5. Dezember 2016

Albert Biesinger: „Das Christkind kommt nicht durchs Fenster“

Christkind, Albert Biesinger - meinefamilie.at

Der Religionspädagoge Albert Biesinger erzählt, warum er sich als Nikolaus vor den Kindern verkleidet, wie das Christkind vermittelt werden kann und wie Familien einen heiligen Abend mit Tiefgang gestalten können, auch wenn nicht beide Elternteile religiös sind.

© Titelbild: Sandra Lobnig

Welche Rituale empfehlen Sie für die Adventzeit?

In der Vorbereitung auf Weihnachten, ab dem ersten Adventssonntag, gibt’s die Möglichkeit, abends mit den Kindern beim Adventkranz die Kerzen anzuzünden und eine Geschichte vorzulesen. Das haben wir auch immer gemacht, das war ganz berührend.

Die Advent- und Weihnachtszeit ist eine Chance, dem Geheimnis der Heiligen Nacht über Rituale näherzukommen. Das ist das Goldstück des Christentums. Ich kann bis heute nicht vollständig begreifen, dass Gott im Kind in der Krippe den Menschen so nahe kommt, aber ich kann mich annähern. Die Rituale helfen uns, uns diesem Geheimnis anzunähern und uns in der Heiligen Nacht über Gott in dieser Welt zu freuen.

Wie können Familien den Heiligen Abend feiern?

Der Heilige Abend braucht ein religiöses Profil. Als Familie waren wir zuerst bei der Kindermette, in der die Kinder Krippenspiel spielen. Dann haben wir uns zu Hause um die Krippe versammelt, bevor es Geschenke gab. Das jeweils kleinste Kind durfte das Jesuskind in die Krippe legen, denn es war noch nicht Weihnachten, daher war es noch nicht dort. Der kleine Benjamin hat also das Jesuskind in die Krippe gelegt, wir haben kurz geschwiegen und für die Kinder auf dieser Welt und für den kranken Opa gebetet. Dann haben wir nochmal die Weihnachtsgeschichte aus der Kinderbibel gelesen und ein Lied gesungen und schließlich gab es die Geschenke.

So hat der Heilige Abend einen inneren christlichen Kern und es wird klar, warum wir das feiern. Das geht ganz leicht, das können alle Familien machen!

Was machen Familien, die sich in der religiösen Gestaltung uneinig sind?

Wenn nur ein Elternteil das möchte, muss sich der andere an dem Abend den Kindern zuliebe zurückstellen und einfach mitfeiern, damit die Kinder das erleben können.

Oft sind die religiösen Differenzen auch Partnerdifferenzen, denn wenn es nur religiöse Differenzen wären, könnte man sagen: ‚Du glaubst daran, ich glaube nicht daran, du übernimmst die religiöse Erziehung, wenn du das besser kannst und ich mache Sport mit den Kindern.’ Dass der eine den anderen Partner boykottiert, geht nicht.

Heiliger Abend mit Kindern, Albert Biesinger - meinefamilie.atWelchen Platz hat das Christkind dabei?

Das Christkind ist religionspädagogisch einfach zu vermitteln, wenn man es richtig macht. Das Christkind kommt nicht durchs Fenster und auch nicht durch den Kamin. Es kommt in die Familie, weil wir an diesem Tag seinen Geburtstag feiern. Wir feiern die Geburt Jesu in Betlehem und weil er für uns so wichtig ist, feiern wir jedes Jahr seinen Geburtstag, deswegen kommt das Christkind. Wir legen es symbolisch in die Krippe.

Ich bin skeptisch, wenn Eltern Sachen sagen, die sie später wieder zurücknehmen müssen. Ich habe meinen Kindern nichts gesagt, dass wir den Geburtstag von Jesus feiern und es ein großes Geschenk für uns ist, dass Jesus in die Welt gekommen ist, schenken wir uns auch Geschenke. Ich finde, Kinder haben eine Würde und man sollte sie nicht für dumm verkaufen. Für Kinder ist es immer noch ein großes Geheimnis. Das Christkind hat sowieso Geschenke gebracht, auch wenn das Kind weiß, dass die Geschenke von Mama und Papa sind.

Was bedeutet das für den Nikolaus?

Auch als Nikolaus ziehe ich mich immer vor den Kindern an, die Kinder kriegen trotzdem große Augen und es ist ein Geheimnis für sie. Als ich im Kindergarten den Nikolaus gespielt habe, ist meine Tochter mit mir hingefahren, hat gesehen, wie ich mich anziehe, und trotzdem war ich dann für sie der Nikolaus.

Auch da ist es wichtig, das Ritual den Kindern richtiggehend zu erklären. Ich habe nie den Knecht Ruprecht mitgenommen. Der Nikolaus hat den Kindern geholfen, hat sie aufgebaut, nicht niedergemacht, sie ermahnt und ihnen Angst gemacht.

Albert Biesinger - meinefamilie.atAlbert Biesinger, geb. 1948, ist Theologe und emeritierter Professor für Religionspädagogik an der Universität Tübingen. Der vierfache Vater ist Autor zahlreicher Bücher zur religiösen Erziehung in der Familie.



EIN ARTIKEL VON
  • Lucia Reinsperger

    Bevor ich journalistisch tätig wurde, machte ich die Ausbildung zur Kindergarten- und Hortpädagogin, leitete verschiedene Kindergruppen und arbeitete als Medienpädagogin. Nach Abschluss meines Journalismus-Studiums unterstütze ich nun mit Freude die Redaktion von meinefamilie.at.


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