13. September 2019

Kindliche Phantasiefreunde

Kindliche Phantasiefreunde - meinefamilie.at

Als ich ungefähr 12 Jahre alt war, kam ich das erste Mal mit einem Phantasiefreund in Berührung. Es war jedoch nicht mein eigener imaginärer Freund, sondern der meiner kleinen 4-Jährigen Cousine, mit der ich oft zusammen spielte.

Ich weiß noch, wie verwundert ich war, als sie das erste Mal von Moritz sprach, der mit uns mitspielen wollte. Zunächst war es etwas befremdlich für mich, denn meine Cousine tat, als wäre dieser Moritz tatsächliche real. Da Moritz allerdings ab diesem Zeitpunkt bei jedem unserer Spieltreffen „anwesend“ war und meine Cousine oft mit ihm sprach, gewöhnte ich mich schnell an ihn. Ich konnte ihn zwar nicht sehen, hören, oder auf eine andere Art und Weise wahrnehmen, aber meine Cousine fungierte einfach als „Dolmetscherin“ ihrer Phantasiefreunde.

Phantasiefreunde auf dem Spielplatz

Was mir damals schon auffiel war, dass das Verhalten von Moritz oftmals zwischen „lieb/brav“ und „böse“ wechselte. War ihr Freund böse, musste meine Cousine immer schimpfen; war er brav, so wurde er gelobt. Irgendwann, als sie älter wurde, verschwand Moritz von selbst wieder und zwar genauso schnell, wie er aufgetaucht war und wir vergaßen ihn einfach.

Erst vor einiger Zeit kam „Moritz“ mir wieder in den Sinn. Eine Freundin erzählte mir nämlich, dass ihre Tochter seit kurzem mit zwei unsichtbaren Tieren sprach – mit einem gelben Hund und einem gelben Geier. Sie war besorgt deswegen. Vor allem, weil ihre Kleine sogar am Spielplatz bevorzugte mit den imaginären Tieren zu spielen, anstatt mit anderen Kindern herum zu toben. Sie befürchtete, dass ihr Kind dadurch den sozialen Anschluss an Gleichaltrigen verlor und noch dazu für merkwürdig abgestempelt werden würde.

Doch ich konnte meine Freundin beruhigen. Von meinem pädagogischen Studium wusste ich, dass sich Kinder circa ab dem dritten Lebensjahr entwicklungspsychologisch gesehen in einer Art magischen Phase befinden und kindliche Phantasiefreunde nicht selten waren.

Mit Phantasie die Welt erklären

(c) iStock

In diesem Lebensabschnitt versuchen sich die Kinder die Welt zu erklären und verwenden dazu jede Menge Phantasie. So weint zum Beispiel der Himmel, wenn es regnet, oder das Christkind schlüpft durch das Schlüsselloch und schmückt den Christbaum.

Diese Zeit ist zudem häufig von vielen Ängsten geprägt. Ich weiß zum Beispiel von mir selbst noch, dass ich in dieser Zeit beim Schlafen gehen furchtbare Angst vor dem Krokodil unter meinem Bett hatte. Natürlich gab es kein sichtbares Krokodil unter meinem Bett, aber für mich war dieses Wesen echt, genauso wie mein Haustier. Da konnten meine Eltern mir noch so oft erklären, dass nichts unter meinem Bett sei, ich glaubte ihnen nicht. Dieses persönliche Beispiel soll auch aufzeigen, dass es nichts bringt, wenn man als Erwachsener gegen die Ängste, Phantasiefreunde oder imaginären Tiere von Kindern spricht. Kinder nehmen ihre Fantasiewelt tatsächlich als bestehend wahr.

Unsichtbare Freunde

Meine Freundin las dann noch das Buch „Unsichtbare Freunde: Warum Kinder Fantasiegefährten erfinden“ von Dr. phil.habil. Norbert Neuß, Professor im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Universität Gießen. In dem Buch erläutert Herr Prof. Neuß welche Aufgaben und Funktionen unsichtbare Freunde bei der Identitätsbildung von Kinder übernehmen. So betont er beispielsweise, dass Phantasiefreunde von großer Kreativität und Phantasie zeugen, welche im Leben helfen können, Lösungen für vielfältige Probleme zu finden.
Außerdem wisse man heute, dass imaginäre Gefährten die kindliche Sprachentwicklung fördern und soziales Verhalten und Kommunikation trainiert wird. Im Gegensatz zu der Annahme vor nicht allzu langer Zeit, in welcher Psychologen überzeugt waren, dass Phantasiefreunde Anzeichen psychischer Störungen wären.

Hinzu steht nach Dr. Neuß  meist etwas hinter unsichtbaren Freunden. Sagt das Kind zum Beispiel, sein Begleiter hätte Angst vor dem Zahnarzt, so weiß man, dass es die eigene Angst vor dem Facharzt überträgt.

Meine Freundin kann mittlerweile über die Phantasietiere ihres Töchterleins lachen. Sie hat sogar begonnen die unsichtbaren Tiere für sich zu nutzen. Will ihr Kind zum Beispiel abends nicht ins Bett, so überzeugt sie ihre Tochter vom Schlafen gehen, indem sie meint, ihre Tiere wären aber schon müde. Und ich denke, es schadet ihr (beziehungsweise generell uns Erwachsenen) gar nicht, mal einfach unbeschwert verspielt zu sein.



EIN ARTIKEL VON
  • Doris Dolezal

    Mit Herz, Hirn und Humor versuchen mein Partner und ich den Alltag mit unseren zwei wundervollen Mädels (8 Jahre und 5 Monate) und unserem Kater zu meistern. Doch nicht nur in der Familie sammle ich die unterschiedlichsten Erfahrungen mit Kindern, auch in meinem Beruf als Religionspädagogin.


Jetzt kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

meinefamilie.at