15. Februar 2017

Albert und Julia Biesinger: „Zeit für religiöse Erziehung nehmen“

Zeit für religiöse Erziehung nehmen - meinefamilie.at

Wie können Eltern ihre Kinder heute religiös erziehen? Alltagstauglich und unkompliziert, betonen die Pädagogen Albert und Julia Biesinger: über das Vorleben christlicher Werte, religiöse Rituale im Alltag und Antworten auf Sinnfragen der Kinder.

Als Eltern übernehmen wir eine neue Verantwortung. Die Erwartungen, die andere oder auch wir selbst an uns stellen, können Druck erzeugen. Großeltern bedauern die fehlende religiöse Erziehung bei ihren Enkelkindern oder Eltern kommen nicht damit zurecht, dass die Großeltern nicht akzeptieren, dass die Enkel in einem anderen Glauben aufwachsen, oder die beiden Elternpaare wollen ihr Kind unterschiedlich religiös erziehen oder, oder, oder …

Unterschiedliche Auffassungen darüber, wie die religiöse Erziehung eines Kindes aussehen bzw. ob überhaupt eine religiöse Erziehung stattfinden soll, können zu Konflikten innerhalb der Familie führen.

Herausforderungen mit Grundvertrauen begegnen

Zeit für religiöse Erziehung nehmen - meinefamilie.atWir können nichts erzwingen; essentiell für eine gute Kommunikation und eine positive Beziehung trotz unterschiedlicher Glaubensentwürfe ist, dass wir den anderen so akzeptieren und respektieren, dass wir ihm seinen Glauben oder Nicht-Glauben zugestehen und empathisch mit ihm kommunizieren. Verständnis für den anderen aufzubringen heißt nicht, dass wir derselben Meinung sein müssen oder uns verstellen sollten, aber es ist die grundlegende Basis dafür, dass wir uns öffnen und ein Austausch stattfinden kann, bei dem die Bedürfnisse unseres Kindes im Mittelpunkt stehen und es von allen Seiten aus dazulernen und seinen eigenen Weg finden kann.

Wichtig ist, dass wir unserem Kind auf seinem Weg Grundvertrauen und Orientierung geben und dass wir es nicht in etwaige Konflikte geraten lassen, die unser Kind hin- und herzerren.

Es ist nicht falsch, wenn unser Kind erfährt, dass es verschiedene Ansichten zu Themen gibt – das ist die ganz normale Welt – wenn es gleichzeitig kennenlernt, wie wir positiv und konstruktiv mit den jeweils anderen Ansichten umgehen können, und unser Kind weiß, dass es sich seine eigene Meinung bilden und vertreten darf.

Wie wir uns und unsere Kinder auf diese Weise stärken, damit beschäftigt sich unser Elternbegleiter „Kindern Grundvertrauen und Orientierung geben“ (erscheint im März 2017).

Religiöse Erziehung im Alltag unterbringen

Eltern stehen in der heutigen Zeit mit der Erziehung ihrer Kinder vor einer großen Aufgabe, da verschiedene Herausforderungen auf sie warten. Oft bekommt man das Gefühl, dass religiöse Erziehung gar keinen Platz mehr hat. Und manchmal wissen wir Eltern auch nicht: „Wie genau kann ich denn jetzt mein Kind religiös erziehen?“ Umso wichtiger ist es, dass wir uns diesen Platz, diese Zeit für religiöse Erziehung nehmen. Religiöse Erziehung ist nicht schwierig und sie lässt sich leicht im Alltag unterbringen.

Grundlegend für eine gelingende Erziehung und damit auch für die religiöse Erziehung ist die Beziehung, die wir zu unserem Kind aufbauen. Eine intensive Beziehung zu unserem Kind und eine positive und offene Kommunikation stärkt und fördert unser Kind in seiner Person und in seinem Verhalten.

Christliche Werte vorleben

Wir können unserem Kind christliche Werte vorleben. Denn vieles lernt unser Kind auch dadurch, dass es uns oder andere beobachtet. Dies wird in der Psychologie Modelllernen genannt. Unser Kind „schaut sich Verhalten ab“ sozusagen.

Aus der Ritualforschung weiß man, dass Rituale Stabilität geben, die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern strukturieren und vor allem einen Überschuss an Sinn in das Leben des Kindes bringen.

Es sind vor allem folgende Rituale, die stressfrei und alltagstauglich die Kommunikation in der Familie stabilisieren und damit auch verschönern:

Zeit für religiöse Erziehung nehmen - meinefamilie.atDas Kind segnen

Segnen Sie Ihr Kind, wenn es morgens aus dem Haus geht: „Gott schütze dich“. Legen Sie ihm die Hand auf den Kopf oder geben Sie ihm ein Kreuzzeichen auf die Stirn. Kinder mögen dieses Ritual. Das Kind geht anders spirituell behütet aus dem Haus, als wenn man ihm lediglich sagt: „Mach’s gut“. Dies kann man ja sowieso sagen. Dies kann man ja immer sagen.

Tischgebet

Vor dem Essen: Wir reichen uns die Hände: „Jedes Tierlein hat sein Essen, jede Pflanze trinkt von dir, hast auch unser nicht vergessen, lieber Gott wir danken dir.“ Kinder mögen diese Rituale. Wenn man dann mal vergisst, ihnen die Hand zu reichen und mit ihnen ein solches Gebet zu beten, dann fordern sie dies manchmal geradezu ein.

