4. Mai 2016

Wenn Kinder lügen

Wenn Kinder lügen - meinefamilie.at

Oft steht hinter Lügen keine böse Absicht. Wichtig ist, die Haltung hinter der Lüge wahrzunehmen und in der Familie für ein Klima der Ehrlichkeit zu sorgen.

Meint der Chef gut gelaunt zu seiner Sekretärin: „Sie sehen heute aber umwerfend aus!“ – Sie gibt mürrisch zurück: „Danke, aber ich kann dieses Kompliment leider nicht erwidern.“ – Er: „Dann machen Sie es wie ich: Lügen Sie!“

In einer amerikanischen Studie wurde festgestellt, dass jeder Mensch im Schnitt etwa 50 Mal pro Tag lügt. Und passend dazu ist nach aktuellen Umfragen die „Ehrlichkeit“ das Top-Erziehungsziel von Eltern im deutschen Sprachraum; noch vor Höflichkeit, Verlässlichkeit, Selbstständigkeit usw.

Wenn Kinder lügen: dahinterschauen

Und dann passiert es: Ein Kind erzählt etwas oder beantwortet eine Frage – und ich spüre: Da stimmt etwas nicht! Das passt nicht zusammen mit dem, was der Lehrer beim Elternabend gesagt hat. Spontan würde ich gleich eine Runde schimpfen wollen und je nach Schwere des Vergehens auch eine Strafe aussprechen.

Aber nein – ich will zuerst einen Blick auf die Haltung werfen, die dahinter steht.

Ein Blick auf die innere Haltung zahlt sich immer aus!

Warum bleibt das Kind nicht bei der Wahrheit? Da gibt es ziemlich viele Möglichkeiten:

  • Da kann zum Beispiel Angst vor Strafe oder anderen unangenehmen Konsequenzen stehen: „Ich habe nicht das Cola über den Laptop geschüttet!“
  • Oder Unsicherheit und das Bedürfnis, das eigene Selbstwertgefühl vor anderen aufzupolieren: „Wir werden bald umziehen, in ein großes Haus mit Garten und Swimmingpool.“
  • Für den eigenen Vorteil, z.B. beim Völkerball: „Du bist doch draußen!?“ – „Nein, ich bin noch nicht abgeschossen!“
  • Um Konflikten und Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen: „Ich habe vom Unfall nichts mitbekommen.“
  • Aus Angeberei, Überheblichkeit, um sich in den Mittelpunkt zu stellen: „Wir haben zuhause die neueste Spielkonsole!“
  • Um selber besser dazustehen. Die Wahrheit ist manchmal unrühmlich für uns: „Die Schularbeit ist ur-schlecht ausgefallen. Mein Vierer war die beste Note!“
  • Oder Bequemlichkeit und Faulheit: Wir biegen Sachen so zurecht, dass es nicht zu anstrengend für uns wird. „Musst du nicht langsam Bio lernen?“ – „Der Bio-Test wurde eine Woche verschoben, weil die Lehrerin krank ist.“
  • Oder Bosheit: Ich will dem anderen eins auswischen und behaupte Sachen, die nicht stimmen. „Der Stefan hat mir meine Füllfeder weggenommen!“
  • Um andere nicht bloßzustellen oder zu verletzen: „Oh, danke, das Geburtstagsgeschenk  gefällt mir echt sehr gut!“
  • Aus Höflichkeit: „Es hat mich sehr gefreut, dass wir uns getroffen haben.“
  • Oder schlicht aus Phantasie (v.a. bei kleinen Kindern): „Ich habe beim Eishockey mitgespielt und einen großen Pokal gewonnen!“

Was steckt hinter der Lüge?

Hier ist Spürsinn gefragt: Was steckt dahinter? Dann schaue ich auf mein Leben und frage mich: Finde ich so etwas Ähnliches auch bei mir?

Da behauptet beispielsweise ein Kind am Freitag: „Ich habe keine Hausaufgabe.“ – um dann am Sonntag Abend zuzugeben: „Ich muss noch einen Aufsatz schreiben.“ Wo schiebe ich selber unangenehme Dinge vor mir her, bis auf den letzten Drücker? Wo belüge ich mich selbst: „Ist ja nicht so wichtig, kann ich auch später machen“?

