30. März 2018

Kinder und der Tod

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Karwoche vor zwei Jahren. In meinem Postfach liegt ein Brief mit schwarzem Trauerrand. Böses ahnend öffne ich ihn und bin nun völlig geschockt. Denn nicht meine 84jährige Freundin, sondern der erst 60jährige Lebensgefährte meiner Freundin verstarb völlig unerwartet. Einfach so, mitten aus dem Leben gerissen. Im Krankenhaus dachte er noch an die Arbeit, die im Büro zu erledigen sei. Nur ein paar Tage vor Ostern. Sofort denke ich an seine Zwillinge, mittlerweile 16 Jahre alt.

In den Wochen darauf denke ich viel über Trauer und den richtigen Umgang damit nach. Wie kann man zwei Teenagern, die mitten im Leben stehen und plötzlich den Vater verloren haben, Trost spenden? Was soll ich meiner Freundin sagen? Sie wohnt in Salzburg und so kurzfristig kann ich nicht zum Begräbnis kommen.

In meiner Unbeholfenheit erstand ich das Buch „Für immer in meinem Herzen. Das Trauer- und Erinnerungsalbum für Kinder“ von Stefanie Wiegel. Sehr liebevoll und behutsam erklärt die Autorin darin Kindern, was beim Sterben und Begräbnis passiert, greift all die Fragen auf die Kinder haben und geht auch auf die unterschiedlichen Arten der Trauer ein. Und obwohl ich erwachsen bin, fühle sogar ich mich Jahre nach dem Tod meines Vaters getröstet und sehr erleichtert als ich erfahre, dass es auch eine Art stiller Trauer gibt. Denn seit seinem Begräbnis war ich noch nie am Friedhof und habe auch keinerlei Fotos von ihm aufgestellt. Meine Umwelt wundert sich oft darüber, da ich ein sehr enges Verhältnis zu ihm hatte.

Stille Trauer

Es gibt Menschen die Trost darin finden über den Verstorbenen zu sprechen, die überall Bilder und Fotos zur Erinnerung aufstellen und oft das Grab besuchen, schreibt die Autorin. „Aber jemand der weint, trauert nicht mehr als jemand, der ganz still wird. Es bedeutet auch nicht, dass man den Verstorbenen nicht so lieb hatte, wenn man gar nicht weint.“ Der Umgang mit Trauer ist so individuell und unterschiedlich wie es Menschen und Kulturen gibt.
Das Wichtige ist, auf die Menschen und ihre Bedürfnisse einzugehen, mit ihnen Erinnerungen austauschen und über die Verstorbenen zu sprechen, wenn sie darüber reden möchten und mit ihnen zu schweigen, wenn sie schweigen möchten. Den Schmerz stehen zu lassen, ja er darf sein!

Unerwartete Fragen der Kinder

Besonders Kinder belasten oft Fragen, die für uns ganz unerwartet kommen. Als mein Schwiegervater starb löcherte mich unser damals Vierjähriger mit Fragen wie: „Liegt der Opa eh weich oder ist der Sarg hart?“, „Warum hat der Wagen nur vorne Räder und hinten nicht?“ (Es handelte sich um den Leichenwagen, der den Sarg transportierte und er hat tatsächlich nur auf einer Seite Räder.) „Warum sind die Trompeten so laut?“ (Der Hall der Posaunen in der Kirche.) „Kommt nur der Kopf oder der ganze Körper in den Himmel? (Meine erfolglosen Versuche ihm die Seele zu erklären.) Zumindest gelang es mir mithilfe dieses Buches ihm das Begräbnis zu erklären.

Verabschieden ermöglichen

Und auch wenn es für uns nicht leicht war, bin ich froh, dass er die Chance hatte, sich von seinem Opa zu verabschieden. Oft werden Kinder verständnisvoller Weise aus Unsicherheit vom Begräbnis ferngehalten. Leider kann ohne die Möglichkeit der Verabschiedung dann die Angst entstehen, dass Menschen aus ihrem Leben einfach so verschwinden können. Was letztendlich noch mehr verunsichert. Ideal wäre es eine zusätzliche Bezugsperson zu bitten eventuell früher mit dem Kind zu gehen. Gesundheits- und Notfallpsychologe Univ. Prof. Dr. Gernot Brauchle meint in der Charta für trauernde Kinder und Jugendliche dazu:

Es ist wichtig trauernden Kindern all ihre Fragen zu beantworten, aber auch genaue und ehrliche Informationen zu geben: Was Warum passiert ist und Was noch geschehen wird.

  • Trauernde Kinder sollten gefragt werden ob sie miteinbezogen werden möchten, z.B. bei der Planung des Begräbnisses oder des Jahrestages.
  • Gelegenheiten zu schaffen, wo trauernde Kinder mit anderen betroffenen Kindern zusammen zu kommen können, kann helfen.
  • Trauernden Kindern Raum geben, ihre Geschichte in angemessener Weise zu erzählen (sei es mit Fingerpuppen, Bildern, Briefen oder Worten)
  • Gefühle dürfen sein, Angst, Trauer, Wut und Unsicherheit. Es ist wichtig Kinder zu ermutigen ihre Gefühle ausdrücken zu dürfen.
  • Besonders wichtig ist es trauernden Kindern zu vermitteln, dass sie nicht Schuld am Tod des ihnen nahestehenden Menschen tragen.
  • Es soll ihnen möglich sein ihren normalen Aktivitäten/Hobbys/Interessen weiterhin nachzugehen, Routine wird hier als Halt erlebt.
  • Eine angemessene Reaktion von Kindergarten oder Schule kann ein großer Trost sein.
  • Erinnerungen schaffen, sodass die verstorbene Person Teil der Lebensgeschichte werden kann.

Um Hilfe bitte und diese auch annehmen

Persönlich möchte ich vor allem dazu anregen um einen „Helfer-Kreis“ zu bitten. Besonders in Situationen in denen Erwachsene aus eigener Trauer heraus keine Kraft mehr dazu haben sich um die Trauer ihrer Kinder zu kümmern. Auch Stefanie Wiegel ermutigt die Kinder in ihrem Buch dazu, sich Lehrern oder anderen vertrauten Erwachsenen anzuvertrauen, wenn sie dies möchten.

Wichtig ist es auch, ehrlich zu den Kindern zu sein, auch authentisch Gefühle zu zeigen. Ich sagte meinem Sohn z.B. damals, „ich habe dich lieb, und wenn ich grantig oder traurig bin, dann nicht deinetwegen, sondern weil ich traurig darüber bin, dass Peter gestorben ist.“ Gleichzeitig entschuldigte ich mich dafür, falls ich ihn einmal ungerechtfertigt angefahren haben soll. Ermutigt davon, dass Gefühle erlaubt sind, erzählte er mir im Gegenzug auch davon, was ihn traurig macht. Diese Offenheit haben wir beibehalten. Und sei es auch nur, dass sein bester Freund im Kindergarten weggezogen ist. Für ihn hat das einen großen Stellenwert.

Erinnerungen schaffen

Letztendlich fanden zwei leere, mit schönem Papier beklebte „Erinnerungs-Schachteln“ für die Zwillinge ihren Weg nach Salzburg. Und eine prall gefüllte „Versorgungs-Kiste“ mit Bädern, haltbaren Lebensmitteln und Leckereien für meine Freundin. In der Hoffnung wenigstens eine kleine „Wegebegleitung“ zu sein. In einer Situation, in der man selbst nicht so gut auf sich schauen kann und jemanden braucht, der für einen sorgt. Ähnlich der Begegnung der Jünger mit Jesus am Gang nach Emmaus.

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