17. Juni 2015

Zweisprachig – Fluch oder Segen?


Kinder zweisprachig erziehen oder nicht? Ein-, Zwei- und Mehrsprachigkeit sind jedes für sich gut, aber umso besser, je besser jede Sprache beherrscht wird

Von Mehrsprachigkeit sprechen wir, wenn jemand zum Bewältigen seines Alltags mehr als eine Sprache nützt. Die Muttersprache ist dann jene Sprache, die mit denjenigen Menschen gesprochen wird, mit denen das Kind im Sprachlernalter die meiste Zeit verbringt. Nun gibt es ja bekanntlich viele Kinder, die tatsächlich zweisprachig aufwachsen, wenn nämlich Vater und Mutter jeweils eine andere Sprache sprechen. Und dann gibt es wiederum Kinder, die mit einer Sprache aufwachsen, also eine Sprache „von der Wiege an“ erlernen und erst im so genannten „verpflichtenden Kindergartenjahr“ eine zweite Sprache kennen lernen, die sie aber ab sofort zum Bewältigen ihres Kindergarten- und später Schulalltags nützen sollen. In beiden Fällen sprechen wir von „zweisprachigen“ Kindern.

Sprachenvielfalt in der Volksschule

Nun wird in den Medien ja häufig darüber berichtet, dass in so mancher Wiener Schule der Anteil der „Kinder mit Migrationshintergrund“ oder „Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache“ enorm hoch sei. Das ist als Tatsache nicht von der Hand zu weisen – aber sehrwohl der mitschwingende Unterton, dass dies ein Nachteil sei. Meiner Erfahrung nach kann der Umstand, dass sich in einer Klasse viele verschiedene Sprachen treffen, gerade für den Deutschunterricht sehr interessant sein, zum Beispiel, wenn der Bereich des Lehrplans „Sprachbetrachtung“ zum Tragen kommt: Kinder vergleichen gerne ihre eigene Sprache mit der Sprache des besten Freundes, sie erkennen Gemeinsamkeiten, Unterschiede und können so auf einer metasprachlichen Ebene über Sprache selbst ins Gespräch kommen. Und wenn beispielsweise der türkische Klassenkamerad erklärt, in seiner Sprache gäbe es keine Artikel, so führt dies zu einem gewissen Verständnis seiner Klassenkameraden, wenn er von „die Tisch“ oder „das Mann“ spricht. Verständlich, das muss der Arme ja erst mühsam lernen!

Zweisprachig erziehen oder nicht?

Immer mehr Elternpaare, die unterschiedliche Sprachen sprechen, entscheiden sich dafür, ihre Kinder nicht zweisprachig, sondern nur in einer Sprache zu erziehen, um ihnen Schwierigkeiten zu ersparen. Die Rede ist hier von Eltern, von denen einer Deutsch als Muttersprache hat und der andere eine andere Sprache (Englisch, Kroatisch, Arabisch, Spanisch – alle möglichen …). Sie meinen, für eine erfolgreiche schulische Laufbahn im deutschsprachigen Bereich wäre es das Beste, das Kind lediglich mit Deutsch aufwachsen zu lassen. Dabei gilt es als erwiesen, dass Kinder, die von Anfang an zwei oder mehr Sprachen lernen, sich vor allem beim späteren Erlernen weiterer Sprachen leichter tun – allerdings, und das ist die wichtigste Voraussetzung: Die Erstsprachen müssen sicher und perfekt beherrscht werden!

Grundlagen für sicheren Sprachgebrauch

Auch für Kinder, die mit nur einer Sprache aufwachsen, die nicht die Deutsche ist, gilt: Je sicherer diese Muttersprache beherrscht wird und je größer Wortschatz und Sprachhorizont sind, desto leichter und rascher wird das Kind sich in der deutschen Sprache zurecht finden und diese erlernen. Es ist also wichtig, dass Eltern mit nichtdeutscher Muttersprache viel mit ihren Kindern sprechen, ihnen erzählen, sie erzählen lassen, ihnen zuhören, ihnen vorlesen. Sprachförderung beginnt mit der Muttersprache in der Wiege – mit Liedern, Reimen, Gedichten und Geschichten, Wortspielen und Bilderbüchern, ja, auch Hörmedien wie CDs tragen zum sicheren Gebrauch der Sprache bei.

Deutsch ist nicht gleich Deutsch!

Dies alles gilt selbstverständlich für alle Kinder – egal, welche Sprache ihre Muttersprache ist. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass nicht nur fremde Sprachen als „nichtdeutsche Muttersprache“ zu betrachten und zu behandeln sind, sondern auch regionale Dialekte oder Soziolekte (Sprache verschiedener gesellschaftlicher Gruppen). Ein Vergleich macht das deutlich: „Foama umi!“ soll hochdeutsch heißen: „Fahren wir hinüber!“ Aber wie soll ein Kind, das bis zum Schuleintritt nur mit der Dialektform konfrontiert war, das verstehen? Bücher bieten die beste Möglichkeit, Kindern die Sprache der Bildungsinstitution Schule näher zu bringen. Nützen wir sie doch!

Fazit: Ein-, Zwei- und Mehrsprachigkeit sind jedes für sich gut, aber umso besser, je besser jede Sprache beherrscht wird und je intensiver sie in der Form der Bildungssprache gesprochen und vermittelt wird – und dies geschieht im Kleinkindalter in der Phase des Spracherwerbs mit Hilfe aller verfügbaren Medien, von denen wiederum die Bezugspersonen im Gespräch, beim Spielen und beim Vorlesen, die wichtigsten sind.



EIN ARTIKEL VON
  • Gabriela Paul

    Ich bin Mutter von drei Kindern. Nach meinem Germanistikstudium arbeitete ich jahrelang im Marketing. Dann entschied ich mich zu einer 180°-Wende und wurde römisch-katholische Religionslehrerin. Jetzt unterrichte ich Religion und Deutsch für Kinder mit Migrationshintergrund.


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