22. Februar 2016

Langzeitstillen bringt mehr als schiefe Blicke

Langzeitstillen neu - meinefamilie.at

Stillen ist so viel mehr als Ernährung. Darum kann es für manche Mütter das Richtige sein, die Stillbeziehung jahrelang zu erhalten – und damit die besondere Verbindung zum Kind.

Mein Sohn ist 2 ¾ Jahre alt. Wenn ich sage, dass wir noch stillen, wird es zunächst meist still. Obwohl sich immer mehr Mütter für das Stillen entscheiden, ist eine Stillzeit über das erste Lebensjahr hinaus in unseren Breitengraden eher selten. Zumindest auf dem Land, wo auch ich mich angesiedelt habe. Dass Stillen mehr als die Überbrückung bis zur Aufnahme fester Nahrung ist, ist noch immer nicht vollständig durchgedrungen.

Dabei profitiert nicht nur das Kind vom Stillen, sondern auch die Mutter…

Mit Langzeitstillen die Verbindung wieder herstellen

Im ersten Lebensjahr meines Sohnes half das Stillen beim Wachsen, Beruhigen, beim Ein- und Weiterschlafen, beim Einander-Kennenlernen, beim Sich-Sicher-Fühlen. Ich erlebte das Stillen in unterschiedlichsten herausfordernden Situationen immer als positiv unterstützend.

Doch erst, als uns ab dem zweiten Lebensjahr die berüchtigten „Wutausbrüche“ der Autonomiephase ereilten, lernte ich das Wunder des Stillens voll und ganz zu würdigen.

Wie oft konnten wir einen drohenden Gefühlsausbruch durch Stillen in andere Bahnen lenken bzw. abmildern. Und wie oft konnte mein Sohn nach einem intensiven Gefühlserlebnis an meiner Brust wieder zu sich finden und sich erholen. Was ich allerdings immer mehr zu schätzen wusste: Das Stillen half häufig vor allem mir als Mutter, mich zu sammeln und zu meiner Mitte zu finden. Meist war es nämlich nicht der „Wutanfall“ an sich, der mich aufregte. Es war meine eigene Wut über meine Hilflosigkeit. Genau in diesen Momenten war das Stillen wertvoller als je zuvor. War mein Sohn erst einmal an der Brust, begannen sich die erhitzten Gemüter zu beruhigen.

Und das funktioniert bis heute. Liegt mein Sohn in meinen Armen und saugt gedankenverloren an meiner Brust, überkommt mich jedes Mal ein Gefühl von Dankbarkeit und Erfurcht. Bin ich auch noch so aufgebracht, ich kann mich relativ schnell wieder mit meinem Sohn verbinden, mich in ihn hineinversetzen. Ich spüre dann: Alles ist gut. Ich brauche die Situation weder persönlich zu nehmen (und mich dadurch auf einen unnötigen „Kampf“ einzulassen) noch muss ich etwas an der Situation verändern. Es genügt, dass ich einfach da bin. Das Stillen hilft mir, innezuhalten und mich mit mir und meinem Sohn auf tiefer Ebene zu verbinden. Meist atme ich irgendwann erleichtert aus. Und mein Sohn folgt mir jedes Mal mit einem heftigen Seufzen. Dieses Sich-Aufeinander-Einstimmen nach großer Aufregung schaffen wir am besten durch das Stillen.

Stillen macht gute Laune

Gewiss, Stillen bringt nicht immer nur positive Gefühle und Erlebnisse mit sich. Ich selbst kann von Brustentzündungen, wunden Brustwarzen und ambivalenten Gefühlen berichten. Für mich haben die positiven Aspekte allerdings immer überwogen, und ich ließ mich voller Vertrauen auf unsere Still-Beziehung ein.

Ich erlebte dabei wunderbare Momente der Zufriedenheit, einfach schöne Momente. So richtig lustig wurde es dann ab der Zeit des „akrobatischen“ Stillens. Unglaublich, in welchen grandiosen Verrenkungspositionen mein Sohn stillen möchte. Allein das ringt mir jedes Mal ein Schmunzeln ab. Spätestens wenn dann noch Wortschöpfungen wie „Busensaft“ oder sein selbst erfundenes Code-Wort „Dusilauna“ aus seinem kleinen Mund kommen, muss ich lachen. Ach, Lachen – ein unschätzbares Juwel im Alltag mit Kindern. Still-Spiele à la „Wir summen Lieder während des Stillens und erraten sie“ machen Spaß und erzeugen Verbindung. Und nicht zuletzt bringt das Stillen Entspannung. Wie dankbar bin ich oft, wenn mein Sohn im turbulenten Alltag nach einer „Pause“ verlangt. Beim Stillen wird nicht nur er still. Sondern auch seine Mami.

Langzeitstillen: Chance statt Dogma

Nicht jede Mutter ist so wie ich vom Stillen überzeugt und glücklich damit. Bei manchen Frauen klappt es einfach nicht, andere fühlen sich in der Stillbeziehung nicht wohl. Jede Mutter darf und soll selbst entscheiden, ob sie stillen möchte oder nicht.

Kinder brauchen meines Erachtens vor allem liebevolle Aufmerksamkeit und ein verständnisvolles Begleiten. Zu dieser Beziehungsgrundlage zwischen Eltern und Kind führen viele Wege. Aus eigener Erfahrung kann ich allerdings sagen: Stillen ebnet diesen Weg automatisch und macht vieles einfacher!

Es geht nicht darum, einen Rekord im Langzeitstillen aufzustellen. Es geht um das Recht der Mutter und des Kindes, ihre Stillbeziehung so zu gestalten und so lange zu führen, wie es ihren Bedürfnissen entspricht.

Es geht um die Chance, im Stillen mehr als die bloße physische Nahrungszufuhr zu entdecken.

Mein Sohn wird drei Jahre alt. Wer weiß, wie lange er noch stillen wird. Der Gedanke, dass auch unsere Stillbeziehung ein Ablaufdatum hat, macht mich manchmal traurig. Werden wir es schaffen, unsere Beziehung nach Ende des Stillens in ähnlicher Qualität weiterzuführen? Da ich es nicht wissen kann, verordne ich mir als Mutter in solchen Momenten: Keep cool, Baby! Genieße das, was jetzt gerade ist. Sei einfach still…

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EIN ARTIKEL VON
  • Susanne Sommer

    Ich lebe mit meinem Mann und meinem Sohn (2,5) im Burgenland und bin Bewegungstrainerin und Texterin. Die Geburt meines Sohnes veränderte mein Leben grundlegend und brachte mich auf die Spur zu mir selbst. Neben dem Schreiben und Lesen sind die Natur, das Musizieren, Töpfern und Häkeln meine großen Leidenschaften.



1 Kommentare
  • Kathi, 22. Februar 2016, 21:25 Antworten

    Wunderbar geschrieben! Kann ich ganz und gar bestätigen, spricht mir aus dem Herzen. :)

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