen-grosse-fragen.de. Nähere Infos zum Thema auch bei der „Stiftung Gottesbeziehung in Familien“ unter www.stigofam.de

 

Dieser Artikel erschien zuerst in “Der Sonntag”, Ausgabe von 7. Oktober 2018

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EIN ARTIKEL VON
  • Andrea Harringer

    „Meine Mami schreibt das auf, was ihr andere Leute erzählen.“ Das sagte mein Sohn, als man ihn fragte, was seine Mama beruflich mache. Seit 2001 bin ich Redakteurin in der Erzdiözese Wien, schreibe für den „Sonntag“ und versuche, Themen wie Familie, Kinder und Erziehung auch aus einem christlichen Blickwinkel zu beleuchten.


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