19. Juli 2017

Muss sie teilen? Wie Tugenden gebildet werden

Muss sie teilen? Wie Tugenden gebildet werden - meinefamilie.at

Wir haben gern, dass unsere Kinder großzügig sind, nachgeben und gute Taten vollbringen. Das sollten sie aber nicht machen, weil wir sie dazu zwingen und manipulieren.

Nina und ihre Freundin Julia (beide vier Jahre alt) machen einen Ausflug mit Oma. Nina hat ihren heißgeliebten „Bärenrucksack“ mitgenommen, Julia wollte keinen tragen. Unterwegs will Julia Ninas Rucksack ausborgen, weil er ihr gerade jetzt so attraktiv erscheint. Da Nina ablehnt, beginnt Julia zu brüllen. Omi versucht, Nina gut zuzureden, sie möge doch großzügig sein und der Freundin eine Freude machen. Das Kind bleibt ablehnend, das andere brüllt umso lauter. Omi zu Nina: „Du bist grauslich. Die Julia muss jetzt weinen, weil du so egoistisch bist!“

Wie Tugenden gebildet werden - meinefamilie.atTugenden entstehen nicht durch Druck und Manipulation

Darf oder soll man Kinder zu Großzügigkeit, Nachgeben oder zu guten Taten zwingen? Meine Meinung lautet Nein. Erwachsene können und sollen Kinder motivieren, also versuchen, Verständnis für die Situation des anderen zu erwecken oder sagen: „Ich würde mich freuen, wenn…“, aber zwingen und manipulieren sollte man selbst kleine Kinder nicht. Schon gar nicht hat sich Nina eine Beleidigung verdient. Auch Kinder haben das Recht, sich abzugrenzen und das Nein eines Kindes gilt es zu respektieren.

Möchten Sie sich nötigen oder beleidigen lassen, wenn Sie einmal einen Gefallen ablehnen wollen?

Aufgezwungene Tugenden rufen nicht wirklich Einsicht, sondern ambivalente Gefühle und Groll hervor.

Dies könnte den Grundstein für eine Zwietracht zwischen den Freundinnen legen. Außerdem werden das Selbstwertgefühl Ninas und die herzliche Beziehung zur Oma getrübt.

Auch Kinder haben ein Recht, sich abzugrenzen

Nun zu Julia: Wenn sie lernt, dass Brüllen die Strategie zum Erfolg ist, ist ihrer Persönlichkeitsentwicklung nicht gedient. Besser wäre es, würde man sie daran erinnern, dass es ihre Entscheidung war, den Rucksack zu Hause zu lassen. So erfährt sie, dass Handlungen Konsequenzen haben (wenn ich meinen Rucksack zu Hause lasse, dann habe ich eben keinen) und dass nicht jeder Wunsch im Leben in Erfüllung geht. Auf diese Weise kann sie lernen, mit Enttäuschungen umzugehen. Die Oma könnte sie dabei einfühlsam unterstützen, z.B.: „Ich kann verstehen, dass du jetzt traurig bist, aber bald kommen wir zum Spielplatz. Beim Schaukeln brauchst du keinen Rucksack!“

Eine gute Möglichkeit, ein „egoistisches“ Kind zum Einlenken zu bewegen, wäre auch, wenn die Oma Ninas Nein respektiert und zu Julia sagt: „Die Nina will ihren Rucksack jetzt nicht hergeben. Aber vielleicht kann sie ihn dir später einmal borgen.“ Dies kann schon wenige Minuten danach der Fall sein.

Denn Sie werden staunen, wie großzügig Kinder sind, wenn sie sich ernst genommen und respektiert fühlen.

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