29. März 2018

Born to be wild – Geboren um zu toben

Born to be wild – Geborgen um zu toben - meinefamilie.at

Dr. Renz-Polster ist Kinderarzt und Autor mehrerer sehr erfolgreicher Bücher. Seinen Werken „Menschenkinder“ sowie „Kinder verstehen“ wird nachgesagt, die Erziehungsdebatte in Deutschland wesentlich beeinflusst zu haben. Als Vater von 4 Kindern, die mittlerweile erwachsen sind, verfügt er über viel „Praxiserfahrung“ in der Erziehung. In Kombination mit seiner Tätigkeit als Kinderarzt, Wissenschaftler und Buchautor macht ihn dies zu einem Experten auf dem Gebiet der kindlichen Entwicklung.

„Das Kind unserer Träume schläft durch, isst sein Gemüse, gerne auch Spinat, und es schläft allein, ohne die Nähe von Mama oder Papa einzufordern. Es hat keine Zornanfälle, lacht Fremde freundlich an und benimmt sich auch in der Pubertät ‚vernünftig‘ und besonnen. Das Problem ist nur: ein solches Kind hätte sich in der Menschheitsgeschichte nie und nimmer erfolgreich entwickelt.“

Dr. Herbert Renz-Polster

Am 9. März besuchte der Arzt St. Pölten und hielt einen Vortrag bei der Veranstaltung „Born to be wild – Kinder und Jugendliche verstehen“.

Viel Glück – die ungewisse Zukunft wartet

In seinem anderthalbstündigen Vortrag ging Renz-Polser darauf ein, wie Eltern ihre Kinder auf die Zukunft vorbereiten können – und wünschte den Anwesenden dabei, durchaus fröhlich

sarkastisch, „viel Glück“. Die Zukunft sei Neuland, sie entstehe unter unseren Füßen. Wir können heute nicht wissen, wie das Morgen aussehen wird. Die Kinder müssen dieses „Neuland“ eines Tages selbst besiedeln, erforschen und sich darin zurechtfinden.

Eltern versuchen ihre Kinder so zu erziehen, dass sie eines Tages ihr Leben selbstständig meistern können. Vielen Eltern stellt sich im Laufe ihres Lebens die Frage, wie sie dies am besten bewerkstelligen können.

Definitiv klar ist für Dr. Renz-Polster, dass man Kinder nicht auf die Zukunft vorbereiten kann, indem man vorgefertigte Programme durcharbeitet. Es sei unwichtig, wie schnell ein Kind seinen Zahlenraum erweitere. Dadurch erweitere sich der Horizont des Kindes nicht. Zumindest nicht in dem Ausmaß, das erforderlich sei, um später im Leben auf plötzlich auftretende Probleme und Situationen angemessen zu reagieren.

Eltern müssen Kinder auf „das Ungewisse“, die unbestimmte Zukunft, das Neuland vorbereiten.

Selbstvertrauen und Rückhalt stärken

Wichtig sind „leuchtende Augen“ – ein Kind, das keine Angst hat, Neues zu versuchen, das sich Dinge zutraut, das innerlich stark ist. Kinder sollen Menschen werden, die mutig sind, die, wenn die Dinge einmal doch nicht wie gewollt ablaufen, sagen: „Egal, das bekomme ich schon wieder irgendwie hin.“!

Kinder sollten die Erfahrung machen, dass jemand für sie da ist, wenn es nicht gut läuft. Sie brauchen Nähe, ein „Sicherheitsnetz“. Diese Kinder sind bereit, sie lernen, machen Erfahrungen und testen Grenzen aus.

Ich brauche dich. Ich brauche dich nicht.

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Kinder sind von Geburt an von den Eltern abhängig. Sie kommen auf die Welt, können weder den Kopf halten noch ihre Körpertemperatur regulieren. Sie sind im Vergleich zu vielen Tierkindern ständig auf die Mutter, den Vater angewiesen.

Ab einem gewissen Alter kann man bei Kindern aber durchaus widersprüchliche Signale feststellen. Einerseits sind sie stark abhängig von der Nähe und der liebevollen Wärme der Eltern. Auf der anderen Seite möchten sie Abstand um sich, unabhängig von den Erwachsenen, die Welt anzusehen und zu erforschen. Sie möchten sich selbst und ihre Grenzen kennenlernen.

Nähe, solange sie das Kind einfordert

Es sei laut Dr. Renz-Polster ein weit verbreiteter Irrglaube im deutschsprachigen Raum, dass man die Nähe reduzieren muss, damit das Kind selbstständig wird.

