3. Januar 2016

Wie funktioniert religiöse Erziehung im Alltag?

Religiöse Erziehung - meinefamilie.at

“Religiöse Erziehung ist völlig unkompliziert!”, sagt Religionspädagoge Albert Biesinger und stellt einfache religöse Rituale für den Familienalltag vor.

Religiöse Erziehung muss weder kompliziert noch eine Belastung sein. „Ich muss nicht denken, schon musikalische Früherziehung und alles Mögliche machen zu müssen – und dann auch noch religiöse Bildung“, meint der Religionspädagoge Albert Biesinger. Stattdessen verlaufe religiöse Bildung über Rituale, die alltagstauglich sind und die von Anfang an in den Familienalltag integriert werden können.

Religiöse Erziehung: Das Kind segnen

Albert Biesinger: „Es gibt einfache und unkomplizierte Rituale wie das Segnungsritual. Wenn das Kind morgens aus dem Haus geht, segne ich das Kind. Das kostet weder Zeit noch Geld und das Kind verlässt behütet das Haus. Damit kann schon ganz klein begonnen werden. Auch wenn Kinder noch nicht reden können, nehmen sie die Segnung wahr.“

Vor dem Essen beten

Albert Biesinger: „Vor dem Mittagessen geben wir uns die Hände und beten gemeinsam:

Jedes Blümlein hat sein Essen,
jedes Tierlein trinkt von dir,
hast auch meiner nicht vergessen,
lieber Gott, ich danke dir.

Sobald das Kind im Hochstuhl mit am Tisch sitzt, kann das Händereichen losgehen. Als ich einmal telefoniert habe und dann zum Essen gekommen bin, hat meine dreijährige Tochter gesagt: ‚Papa, beten!‘ Da hat sie bestimmt, dass ich erstmal zu beten habe. Das ist so erfreulich und spielerisch.“

Tagesrückschau vor dem Schlafengehen

Albert Biesinger: „Am Abend sitze ich am Bett meiner Tochter und frage sie: ‚Was war heute schön, was war nicht so schön?‘ Da sagt sie:

‚Lieber Gott, heute war es nicht schön! Der Moritz hat mich gehaut, da hab ich ihn auch gehaut. Gute Nacht.‘

So entsteht das Klagegebet eines kleinen Mädchens, das war für mich faszinierend. Dieses Ritual ist auch psychohygienisch wichtig. Ich sage manchen Eltern: ‚Manche zahlen lieber einen Psychotherapeuten, anstatt sich am Abend an das Bett ihres Kindes zu setzen und seine Ängste abzufangen.‘

Bei diesem Abendritual überlegen wir auch, was wir heute gemacht haben, zum Beispiel: ‚Dass wir heute ein Reh gesehen haben – lieber Gott, dafür danken wir dir. Oder dafür, dass die Oma da war.‘ Ich habe mit den Kindern immer frei und alltagsnah gebetet. Religiöse Erziehung ist völlig unkompliziert!“

Religiöse Feste im Kindergarten & interreligiöser Austausch

Wenn im Kindergarten Kinder unterschiedlicher Religionen zusammenkommen, sei es wichtig, die religiöse Ebene nicht zu unterdrücken, sagt Albert Biesinger zum „gesellschaftsrelevanten, heiklen Thema“. Während wir Christen zu Weihnachten den Geburtstag von Jesus feiern, feiern Muslime am Ende des Ramadan das Zuckerfest – im Kindergarten solle beides angesprochen werden:

„Warum soll sich das christliche Kind nicht orientieren dürfen, was wir an Weihnachten feiern? Und warum soll es nicht wissen dürfen, was das Zuckerfest ist? Jeder ist beim Fest des anderen eingeladen, dann kann die nachwachsende Generation lernen, was die einen glauben und was die anderen glauben.“

Gerade für Muslime, die bei uns leben, sei es wichtig, den Hintergrund für christliche Feste zu erfahren, denn „den Weihnachtsrummel erleben sie hier sowieso“, erklärt Biesinger. Wenn er selbst in Kindergärten als Nikolaus unterwegs ist, sei es ihm wichtig, dass auch muslimische Kinder das Nikolausritual miterleben dürfen. „Der Bischof hat in der heutigen Türkei gewohnt, darüber freuen sich zum Beispiel die muslimischen Burschen. Die Kinder singen ihre Lieder, bekommen ein kleines Geschenk und werden von mir gesegnet. Den muslimischen Kindern lege ich eben stattdessen die Hand auf und sage: ‘Gott beschütze dich.’“

Bei diesem Thema entscheide sich auch, ob es später in der Gesellschaft gesittet zugehe oder nicht – denn Religion könne gefährlich sein. So müsse man eine Würdigung der anderen Religion schon von klein auf lernen, um „nicht zu sagen, das sind die komischen Muslime, die ein Zuckerfest feiern oder das die komischen Christen, die einen Lichterumzug machen. Die muslimischen Kinder sind auch begeistert, wenn sie beim Martinsumzug mitmachen dürfen. Kinder sind ja ganz neugierig.“

Albert Biesinger, geb. 1948, ist Theologe und emeritierter Professor für Religionspädagogik an der Universität Tübingen. Der vierfache Vater ist Autor zahlreicher Bücher zur religiösen Erziehung in der Familie.

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EIN ARTIKEL VON
  • Lucia Reinsperger

    Bevor ich journalistisch tätig wurde, machte ich die Ausbildung zur Kindergarten- und Hortpädagogin, leitete verschiedene Kindergruppen und arbeitete als Medienpädagogin. Nach Abschluss meines Journalismus-Studiums unterstütze ich nun mit Freude die Redaktion von meinefamilie.at.


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