6. Oktober 2015

Kindern von Gott erzählen?


Eltern fühlen sich selbst nicht gläubig genug, um den Glauben an ihre Kinder weiterzugeben; sehen Religion als Thema für Erwachsene oder sich selbst nicht in der Lage, Kinderfragen zu Gott beantworten. Der Tübinger Religionspädagoge Albert Biesinger hält diesen Argumenten entgegen: Schon Kinder denken über Gott nach und brauchen von Anfang an religiöses Handwerkszeug – später könnten sie immer noch selbst entscheiden. Der Bestsellerautor von „Kinder nicht um Gott betrügen“ im Interview.

Wie fängt religiöse Kindererziehung an?

Albert Biesinger: Grundsätzlich habe ich die theologische Verheißung im Hinterkopf, dass Gott diesen Mann und diese Frau ganz persönlich berührt, wenn er ihnen ein Kind anvertraut. Natürlich zeugen die Eltern die Kinder, aber da steckt ein größeres Geheimnis dahinter:

Warum kommt gerade dieses Kind zu mir, gerade zu dieser Zeit? Der Schöpfer der Welt berührt dieses Paar. Diese Gottesberührung muss ich nur bewusst verstehen!

Schon bei der Geburt ist es wichtig, dass die Eltern das Kind segnen. Wenn das Kind vom Krankenhaus heimkommt – ich hab das selbst erlebt, wir haben vier Kinder – am Abend zum Bett des Kindes setzen, in das Gesicht des schlafenden Kindes schauen und das Kind Gott anvertrauen, ihm ein Kreuz auf die Stirn machen.

Religiöse Erziehung muss alltagstauglich sein, niederschwellig und unkompliziert. Sie kann sehr zur Verschönerung der Paarbeziehung und des Familienlebens beitragen. Es wird ein noch größerer Horizont, wenn ich das Kind segne. Das ist ein frühes Ritual, das ich Eltern empfehle und selbst auch gemacht habe.

Was, wenn Eltern sagen, sie seien nicht religiös genug, hätten selbst nicht genug Beziehung zu Gott, um ihr Kind religiös zu erziehen und zu segnen?

Albert Biesinger: Das höre ich natürlich immer wieder. Aber jeder kann das Kind segnen! Das heißt, ich meine es gut mit dir, ich habe gute Wünsche für dein Leben und ich stelle dich unter den Schutz Gottes.

Ich weiß zwar nicht genau, wie Gott aussieht und ob es ihn gibt, aber zur Vorsicht stelle ich dich unter seinen Schutz.

Man kann das ganz offen handhaben, nicht eng kirchlich, es ist eine spirituelle Verheißung, die ich dem Kind mitgebe. Manche segnen ohne Kreuzzeichen, wenn sie es zu fromm finden, und streicheln das Kind.

Manche Eltern sagen, das Kind soll später selbst entscheiden können, ob es an Gott glauben möchte. Das kann ich ihm als Elternteil doch nicht vorwegnehmen – oder?

Albert Biesinger: Dazu muss ich sagen, ich habe nicht nur Theologie, sondern auch Psychologie und Pädagogik studiert. Es ist entwicklungspsychologisch falsch. Das Kind muss, um ins Leben hineinzufinden, daran teilnehmen, was ich ihm als Elternteil mitgeben möchte: meine Sprache, die Atmosphäre in der Familie, mein Lächeln – und auch meine großen Hoffnungen für das Leben über den Tod hinaus. Wenn ich Kinder so erziehe, dass ich sage: „Über Gott reden wir nicht, denn dazu musst du erst groß sein“ – dann führt das zu einer religiösen Entbehrungssituation.

Die Kinder brauchen in der multireligiösen Gesellschaft Orientierung. In diesem Jahrhundert ist Religion wahnsinnig wichtig, ob man will oder nicht – Muslime werden das Thema Religion präsent machen. Religiöse Bildung ist für diese Generation unerlässlich.

Ihr Buch „Kinder nicht um Gott betrügen“ thematisiert religiöse Kindererziehung und ist zum Bestseller geworden. Was ist die Hauptaussage für Eltern?

Albert Biesinger: Die wichtigste Aussage ist: Wenn du deinem Kind den Weg zu Gott verbaust, nimmst du ihm große Verheißungen weg. Du nimmst ihm Koordinaten weg, mit denen es die Welt viel weiter deuten kann und die ihm Religionen geben können. Das Christentum sagt: Du bist kein Zufallstreffer deiner Eltern, du bist von Gott geliebt. Kinder können später immer noch sagen, dass sie das nicht interessiert. Ansonsten gibt man ihnen gar nicht die Möglichkeit, religiöse Kompetenz zu erlernen, um beispielsweise religiöse Vielfalt zu verstehen.

