26. Februar 2018

Eltern im Smartphone-Zeitalter

fotofasten - meinefamilie.at

Fotos und Kurzvideos zischen unter meinen Fingern auf und ab. Schneemann bauen hier, Tiere füttern dort, Kinderparty überall. Was mir den lieben Tag lang nicht alles vor die Linse meines Smartphones kommt! Mama filmt, Mama dokumentiert, Mama fotografiert. Doch sind meine Bilder etwa „Beweisstücke eines verpassten Hier und Jetzt“?

Geht es nach dem Medienwissenschafter Roberto Simanowski, lautet die Antwort: Ja! Mit unseren supersüßen Fotos vom ersten Schultag, die wir ins Netz und um die Welt schicken, geht er in seinem Buch „Facebook-Gesellschaft“ hart ins Gericht. Dabei meint er aber nicht nur all die verwackelten und unscharfen Bilder, mit denen wir gnadenlos das Internet fluten, nein, es geht genauso um die gelungenen Momentaufnahmen mit den allermeisten Likes.

Lokalaugenschein auf meinem „Telefon“

Auf meinem Handy tummeln sich unzählige Einhornkostümierte, ein Klein-Batman und ein –  “omg” – wirklich süßes Affenbaby im Plüschoverall vom letzten Kinderfasching. Die Erinnerungen an eigene Christbäume und jene der Verwandten sind hingegen schon wieder Schnee von gestern. Hier, auf meinem Smartphone ruhen unzählige, in Bilder verpackte und verpixelte Augenblicke: Kinder neben Geschenken, Kinder hinter Sandburgen am Meeresstrand, Selfies mit Kind im Kino. Mama kann was und Mama tut was – sehen Sie selbst!

Dabeisein ist alles  – wie auch immer!

Waren erste Gehversuche schon seit alters her ein Fall für die Filmkamera, so sind es heute auch die zweiten und bei den dritten und vierten kommen wir Eltern erst so richtig in die Gänge. Es läuft schließlich immer öfter darauf hinaus,  dass wir unsere Kleinen auf Schritt und Tritt mit dem Handy verfolgen. Kein Martinsspiel, kein Muttertagsgedicht, kein Pizzastück auf der Piste und keine ausgeblasene Geburtstagskerze entgeht dem ambitionierten, elterlichen Kamerateam. Der verunglückte Purzelbaum und die erste Bobfahrt mit Bruchlandung schaffen es sogar auf Youtube. Die Ostereiersuche gibt’s als kleine, bunte Story für unsere Follower auf Instagram.

Mir dämmert, dass die Fototermine eines Topmodels wohl nichts sind, im Gegensatz zum Shooting-Programm, an dem unsere eigenen Kinder von Geburt an teilnehmen müssen. Können unsere hübschen Kleinen eigentlich noch natürlich lachen, wenn wir Eltern vor Ort sind? Oder sind sie schon total auf Spaghettiiiiiiiiii und Cheeeeese gedrillt?

Ticken wir noch normal oder nicht ganz richtig? Warum sind wir so?

  • Erstens stimmt die Technik! Zweitens stimmt der Preis! Mit dem Smartphone haben wir die Kamera immer dabei. Allzeit bereit – bei meiner Pfadfinderehre!
  • Ein Foto kostet nichts und tausend Fotos sind gleich billig. Warum also nicht?
  • Eh alles im Kasten! Das Knipsen und Festhalten vermittelt uns Sicherheit. Save für immer. Wir glauben, zu konservieren und haltbar zu machen, was in Wahrheit nicht zu halten ist. Denn bringt nicht jeder Augenblick sein Einzigartiges, aber auch schon sein Ablaufdatum mit sich?
  • Die Langeweile stirbt aus. Manchmal sind wir einfach nur ganz knapp davor, uns für einen Moment zu fadisieren. Kleine Wartezeiten überbrücken wir dann flott mit Medienkonsum oder gleich als Filmproduzenten. Wo bleibt hier noch Luft zum Durchatmen?
  • Geteilte Freude? Vielleicht schielen wir in diesen besonderen Foto-Momenten schon auf die potenziellen Bewunderer, die Omas und die Tanten in der WhatsApp-Gruppe oder haben gleich den ganzen Fanclub auf Facebook im Hinterkopf. Doch Stopp! Sind wir nicht gerade dabei, zu teilen, was ungeteilte Aufmerksamkeit braucht?

Massengrab der Erinnerungen

Hand aufs Herz: Wer bringt schon all die Fotos und Videos in eine nette und greifbare Form? Wo sind sie, die vielen Fotobücher voller Kindheitserinnerungen, die bereits Regale füllen könnten? Wer druckt dann und wann einfach nur ein Bild aus? Wer denkt überhaupt noch an die tausend Aufnahmen vom vorletzten Weihnachtsfest?

„Je mehr Bilder man macht, desto weniger sieht man“, bringt Simanowski die Vermutung ins Spiel, dass am Ende einer modernen Kindheit Millionen durch die Linse erlebter Szenen im privaten Handy-Archiv einfach in Vergessenheit geraten werden.

Es gibt ein Leben diesseits und jenseits der Linse – wo treffen wir uns?

Wie so oft kommt es wohl auf die gelungene Mischung an. Das Hausrezept lautet: Man besinne sich im Alltag mit Kindern wieder auf das einfache Hinschauen und garniere das Ganze mit einer Prise guter Fotos und netter Filme. Das Zuschauen will wieder neu entdeckt werden und auch das Voll-da-Sein! Es lohnt sich, das tägliche Leben über den 5,2-Zoll-Bildschirm hinaus wahrzunehmen. Ich will meinem Kind wieder in die Augen schauen und meine Blicke Gutes sagen lassen. Gerade in ganz besonderen Momenten. Hallo, Liebling, Mama ist wieder da!

 

Bild: Teresa Pokall

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EIN ARTIKEL VON
  • Birgit Linhart

    Ich habe Volkskunde und Kulturmanagement in Graz studiert. Mit meinem Mann, unseren drei Schulkindern, den Katzen, Hühnern und Schildkröten lebe ich ein buntes Leben am Rand der Stadt. Ich liebe es, Kindern zuzuhören, mag Spontantheater und Kinderbücher.


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