Er erzählt davon, dass beispielsweise in vielen Familien davon ausgegangen wird, dass man Kindern früh beibringen muss, alleine zu schlafen, da sie sonst nicht lernen mit ihren Gefühlen selbst klarzukommen. Die Eltern glauben auch, dass wenn sie nachgeben und das Kind bei sich im Bett schlafen lassen, es nie lernt wer „das Sagen“ hat.

Born to be wild – Geborgen um zu toben - meinefamilie.atRenz-Polster ist der Meinung, dass dieser Glaube kulturell bedingt ist. Hätte man in der Steinzeit so gehandelt und das Neandertalerkind alleine in einer Höhle gelassen, wäre es mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwann von einem wilden Tier oder einem Insekt getötet worden. Aus dieser grauen Vorzeit stammt das Bedürfnis der Babys und Kinder immer in der Nähe der Eltern zu sein – vor allem in Momenten, in denen sie sich verwundbar fühlen.

Achtung Verwöhnungsgefahr?!

Viele Eltern sind außerdem davon überzeugt, dass es als Verwöhnen gilt wenn man Dinge für das Kind tut, die es eigentlich schon selbst kann. Zum Beispiel möchten viele Kinder, obwohl sie selbst schon gehen können, von Zeit zu Zeit getragen werden.

Ab wann beginnt die Verwöhnung? Renz-Polster gibt zu bedenken, dass man auch für den Partner oder die Partnerin oft Dinge tut (obwohl der Partner erwachsen ist und seine Angelegenheiten sehr wohl auch alleine regeln könnte). Wieso sollte man also für sein eigenes Kind nicht ab und zu Dinge tun, die es auch schon alleine tun könnte?

Dr. Renz-Polster betont, dass viele Bedürfnisse sozusagen „aus der Urzeit“ stammen.

Zum Beispiel möchten Kinder oft getragen werden, wenn sie müde sind oder wenn es draußen dunkel wird. Der Grund dafür ist nicht immer einfach in „Faulheit“ zu finden, sondern stammt aus der Vorzeit. In der Steinzeit lauerte in der Dunkelheit vielleicht der Säbelzahntiger und andere Tiere! Heutzutage gibt es natürlich andere Gefahren – die des Autoverkehrs zum Beispiel.

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Kinder sind kleiner als die Erwachsenen, Autos auf der Straße sind groß, laut und gefährlich. Kinder wissen, dass sie im Straßenverkehr vorsichtig sein sollten.Werden sie jedoch müde, steigt auch die Unachtsamkeit. Sie möchten von den Eltern getragen werden – zum Schutz vor den Gefahren. Natürlich könnten sie selbst gehen, doch wenn sie von den Eltern getragen werden, befinden sie sich in Sicherheit vor den Autos und oder dem Unbekannten in der Dunkelheit.

Ein Kind, das auf seine Eltern zurückgreifen kann, wenn etwas schief geht, wenn es müde wird oder wenn es Angst hat, fühlt sich geborgen. Fühlen sich Kinder wohl, möchten sie die Welt entdecken. Fühlen sie sich in Beziehungen gut aufgehoben, dann werden sie mutig.

Kinder brauchen also Bindung und Freiheit gleichzeitig – aber nicht die Eltern machen das Kind stark – das macht es selbst!

Renz-Polster betont, dass wir Kinder nicht stark machen können – das müssen die Kinder selbst tun. Sie müssen sich bewähren, lernen mit sich selbst zurechtzukommen. Im Laufe ihres Lebens lernen sie ihre Impulswelt zu kontrollieren, um sie ihre Ziele zu erreichen. Kinder müssen selbst lernen in welchen Situationen sie ängstlich sein müssen und in welchen nicht. Sie müssen erkennen, wann sie impulsiv sein können und wann sie ihre Impulsivität zügeln müssen – und in welchem Ausmaß.

Kinder brauchen die Freiheit ihre Grenzen auszureizen und das Wissen, dass ihnen die Nähe und Beziehung zu den Eltern, ihrem Sicherheitsnetz, sicher ist.

Kinder die sich geborgen fühlen, lernen und erforschen die Welt – und bereiten sich selbst auf die Zukunft vor.

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EIN ARTIKEL VON
  • Ernestine Fournarakis

    Ich bin Referentin für Online-Projekte in der Diözese St. Pölten. Das Schreiben zählt seit jeher zu meinen liebsten Beschäftigungen. Umso mehr freut es mich, dass ich nach Abschluss meines Studiums einen Beruf gefunden habe, der sich mit meinem Hobby kombinieren lässt.


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