Für eine Studie haben wir in Tübingen Kindergartenkinder befragt. Zum Beispiel haben fünf Kinder untereinander diskutiert: „In Berlin heißt der Gott Jesus, in Thailand heißt der Gott Buddha. Und in Arabien, da heißt der Gott Allah.“ Ein anderes Kind sagt: „Mein Papa sagt, den Gott gibt’s sowieso nicht.“ Und ein anderes: „Mein Papa schmeißt sich fünfmal am Tag auf den Boden.“ Die Kinder sind untereinander schon am Theologisieren, nehmen die Unterschiede auf und machen sich einen Reim daraus. Sie verletzen sich auch nicht gegenseitig. Da hat kein Kind zu einem anderen gemeint, es sei ein Mist, was du sagst. Sie haben locker über die religiösen Themen diskutiert. Wenn man dann sagt, sie sollen warten, bis sie 18 sind, ist das längst vorbei! Sie brauchen die religiöse Erziehung jetzt, in der Situation, in der sie mit den Fragen konfrontiert sind.

Wenn ich meinem Kind von Gott erzähle, habe ich als Elternteil womöglich Sorge, Fragen gestellt zu bekommen, die ich selbst nicht beantworten kann.

Albert Biesinger: Das kann einerseits sein. Aber Kinder brauchen zunächst einfach jemanden, der ihnen zuhört und der ihnen signalisiert: Die Frage ist wichtig. Ich bin zwar Theologe, wusste aber bei unseren Kindern trotzdem nicht immer eine Antwort. Einmal hat mich mein Sohn gefragt: „Papa, was ziehen denn die Engel im Himmel an, wenn sie am Sonntag Halleluja singen?“ Da hab ich erst nicht gewusst, was ich sagen soll. Dann hab ich zurückgefragt: „Denk dir mal selbst, was werden sie wohl anziehen?“ Mein Sohn hat gesagt: „Natürlich ein weißes Kleid!“ Er hat die Antwort schon gewusst, aber er wollte das mit mir diskutieren. Deshalb ist es ganz gut, wenn wir eine Frage auch nicht gleich beantworten können. Es können auch Fragen kommen wie „Warum müssen wir sterben? Warum, Papa, sterben die Menschen?“ Wenn ich sterbe, dann gehe ich zum lieben Gott, kann ich da sagen. Mehr will er nicht wissen, geht wieder spielen. Nach sechs Wochen kommt er wieder.

Es geht nicht darum, immer fertige Antworten zu haben, sondern im Dialog zu bleiben. Ich kann auch sagen, da muss ich mal darüber nachdenken. Oder fragen, was das Kind schon selbst dazu gedacht hat. Da bin ich auch ganz entspannt. Auch die Eltern setzen sich nochmals mit dem Thema auseinander, durch Kinderfragen werde ich neu gefordert. Doch sie brauchen sich keinen Druck zu machen.

Albert Biesinger, geb. 1948, ist Theologe und emeritierter Professor für Religionspädagogik an der Universität Tübingen. Der vierfache Vater ist Autor zahlreicher Bücher zur religiösen Erziehung in der Familie.

Wir empfehlen auch: Kinder fragen nach Gott

Buchempfehlungen

Kinder nicht um Gott betrügen. Warum religiöse Erziehung so wichtig ist.
Albert Biesinger
Verlag Herder
180 Seiten
ISBN: 978-3-7022-3378-5
€ 14,99.

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Wenn Kinder nach Gott fragen. Orientierung für Eltern. 
Albert Biesinger, Edeltraud & Ralf Gaus
Verlag Herder
256 Seiten
ISBN: 978-3-451-32672-1
€ 19,99

Im Buch “Wenn Kinder nach Gott fragen” erhalten Eltern Informationen zu den großen Fragen: Warum hat Gott die Welt gemacht? Hört Gott uns, wenn wir beten? Und: Warum müssen wir sterben? Die Kapitel sind gegliedert in “Das wissen wir dazu” – Hintergrundinformationen, “Das hat mit uns zu tun” – was es für uns bedeutet, “Das sollen Kinder verstehen” – was man Kindern zum Thema erklären kann, sowie “Das können wir miteinander tun” – praktische Anregungen.
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EIN ARTIKEL VON
  • Lucia Steindl

    Bevor ich journalistisch tätig wurde, machte ich die Ausbildung zur Kindergarten- und Hortpädagogin, leitete verschiedene Kindergruppen und arbeitete als Medienpädagogin. Nach Abschluss meines Journalismus-Studiums unterstütze ich nun mit Freude die Redaktion von meinefamilie.at.


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