26. Juli 2019

Können Zeichentrickfilme Kinder traumatisieren?


In so manchem Zeichentrickfilm-Klassiker, wie etwa „Bambi“ oder „Der König der Löwen“, sterben Elternteile. Was macht das mit empfindlichen Kinderseelen und welche „Funktion“ haben solche Szenen ganz generell?

Von Zeit zu Zeit erzählt mir meine Frau, dass sie „Bambi“ immer noch nicht schauen kann. Als Kind, sie war wohl etwa 7 Jahre alt, hat sie den Film zum ersten und letzten Mal gesehen. Die Szene mit der sterbenden Bambi-Mutter ist aber für immer in Erinnerung geblieben. Eine Erinnerung, ein Erlebnis, das über die Jahre nicht verblasst und sich anfühlt, es sei es gestern gewesen und ganz und gar gegenwärtig: Das sind an sich Anzeichen einer Traumatisierung.

Mit unseren Kindern (7 und 11 Jahre alt) haben wir den Film noch nie angesehen. Ähnliche Erlebnisse kennen wir aber von „Der König der Löwe“. Der Tod des Löwenvaters hat unsere Kleine (7) so sehr verstört, dass sie in der Nacht aufweinte. Seither kommt uns diese DVD auch nicht mehr in den Player-Schacht.

Katharsis?

Doch was passiert eigentlich, wenn wir – und Kinder – Zeichentrickfilme schauen? Soll man jetzt tatsächlich alle Filme verbannen, die Kinder mit traurigen Inhalten irritieren, verstören oder gar traumatisieren könnten?

(c) iStock

Meiner Meinung nach nicht. Denn das verkennt die grundlegende Funktion von Zeichnetrickfilmen mit solchen Inhalten. Filme sind auch „Simulationen“ und haben oftmals eine reinigende Wirkung.

Grundsätzlich gilt es aber natürlich Fingerspitzengefühl an den Tag zu legen. Ist im näheren Familienumfeld erst ein Todesfall zu beklagen, gilt es das auch bei der Filmauswahl zu berücksichtigen. Keinesfalls sollte man aber seine Kinder in Hinblick auf den Filmkonsum in Watte zu packen. Die Idee, dass man im Film verhandeltes Leid für Kinder generell ausklammern sollte, ist falsch.

Der „geschützte Raum“ der Zeichentrickfilme

Ebenso wie die menschliche Interaktion tragen filmische Werke dazu bei, sein Gefühlsleben auszudifferenzieren. Der Vorteil von Filmen ist, dass der Rahmen simuliert ist: Passiert etwas Schreckliches im Film, dann ist es nicht real. Aber die Gefühle, die man empfindet, sind es sehr wohl. Im „geschützten Raum“ kann man seine Gefühle erproben, sich vorbereiten auf den „Ernstfall“. Zudem können Kinder Emotionen an Orten erproben, an denen sie sonst nicht wären oder sein könnten. Dadurch erlangen sie eine Art von Souveränität in Ausnahmesituationen.

Filme helfen Kindern auch oftmals dabei, sich unangenehmen Gefühlen zu stellen. Dass dabei im Anschluss nach dem Filmschauen auch Verdrängtes hervorbrechen kann, also auch Tränen fließen können, ist dabei an sich nichts Schlechtes. Filme treffen hin und wieder wunde Punkte. Nach der tränenreichen Reaktion kann man, egal ob Kind oder Erwachsener, besser damit umgehen.



EIN ARTIKEL VON
  • Markus Stegmayr

    Als freier Journalist, Blogger und Hobby-Gastrosoph besteht mein Berufsalltag hauptsächlich aus lesen, schreiben, hören und essen. Mein Familienalltag bringt diesen Rahmen aber oft gehörig aus der Fassung. Genau darüber lohnt es sich aber wiederum zu schreiben!


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