13. September 2016

Wie werden Kinder selbstständig?

Wie werden Kinder selbstständig - meinefamilie.at

Der Wunsch, dass Kinder so schnell wie möglich selbstständig werden, scheint in unserer Gesellschaft besonders stark zu sein. Doch was bedeutet Selbstständigkeit überhaupt? Drückt sie sich wirklich dadurch aus, dass Kinder möglichst früh möglichst viel allein (also ohne Mama und Papa) machen? Und: Lässt sich Selbstständigkeit eigentlich fördern?

Wieder hat mich ein Artikel, den ich gelesen habe, zum Nachdenken gebracht. Darin plädierte eine Mutter dafür, Kinder nicht zu unterstützen, wenn sie um Hilfe anfragen (zum Beispiel wenn sie auf dem Spielplatz nicht aus eigener Kraft die Leiter hochkommen). So würden Kinder Selbstständigkeit lernen und Unabhängigkeit erfahren; sie lernten ihre Fähigkeiten einzuschätzen und auch, mit daraus resultierender Frustration umzugehen. Die Beweggründe dieser Mutter sind für mich nachvollziehbar. Die Art, Kinder bei der Entwicklung dieser Kompetenzen zu unterstützen, allerdings weniger. Es bedarf einer genaueren Beleuchtung…

Dient frühe Selbstständigkeit unseren Kindern?

Wahrscheinlich alle Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder zu eigenständigen Persönlichkeiten werden, die mutig und selbstbewusst ihren Weg finden und gehen. Die beste Zutat für diese Entwicklung sei angeblich die Förderung früher Selbstständigkeit. Diese Überzeugung hält sich seit vielen Jahrzehnten in unserer Gesellschaft. Und wird auch von Erziehungsratgebern und (angeblichen) Experten unterstützt. So lautet schon seit Generationen die Devise: früh auf‘s Töpfchen, möglichst bald allein ein- und durchschlafen, Tischmanieren beherrschen usw.

Außerdem setzte sich in den vergangenen Jahren die Ansicht durch: Wenn Kinder erst einmal eine bestimmte Fähigkeit erworben haben, dann sollte ihnen diesbezüglich nicht mehr geholfen werden. Zum Beispiel: Kann sich ein Kind die Schuhe selbst anziehen, dann sollte es das von diesem Zeitpunkt an auch immer selbstständig machen. Oder: Kann ein Kind einmal laufen, dann muss es doch ab diesem Zeitpunkt fähig sein, alle Distanzen eigenständig (sprich: nicht auf Mamas oder Papas Arm) zurückzulegen.

Seit der Geburt meines Sohnes (3) und den vielen gemeinsam verbrachten Tagen und erlebten Erlebnissen drängt sich mir bei derartigen „Wünschen“ die Frage auf:

Wem dient diese (angebliche) Selbstständigkeit eigentlich? Der Entwicklung des Kindes? Der Bequemlichkeit der Eltern? Oder den Ansprüchen und Normen der Gesellschaft?

Natürlich ist der Wunsch vieler Eltern nach Entlastung legitim und nachvollziehbar. Doch darf das Selbstständigwerden unserer Kinder nicht auf deren Kosten passieren. Denn meist sind sie noch lang nicht selbstständig – auch wenn sie dazu angeleitet werden, wenn sie Erwartungen entsprechend handeln und vielleicht sogar selbstständig wirken. Ich finde es wertvoll, diese Gedanken zuzulassen. Und mich genauer mit der Entwicklung von Selbstständigkeit auseinanderzusetzen.

Die Sache mit Montessori, Pikler & Co.

Gerade auf dem Spielplatz lassen sich häufig Szenen beobachten, in denen von Kindern Selbstständigkeit erwartet wird. Besonders dann, wenn andere Eltern zuschauen und sich vielleicht (oder sogar ziemlich sicher) eine Meinung über die Kompetenz anderer Eltern bilden. Bittet ein Kind zum Beispiel um Hilfe beim Erklimmen eines Klettergerüsts, heißt es dann plötzlich: „Nein, dabei helfe ich dir nicht. Das kannst du doch schon allein.“ Argumentiert wird heutzutage gerne mit Verweis auf Ideen von Maria Montessori oder Emmi Pikler. Beide Frauen machten sich ursprünglich dafür stark, nicht in die natürliche Entwicklung des Kindes einzugreifen oder Entwicklungsschritte vorwegzunehmen. Sätze wie „Hilf deinem Kind, es selbst zu tun“ rauschen vielen Eltern in den Ohren. Und dann wird rigoros das Nicht-Helfen umgesetzt, ungeachtet des Alters des Kindes bzw. der aktuellen Situation. Und ungeachtet eines tieferen Verständnisses der von Montessori und Pikler intendierten respekt- und würdevollen Haltung dem Kind gegenüber.

Die wertvollen Ideen von Montessori und Pikler, das Kind als vollwertigen Menschen und als Individuum zu erkennen und zu behandeln, werden häufig völlig verdreht interpretiert und umgesetzt. So ist meines Erachtens der beste Montessori-Kindergarten nichts wert, wenn die ErzieherInnen diese Haltung nicht verinnerlicht haben. Umgekehrt: Eine Person, die noch nie in ihrem Leben von Montessori oder Pikler gehört hat, kann unter Umständen mit einem Kind einen weit respektvolleren und achtsameren Umgang pflegen als die am besten ausgebildeten ErzieherInnen.

