28. Mai 2015

Im Gebet bitten und Kraft tanken


Gott möchte durch unser Gebet zur Welt sprechen. Was ist das Gebet? Worum kann ich bitten? Warum ist das gemeinsame Gebet wie die Verlängerung unserer Ehe?

Das gemeinsame Gebet ist wie die Verlängerung unserer Ehe. Im Gebet teile ich dem Partner meine Seele mit. Wir werden zu einer einzigen Realität. Unser Leben erreicht dadurch nicht nur eine neue Tiefe, es wird auch zu einem Ausstrahlungsherd der Freude und bringt Früchte in der Begegnung mit anderen. Im Gebet versetzen wir uns in die Gegenwart Gottes, wir beten ihn an, wir loben und preisen ihn. Unsere Liebe wird zu einem Zeichen der Dankbarkeit für seine Liebe, da er uns als Erster geliebt hat. Durch unser Gebet sagen wir ihm, dass wir mit ihm unseren Lebensweg gehen wollen, dass wir ohne ihn zu der Liebe, wie er sie von uns erwartet, gar nicht fähig sind.

Für uns Eltern ist es ein besonderes Vorrecht, dass wir gemeinsam für unsere Kinder beten dürfen: im Danken für ihr Dasein, in der Fürbitte für ihre richtige Berufswahl, für die Wahl ihres Lebenspartners, um Schutz und um Bewahrung vor dem Bösen, sobald sie das sichere Nest ihres Elternhauses verlassen haben… Dabei dürfen wir das feste Vertrauen haben, dass Gott unsere Gebete hört und dass wir empfangen werden, worum wir ihn bitten (Mk 11,23-24).

Das Gebet für andere ist wie ein Blankoscheck

Unser Gebet kann auch in eine Bitte für andere Menschen, die uns nahe stehen, einmünden. Ein Gebet für andere ist wie ein Blankoscheck. Wir schicken ihnen unsere Liebe, unsere Energie. Wir können für sie bitten um Kraft in einer schweren Situation, wenn sie selbst nicht mehr weiter wissen. Was sie mit diesem Blankoscheck anfangen, ist ihre Sache. Sie können diese Gebets-Energie benutzen, um Klarheit zu finden, neue Entscheidungen zu treffen oder auch nicht.

Dieses einmütige Herz im Gebet berührt die tiefste Schicht unseres menschlichen Seins. Im Danksagen erkennen wir all die Gaben an, die wir von Gott erhalten haben. “Was hast du, das du nicht empfangen hättest?”, sagt die Schrift (1 Kor 4,7). Es ist das Geschenk der gegenseitigen Liebe, des göttlichen Lebens, das uns formt durch das ständige Wirken des Herrn.

Gebet ist Dialog mit dem Herrn

Im Dialog mit unserem Herrn dürfen wir um all das Gute bitten, das uns fehlt; um jene Liebe, die durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen ist, damit wir in dieser Liebe wachsen, sowohl in ihrer menschlichen als auch in ihrer göttlichen Dimension. Deshalb dehnt sich unser Gebet auf die ganze Menschheit aus. Die Armseligkeit der Welt wird durch uns gegenwärtig vor der Barmherzigkeit des Vaters. Unser Gebet ist beladen mit der Last, die die Menschheit zu erdrücken droht, ohne dass wir einen Unterschied machen wollen zwischen den Schmerzen und jenen, die diese verursachen, zwischen den Unterdrückten und den Unterdrückern. Weil wir wissen, dass der Himmlische Vater seine Sonne über Gute und Böse aufgehen lässt.

Dieses Fürbittgebet soll letztlich niemanden ausschließen, wie es Paulus als Hoffnung für alle im Ersten Timotheusbrief empfiehlt: „Betet für alle Menschen; bringt eure Bitten, Wünsche, eure Anliegen und euren Dank für sie vor Gott. Betet besonders für alle, die in Regierung und Staat Verantwortung tragen, damit wir in Ruhe und Frieden leben können, ehrfürchtig vor Gott und aufrichtig unseren Mitmenschen gegenüber. So soll es sein, und so gefällt es Gott, unserem Retter. Denn er will, dass alle Menschen gerettet werden und seine Wahrheit erkennen“ (1 Tim 2-7). Deshalb ist das Beten keine fromme Selbstbeschäftigung oder das Steckenpferd einiger besonders Frommer, sondern ein Auftrag Gottes.

Gebet ist die wirkungsvollste Waffe

Nach seinem Willen sollen aufgrund unserer Fürbitte Dinge geschehen, die sonst nicht eintreten würden. Manchmal fragen wir uns: Sollen wir auch für solche Staatsmänner beten, die uns hochgradig suspekt und skrupellos erscheinen? Vielleicht müssen wir manche Politiker ja einfach wegbeten. “Unsere Waffe ist es, dass wir keine Waffe haben”, rief Martin Luther-King seinen aufgebrachten Leidensgenossen zu, die bereits Messer und Stöcke gesammelt hatten, um loszuschlagen. Dann zeigte er mit diesen Worten die Richtung an: „Gefaltete Hände sind stärker als geballte Fäuste.“ Carlo Caretto, ein italienischer Wüsten-Mönch, hat einmal den provozierenden Satz geprägt: “Wir sind das, was wir beten.” In der Tat, ob und wie wir beten, lassen sich unsere Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen wir für uns selbst und für andere Menschen ablesen.

Während für viele Menschen heute Gott schweigt, weil sie seine Stimme nicht mehr zu hören vermögen, möchte er gerade durch unser Gebet, und durch unser Wohlwollen zu der Welt sprechen. Damit dürfen wir zu einer lebendigen Bibel, zu einer Botschaft Gottes werden, lesbar für die Menschen unserer Zeit.

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EIN ARTIKEL VON
  • Karl-Heinz Fleckenstein

    Als ich das erste Mal 1981 eine Pilgergruppe ins Heilige Land führte, fand ich meine Ehefrau Louisa. Seit dieser Zeit führen wir gemeinsam Pilgergruppen auf die Spuren der Bibel. Als Theologe und Reiseleiter fand ich hier auch meine “wahre” Heimat.


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