10. Juli 2016

Eine Gute-Nacht-Geschichte: Im Dämmerland

Im Dämmerland - meinefamilie.at

Im Dämmerland gibt es kein Licht und keine Farben. Niemand dort ist glücklich. Doch der König von Sonnenland auf der anderen Seite des Berges sucht einen Weg um den Bewohnern die Sonne zu bringen.

Es war einmal das Dämmerland. Dämmerland ist ein kleines Land, eigentlich nur ein einziges Tal, das rundum von hohen, mächtigen Bergen umgeben ist. Die Berge reichen bis in den Himmel. Sogar zu Mittag, wenn die Sonne ihre hellen Strahlen steil vom Himmel sendet, kommt in Dämmerland fast kein Licht an. Immer wirft irgendein Berg seinen Schatten auf das kleine Land. Deswegen heißt das Land Dämmerland.

Keine Farben und keine Freude

Ständig ist es dunkel und jeder Bewohner von Dämmerland muss gut aufpassen, dass er nicht stolpert oder mit jemandem zusammenstößt. Weil es immer finster ist, gibt es in dem kleinen Land keine Farben. Alles ist grau in grau. Die Häuser: grau, die Blumen und die Bäume: grau, die Tiere: grau und auch die Bewohner von Dämmerland: grau in grau. Es gibt keine Farben und keine Freude.

Nur ganz selten hört man die Bewohner von Dämmerland lachen. Dann schauen alle anderen gleich ganz böse. So etwas macht man nicht in Dämmerland.

Die Bewohner müssen viel arbeiten. Sie haben schmutzige Gewänder, ihre Haare sind lang und unordentlich. Waschen tun sie sich auch kaum. Noch nie hat ein Bewohner von Dämmerland gebadet. Das alles macht aber nicht viel, schließlich sehen sich die Bewohner von Dämmerland nur als graue Schatten. Da fällt der Schmutz nicht auf. Nein, Dämmerland ist kein schönes Land.

Die Sonne scheint auf der anderen Seite

Und doch gibt es rund um Dämmerland, auf der anderen Seite der Berge ein großes, weites, helles Sonnenland. Bunte Blumen, Schmetterlinge und Vögel erfreuen die Bewohner in diesem Land. Die warme Sonne lacht den ganzen Tag vom Himmel und strahlt mit den Bewohnern von Sonnenland um die Wette. Immer wird irgendwo gesungen oder getanzt. Einfach so, aus lauter Freude. Das ganze Land ist ein Singen und Lachen, dass es eine Freude ist.

Nur einer in Sonnenland ist manchmal ein klein wenig traurig. Es ist der König. Oft denkt er daran, wie es in Dämmerland aussehen muss. Die Bewohner dort tun ihm leid. So gerne hätte er ihnen geholfen, hätte auch ihnen Licht und Wärme gebracht. Der König möchte, dass alle Bewohner seines Reiches froh und glücklich sind. Auch die von Dämmerland sollen sich freuen, singen, jubeln und tanzen.

Immer wieder lässt sich der König zu den großen, mächtigen Bergen fahren. Hundertmal schon ist er rund um das Gebirge gefahren auf der Suche nach einer Straße, einem Weg oder zumindest einen schmalen Riss zwischen den Bergen. Hundertmal ist er traurig wieder nach Hause gefahren. Nicht einmal eine kleine Maus kann von Sonnenland nach Dämmerland.

Eine Karte weist den Weg nach Dämmerland

Als der König eines Tages von einer Fahrt zu den Bergen zurückkommt, läuft ihm der Königssohn über das ganze Gesicht strahlend und glücklich entgegen. In der Hand hat er ein altes Pergament. Damit winkt er dem König.

Es ist eine Karte von Sonnenland. Dämmerland ist ebenfalls eingezeichnet. Und… das kann doch nicht wahr sein. Der König schaut sich die Karte an und stutzt. Wirklich, es muss wahr sein.

Er beginn zu jauchzen, singt und jubelt und tanzt bald mit dem Königssohn vor dem Palast auf und ab. Ein solcher Freudenausbruch ist sogar für Sonnenland ungewöhnlich. So strömt das Volk von Sonnenland zusammen und jeder hört die tolle Nachricht: In alter Zeit gab es durch die mächtigen Berge hindurch einen Tunnel. Sonnenland und Dämmerland waren einst miteinander verbunden. Jubelnd machen sich alle auf den Weg. Bald klopfen und hämmern und schaufeln sie, dass es eine Freude ist. Wirklich entdecken sie bald den vergessenen Tunnel. Es dauert nicht lange und sie brechen nach Dämmerland durch.