Haltung statt Methode

Ich möchte weder angreifen noch verurteilen. Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Methoden und Konzepte dazu verleiten, sich eher an Vorgaben als am Menschen zu orientieren. Häufig gerät ein Teil-Aspekt der ursprünglichen Ideen ins Zentrum, während das „große Ganze“ außer Acht gelassen wird. So werden Pikler und Montessori häufig mit „Selbstständigkeit“ gleichgesetzt. Unter Selbstständigkeit verstehen die meisten allerdings „das Agieren des Kindes ohne Unterstützung der Eltern“. Ergo: Wenn mein Kind also auf das Klettergerüst hinaufwill, dann muss ich es anleiten, es selbst zu tun. Der achtsame Blick auf die spezielle Situation und das Kind geht leider meist verloren. Und auch die Erkenntnis, dass eine Hilfsanfrage – sieht man genauer hin – ganz andere, vielschichtigere Botschaften enthalten kann: den Ruf nach Zuwendung, das Bedürfnis nach gemeinsamer Aktivität, die Sehnsucht nach Erleichterung.

Warum ich meinem Sohn gerne helfe, wenn er das will

Eine Szene aus meinem Alltag: Mein Sohn will sein Leiberl ausziehen und weint, weil er es nicht schafft. Eigentlich ist er dazu aber schon in der Lage. Nun gibt es für mich verschiedene Möglichkeiten der Reaktion:

  • Ich könnte hergehen und ihm das Leiberl ungefragt über den Kopf ziehen (um dem Weinen ein vermeintliches Ende zu setzen). Ich bin überzeugt, dass das nicht auf Wohlgefallen stieße, da es am eigentlichen Bedürfnis meines Sohnes grandios vorbeiginge.
  • Bittet mich mein Sohn, ihm zu helfen, könnte ich ihn beschämen, indem ich ihm erkläre, dass er das doch eigentlich schon selbst können müsste. Auch in diesem Fall würde ich ein Drama einleiten.
  • Bittet mich mein Sohn, ihm zu helfen, könnte ich ihm meine Unterstützung verweigern und ihm „Mut zusprechen“, es doch weiter zu probieren und selber zu schaffen. Auch hier kann ich felsenfest davon ausgehen, dass ihm nicht gedient ist.
  • Ich kann mich einfach freundlich erkundigen, was er braucht, und seinem Wunsch, ihm zu helfen, Folge leisten. Das hat nicht das Geringste mit einem „Entwicklungs- oder Autonomie-Eingriff“ oder gar dem gefürchteten Verwöhnen zu tun. Es handelt sich rein um die Information: Ich helfe Dir gerne, wenn du meine Unterstützung suchst. Ich bin Deine Mama – ein Mensch, der dir zugetan ist. Und ich liebe dich bedingungslos.
  • Selbst, wenn mein Sohn nicht direkt nach (physischer) Hilfe anfragt, so sucht er oft – unausgesprochen – meine Unterstützung. Eine Unterstützung durch Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Begleitung: „Ja, ich sehe du kämpfst mit dem Leiberl. Bist du frustriert, weil du es so gerne über deinen Kopf bekommen willst?“ In einer ruhigeren Minute (oder wenn es gefühlsmäßig gut passt), kann ich meinem Sohn dann vielleicht einen „Trick“ zeigen, der ihm zukünftig dabei helfen wird, sein Leiberl selbstständig über seinen Kopf zu ziehen. So kann ich ihm „Hilfe zur Selbsthilfe“ geben, „obwohl“ ich ihm in dieser aktuellen Situation geholfen habe.

Unterstütze ich mit einer solchen Vorgehensweise die gefürchtete „Hotel Mama – Hilfe, mein Sohn wird sich noch mit 30 die Unterhosen von mir waschen lassen“-Horror-Vision? Nein, mit Sicherheit nicht.

Selbstständigkeit bedeutet für mich nicht, meinem Sohn im zarten Alter meine Unterstützung zu verwehren. Selbstständigkeit hat für mich damit zu tun, autonome Entscheidungen zu treffen. Ohne sich darum zu scheren, ob andere diese Entscheidungen goutieren oder gewisse Erwartungen haben. Ohne Frage: Da hat mir mein Sohn einiges an Selbstständigkeit voraus.

Lies auch den zweiten Teil dieser Auseinandersetzung, wo ich beleuchte, welche Rolle Achtsamkeit, Empathie und der Umgang mit Frustration in der Entwicklung von Selbstständigkeit spielen. 



EIN ARTIKEL VON
  • Susanne Sommer

    Ich lebe mit meinem Mann und meinem Sohn (2,5) im Burgenland und bin Bewegungstrainerin und Texterin. Die Geburt meines Sohnes veränderte mein Leben grundlegend und brachte mich auf die Spur zu mir selbst. Neben dem Schreiben und Lesen sind die Natur, das Musizieren, Töpfern und Häkeln meine großen Leidenschaften.


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