Oder ein Kind hat seine Computerspielzeit deutlich überzogen, behauptet aber: „Ich habe nur eine Stunde gespielt.“ Da frage ich mich dann: Wo bleibe ich gerne länger kleben, als ich eigentlich vorhatte? Beim Fernsehen, im Internet, beim Shoppen?

Josef Kentenich spricht hier von „Gleichschaltung“: „Ich muss erst überlegen, wie viel Disziplinlosigkeit in meinem eigenen Herzen wurzelt, sich in meinem Leben und Benehmen auswirkt. Ehe ich einschreite, muss ich bei mir selber die Hand anlegen, mich selber wieder kraftvoll zurückfinden zu einer disziplinierten, kraftvollen Haltung der Gesinnung und – wo es nötig ist – auch der Tat nach. Dann erst kann ich bei anderen zugreifen.“

Konsequenzen ziehen und verzeihen

Wenn die Sache klar ist, werde ich die Lüge zur gegebenen Zeit aufdecken. „Die Wahrheit wird euch befreien“, sagt uns Jesus. Und das Kind muss die Erfahrung machen: Mit Lügen komme ich nicht weit und es ist für mich äußerst unangenehm, wenn die Wahrheit ans Licht kommt.

Wir benennen das Vergehen – und wir überlegen gemeinsam, welche Konsequenzen das jetzt hatte. Wer hat unter dem Fehlverhalten gelitten? Waren es andere Menschen, oder vielleicht ich selber? In jedem Fall aber leidet unser Vertrauensverhältnis! Wir wollen einander vertrauen können! So kommen wir hoffentlich zu dem Punkt, wo das Kind sagt: Das war nicht gut. Es tut mir leid. Und dann können wir verzeihen, einander die Hand geben oder umarmen und sagen: Es ist wieder gut!

Der Prozess Erkennen – Schuldbewusstsein und Reue – Entschuldigung – Vergebung dauert, wenn er ehrlich durchgemacht wird , manchmal länger. Hier gilt es: Zeit geben, aber nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Neu vertrauen

Als großen Segen erleben wir in diesem Zusammenhang die Beichte. In der Vorbereitung dazu kann ich mit den Kindern den Blick auf die innere Haltung lenken. Wir schauen uns ehrlich an; wir schauen uns mit den Augen Gottes an. Damit können wir unser Gewissen schärfen und mit der Zeit selber erkennen, was schlecht war.

Beichte heißt: Ich stehe zu dem, was ich schlecht gemacht habe. Ich spreche es aus. Und in der Lossprechung nimmt mir Jesus die Last ab. Ich kann alles hinter mir lassen, neu anfangen.

Mit der Beichte kommt auch der Aspekt der Buße: Ich versuche, es wieder gut zu machen. Wie kann ich dem Leidtragenden eine Freude machen? Wie kann ich konkret an meiner inneren Haltung arbeiten?

Ein Sprichwort sagt: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.“ Das ist die normale menschliche Reaktion. Aber wir sind als Eltern herausgefordert, immer wieder neu Vertrauen zu schenken. Wir sind herausgefordert, 77 Mal zu vergeben.

Vielleicht hilft uns dabei der Gedanke, dass es Gott mit uns ganz ähnlich geht: Immer wieder bauen wir Mist – und immer wieder verzeiht uns Gott und schenkt uns neu seine Liebe.

Klima der Ehrlichkeit in der Familie

Ein Kind wurde Zeuge einer Lüge und hat zuhause empört erzählt: „Die Annabell hat die Lehrerin glatt angelogen! Der kann man ja nichts mehr glauben!“. Gut beobachtet: Lüge zerstört das Vertrauensverhältnis. Und wir in der Familie wollen einander vertrauen können! Unser Zusammenleben ist schöner, wenn wir ehrlich miteinander sind.