Es gibt Gebetskärtchen, es gibt Gebetswürfel. Eltern können auch beten, wie es ihnen zumute ist: „Lieber Gott, wir danken dir, dass wir überhaupt etwas zu essen haben. Und wir bitten dich für die Kinder, die heute schon wieder hungern und wir ihnen nicht helfen können. Wir danken dir, dass wir gemeinsam am Tisch sitzen können. Amen.“

Rückschau am Abend

Ein sehr tiefgreifendes Ritual ist das sogenannte „Abendritual“: Mach dir deine eigene Tagesschau. Wenn Sie Ihrem Kind am Bett sitzend eine Geschichte aus der Kinderbibel vorlesen oder eben eine andere entsprechende Geschichte zum Ende des Tages, dann entsteht ein Ritual der Zuwendung und der Geborgenheit. Dem Kind die Gelegenheit zu geben, noch einmal den Tag anzuschauen und zurückzublicken ist auf jeden Fall psychohygienisch ein „Volltreffer“.

„Was war heute schön, was war nicht so schön?“ Ein fünfjähriges Kindergartenkind hat darauf spontan seinem Vater so geantwortet: „Lieber Gott, heute war es gar nicht schön. Der Moritz hat mich gehaut, dann habe ich ihn auch gehaut. Schlaf gut, lieber Gott.“ Es ist nicht schwer, mit einem Kind so den Tag abzuschließen. Das Kind wurde selber „Akteur“ und hat direkt mit Gott gesprochen und damit sein eigenes Abendgebet gebetet.

In die Kirche gehen

Mit Kindern in einer Kirche die Atmosphäre von Stille und Ruhe aufzunehmen und am Altar eine Kerze anzuzünden, ist für sie etwas ganz Hilfreiches und sie tun dies mehr als gern.

Kinder, deren Neugier wir unterstützen, saugen alles auf, was sie hören, sehen, erleben, und sie lernen dabei für ihr Leben.

Kinder haben religiöse Fragen

Kinder haben ihre ganz eigenen Bedürfnisse, haben Fragen, wenn sie etwas beschäftigt, und suchen nach Antworten. „Wo war ich eigentlich, als ich noch nicht da war?“, „Ist Gott ein Mann oder eine Frau?“, „Hört uns Gott, wenn wir zu ihm beten?“ „Warum müssen wir sterben?“, „Wenn der Opa auf dem Friedhof ist, wie kann er dann auch noch bei Gott sein?“, …

Kinder mit diesen elementaren Fragen ihres Lebens im Regen stehen zu lassen, ist unverantwortlich. Die Antworten können ja verschieden ausfallen. Es gibt keine Standardantworten auf sie – wie etwa auf die Frage: „Was ist 1+1?“ – Aber wir können mit unserem Kind über diese Fragen sprechen und unser Wissen und unseren Glauben mit einfließen lassen. Solche Kinderfragen jedoch einfach abzutun, sie als unwichtig betrachten oder Kindern zu signalisieren „Lass mir meine Ruhe“ ist pädagogisch wenig hilfreich.

In dem Band „Kinder nicht um Gott betrügen“ wird die Argumentation offen gelegt: Wir verbauen Kindern die weiten Horizonte religiöser Verheißungen über den Tod hinaus, wenn wir sie „um Gott betrügen“.

Natürlich ist das nicht juristisch gemeint. Millionen Kinder werden um Bildung, um Nahrung, um Freiheit und Glück betrogen. Wenn wir Kindern den Sinn-Überschuss, den religiöse Erziehung erbringt, verbauen, dann muss man wissen, was man tut.

Kraft fürs Leben gewinnen

Durch religiöse Bildung gewinnen Kinder, aber auch Eltern, Widerstandsfähigkeit und Kraft aus tiefen Quellen von Grundvertrauen und Geborgenheit in Gott. Allein schon der Gedanke, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, ist eine sprudelnde Kraft für die Lebensgestaltung.

Neuere Forschungen zu diesem Bereich belegen, dass der Glaube die Psyche stärkt und die Persönlichkeitsentwicklung unterstützt.

Allerdings ist es streng verboten, Kindern Angst vor Gott zu machen. Religiöse Erziehung kann Kinder auch beschädigen, wenn sie missbraucht wird, um eigene Machtansprüche über das Kind religiös zu verbrämen.

Nehmen wir die Bedürfnisse unserer Kinder feinfühlig wahr und reagieren angemessen auf sie, indem wir offen, positiv, verständlich und kindgerecht mit ihnen reden, eröffnen wir ihnen weite Horizonte und stärken sie für ihr Leben.

geist.voll - meinefamilie.at

Dieser Beitrag ist in der Zeitschrift geist.voll erschienen. 

geist.voll bietet Anregungen fürs geistliche Leben und spirituelle Orientierung. Themen der kommenden Ausgaben: „Tod und Auferstehung“, „Karmelitische Spiritualität“, „Innovation“ und „Heiliger Geist“. Herausgegeben vom Referat für Spiritualität (Erzdiözese Wien). Erscheint vierteljährlich zum Jahresbeitrag von 12 € (4 Ausgaben, inkl. Versand). Keine Bindung. Keine Kündigungsfrist.

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EIN ARTIKEL VON
  • Albert und Julia Biesinger

    Dr. Albert Biesinger ist Professor für Religionspädagogik in Salzburg und Tübingen und Autor vieler praxisnaher Bücher zur religiösen Begleitung von Kindern. Julia Biesinger ist Diplom-Psychologin und Autorin von Artikeln und Büchern im Bereich pädagogische Psychologie und religiöse Erziehung.


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