21. April 2015

Warten lernen – Kinder stärken


Warten lernen in alltäglichen Situationen: ein wichtiger Mosaikstein auf dem Weg zu einer willensstarken Persönlichkeit und einem ausgeglichenen Charakter.

Oma Linde bringt dem vierjährigen Gregor wie so oft kleine Schokoladen mit. Freudestrahlend beginnt er gerade die erste auszuwickeln, als seine Mutter Beatrix dazwischen kommt: „Gregor, es gibt jetzt bald Mittagessen – bitte heb dir die Schokolade zur Nachspeise auf.“ „Ich will die Schoki jetzt! Du bist soo gemein!“, schreit Gregor, pfeffert die Schokolade Richtung Mami, rennt zum Sofa und beginnt lautstark zu heulen. „So sei doch nicht so hart. Was macht schon so eine Kleinigkeit! Schau wie er weint, der Arme!“, mischt sich die Großmutter ein. „Wir haben zuhause die Regel, dass es Süßigkeiten nicht zwischendurch gibt. Das weiß Georg auch und mir ist es wichtig, dass wir uns auch daran halten“, erklärt Beatrix ihrer Schwiegermutter. „Das ist aber viel verlangt von diesem lieben Wonnebrocken!“, meint Oma Linde kopfschüttelnd.

Warten lernen ist nicht zu viel verlangt

Ist es am Ende wirklich „zu viel“ verlangt von Gregor, wenn er die Schokolade erst nach dem Essen bekommt? Gerade wenn es um Süßigkeiten geht, erweckt es oft großen Unmut, wenn Kinder sie nicht gleich haben dürfen. Manche Eltern entziehen sich solch unangenehmen Situationen, indem sie einfach nachgeben, sobald ihre Forderung beim Kind auf Widerstand stößt und die familiäre Harmonie stören würde. Beatrix bleibt bei ihrer Regel. Warum? Was kann hier dahinter stecken?

Kinder sind sehr von momentanen Eindrücken und Empfindungen geleitet – was sie gerade sehen, wollen sie haben. Bei Säuglingen ist es wichtig, dass ihre Bezugspersonen ihre Bedürfnisse erkennen und stillen. Das vermittelt ihnen Wärme und Geborgenheit, schafft Urvertrauen. Mit der Zeit können und sollen Kinder aber auch lernen, ihre Bedürfnisse für kurze und später auch für längere Zeit aufzuschieben und ihre momentanen Impulse zu kontrollieren. Also zum Beispiel zu warten, bis der Grießbrei genug ausgekühlt ist, ohne sich dabei mit einem Stück Apfel abzulenken oder ohne Jammern auszuhalten, bis Mami die Waschmaschine fertig beladen und dann Zeit hat, mit den „widerspenstigen Bausteinen“ zu helfen.

Auf dem Weg zur starken Persönlichkeit: warten lernen

Warten lernen in ganz alltäglichen, kleinen Situationen ist ein wichtiger Mosaikstein auf dem langen Weg zu einer willensstarken Persönlichkeit und einem ausgeglichenen Charakter. Dabei ist es hilfreich, wenn es im Familienalltag einfache Regeln gibt, die dem Kind Orientierung und Sicherheit geben und ihm zusätzlich helfen, Selbstkontrolle zu erlernen.

Beatrix hat wahrscheinlich diese langfristigen Erziehungsziele vor Augen und schafft es so leichter, den Unmut ihres Sohnes auszuhalten, obwohl es für sie viel einfacher wäre, ihm dieses kleine Schokoladenstück zu „gönnen“. Im Familienalltag bieten sich täglich viele kleine Gelegenheiten, um diese Muskeln des Willens zu stärken. Zum Beispiel das Kind beim Anziehen zu ermutigen, es selbst zu schaffen und sich auch über die „schwierigen“ Knöpfe und die „verflixte“ Strumpfhose zu wagen. Liebevolles Ermuntern, Humor und kleine Hilfestellungen, wenn es gar nicht klappen will, ermöglichen die Hürden zu bewältigen. So wird nicht nur das Durchhaltevermögen, sondern auch das Selbstbewusstsein des Kindes gestärkt.

Eltern erweisen ihren Kindern einen großen Dienst, wenn sie nicht so sehr vor ihren Kindern gehen, um ihnen alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, sondern mehr hinter ihren Kindern stehen, um sie zu ermutigen, es selbst zu schaffen.

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EIN ARTIKEL VON
  • Alexandra Schwarz

    In den Stella Kindergruppen und als Familienberaterin begleite ich Eltern in ihrer wunderbaren und spannenden Aufgabe der Erziehung. Als Mutter von sieben Kindern weiß ich, wie viel Freude Kinder bereiten, aber auch, wie hilfreich es sein kann, bei so mancher Herausforderung einen Input von „außen“ zu bekommen.


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