Ein Mädchen sieht das warme Licht

Voller Freude springt der Königssohn durch das Loch. Hinter ihm drängt eine lachende, helle, bunte Schar nach Dämmerland. Weithin erhellen ihre Sonnenlampen das Tal. „Ihr seid gerettet, ihr seid gerettet“, jubeln sie.

Doch die Bewohner von Dämmerland freuen sich überhaupt nicht. Zuerst sind sie vom Licht ganz geblendet und hören bloß das Lachen und Jubeln. Dann beginnen sie langsam zu sehen. Sehen die hellen Farben, die fröhlichen Bewohner von Sonnenland, und sie sehen ihren eigenen Schmutz, die geflickten grauen Kleider.

Da werden die Bewohner von Dämmerland zornig. „Wer soll denn das sein, freche bunte Eindringlinge. Was bilden die sich ein.“ Voller Wut nehmen die Grauen von Dämmerland Steine in die Hand und werfen nach den bunten Sonnenlandbewohnern. Bald sind diese aus Dämmerland hinausgedrängt. Dort ist es wieder grau und grau.

Über die zurückgelassenen Werkzeuge und Sonnenlampen wird ein großes Zelt aufgebaut, damit ja kein Lichtstrahl nach Dämmerland dringt. Unbemerkt wird dabei auch der Königssohn im Zelt gefangen. Alleine im traurigen Dämmerland beginnt auch der sonst so fröhliche Königssohn zu weinen. Das hört ein kleines Mädchen und kriecht neugierig in das Zelt. Als es das Licht sieht, möchte es davon laufen. Es weiß: „Hier darf ich nicht sein.“

Dann aber bemerkt es den weinenden Königssohn und bekommt Mitleid. Langsam kriecht es näher. Eigenartig, das Licht im Zelt tut nicht weh in den Augen. Es ist ein sanftes, warmes Leuchten. Fast scheint es vom Königssohn selbst auszugehen.

Das Licht ist stärker als die Angst

Zum ersten Mal sieht das Mädchen, dass ihr Kleid Farben hat. Das Mädchen staunt. Nicht einmal der Schmutz und die vielen unordentlichen Flicken stören in dem weichen, warmen Licht. Es sieht nur die Farben. Da beginnt der Königssohn zu lächeln. Er streckt die Hand aus. Vorsichtig, zögernd kommt das Mädchen näher.

Doch dann sieht es in die guten Augen des Königssohnes und weiß: Es ist gut, es ist gut, dass der Königssohn da ist, es ist gut, dass es das sanfte, weiche Licht gibt. Dieses Licht, das weiß das Mädchen, müssen alle sehen. Hand in Hand gehen sie aus dem Zelt hinaus.

Da treffen sie einen Hirten, der seine grauen Tiere weidet. Es dauert nicht lange und auch er ist vom weichen Licht des Königssohnes verzaubert und geht mit. Dann treffen sie einen Bauern. Auch er kann dem warmen Licht nicht widerstehen. Immer größer wird die Schar der Bewohner Dämmerlands, die hinter dem Königssohn hergehen. Von allen Seiten kommen sie gelaufen. Alle wollen den Königssohn sehen und werden von ihm verwandelt.

Schließlich führt der Königssohn die ganze Menge in den Tunnel. Am anderen Ende, in Sonnenland, hat der König ein großes Zelt bauen lassen. In ihm ist es angenehm dämmrig. Er möchte die Bewohner von Dämmerland durch die helle Sonne nicht erschrecken. Viele Badewannen sind da und neue, bunte Gewänder.

Als sich die Bewohner von Dämmerland anschauen, gewaschen, ordentlich frisiert, mit frischen Kleidern, da entdecken sie, wie schön sie sind. Voller Freude schauen sie sich an und strahlen. Und auch der Königssohn und der König strahlen und mit ihnen alle Bewohner von Sonnenland.

Eine weitere Gute-Nacht-Geschichte: „Das Geschenk“

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EIN ARTIKEL VON
  • Michael Scharf

    Als Priester durfte ich den Großteil meines Lebens Familien, Kinder und Jugendliche begleiten. Ich habe viel von Kindern und Jugendlichen gelernt: im Kindergarten, in der Schule, in Gruppenstunden, auf Wallfahrten und Lagern. Derzeit darf ich Jugendseelsorger der Erzdiözese Wien sein.


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