In der Familie können wir durch ein Klima des Wohlwollens und der Güte die Ehrlichkeit fördern: Ich kann dazu stehen, dass ich unabsichtlich ein Glas in Scherben geschlagen habe, weil mir deswegen nicht der Kopf abgerissen wird. Ich habe keine Strafe zu erwarten, sondern allenfalls eine Handlung zur Wiedergutmachung.

Das Pflichtbewusstsein stärken

Wir behalten die innere Haltung im Auge: Wenn da öfter der Hang zur Bequemlichkeit durchkommt, ist es sinnvoll, mit dem Kind am Pflichtbewusstsein zu arbeiten. Könnte das Kind zur Förderung der Disziplin einen Sport betreiben? Könnte das Kind Aufgaben im Haushalt übernehmen, die regelmäßig kleine Selbstüberwindungen fordern?

Wenn wir ein schwaches Selbstwertgefühl beobachten, ist es wichtig, die Stärken des Kindes zu entdecken und zu fördern. Ein Hobby, ein Musikinstrument, eine Theatergruppe,… Wir trauen dem Kind etwas zu. Wir schaffen Gelegenheiten, wo das Kind seine Unsicherheit überwinden kann. Wir geben dem Kind Möglichkeiten, selbst Entscheidungen zu treffen.

Um Ehrlichkeit bemühen

Auch im Familiengespräch ist das gemeinsame Ringen um Ehrlichkeit ein Thema. Wir stehen beim Schwimmbad an der Kassa. Kinder zahlen ab sechs Jahren und wir haben ein Kind dabei, das gerade sechs geworden ist.

Ich spüre die Versuchung, für die Kleine nichts zu bezahlen, entscheide mich aber für die Ehrlichkeit.

Später fragt mich die Ältere: „Wäre die Sara nicht auch so reingekommen? Warum hast du für sie bezahlt?“

Jesus sagt: „Wer meine Gebote hält, der ist es, der mich liebt.“ Eines  der Gebote ist die Ehrlichkeit. Weil ich Jesus liebe und ihm eine Freude machen will, sage ich die Wahrheit. Wenn die Kinder eine lebendige Beziehung zu Christus aufbauen, eine Liebes-Beziehung, so ist das automatisch ein Garant für mehr Ehrlichkeit.

Grenzen der Ehrlichkeit

Es gibt natürlich Situationen, wo die Wahrheit verletzen und zerstören kann. Hier gilt zuerst: Ich muss nicht immer alles sagen. Das sind Situationen, wo Wahrheit und Liebe in Spannung zueinander stehen. Da hat beispielsweise die Nachbarin extra für uns einen Kuchen gebacken – leider mit ziemlich viel Rum – und fragt später ein Kind: „Hat dir der Kuchen geschmeckt?“ Die Wahrheit wäre ein glattes „Nein, er war schrecklich.“ Die Liebe muss hier einen Weg finden, ungefähr so: „Meinem Papa hat er sehr gut geschmeckt, mir war aber zu viel Rum drin.“

Selbst dran bleiben

„Was nützt die beste Erziehung – die Kinder machen uns doch alles nach“, lautet ein Sprichwort. Das bedeutet für uns den Auftrag: Ich will bei der Wahrheit bleiben, auch wenn es manchmal unbequem ist. Mit einer kleinen Ausrede wären viele Sachen leichter vom Tisch – wie wäre es mit einer Runde Ausreden-Fasten?

Ehrlichkeit bleibt ein wichtiges Ziel in unserem Leben. Wir werden das Ideal niemals ganz erreichen, aber wir streben danach.

Und die Frucht davon ist etwas Großes. P. Kentenich hat es so formuliert: „Solange wir ehrlich bleiben, kann der Herrgott noch etwas mit uns anfangen.“

Fragen für das Ehe-Team
  • Wie steht es mit Ehrlichkeit und Vertrauen in unserer Familie?
  • Gibt es Bereiche, wo wir es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen?
  • Was sind die Haltungen, die dahinter stehen?
  • Wo könnten wir ansetzen, die Haltungen zu verändern?

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Familie als Berufung erschienen. Autor ist diesmal Familie Aichner, eine Schönstatt-Familie mit sechs Kindern aus Wien.

Lies auch aus der “FAB”: Wie viel Ordnung muss sein?

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